Vor der Karriere kommt der Einsatz an sozialen Brennpunkten
Spitzen-Absolventen der Unis gehen für zwei Jahre als Lehrer an die Schule Sie lernen selbst viel dabei
Wer sich hier zwei Jahre durchschlägt, ist im Anschluss entweder selbst völlig am Ende oder um so mehr ein Mensch, dem man Härtefälle und schwierigere Prüfungen zutrauen darf.
"Wir wollen die führenden Kräfte von morgen für die Schulen von heute gewinnen, damit Chancengerechtigkeit Realität wird." "Teach First Deutschland", Grundsatzerklärung
Die Rede ist von "Teach First Deutschland", einer gemeinnützigen GmbH, gegründet von Kaija Landsberg, die zugleich als Geschäftsführerin agiert.
Das Konzept ist so einfach wie herausfordernd: Junge Elite-Hochschulabsolventen sollen vor ihrem Start ins Berufsleben erst einmal zwei Jahre in sozialen Brennpunkten als Hilfs-Lehrer an Schulen unterrichten. Dabei geht es nicht nur um Mathe, Physik und den ganzen restlichen "typischen Schulkram", sondern auch um integrationsfördernde Projekte.
In kaum einem anderen Industrieland, wissen Experten, bestimmt die soziale Herkunft den Bildungserfolg eines Kindes so stark wie in Deutschland. "Um dies zu ändern, gewinnen wir persönlich und fachlich herausragende Absolventen als Lehrkräfte auf Zeit ("Fellows") für einen zweijährigen Einsatz an Schulen in sozialen Brennpunkten": Das ist die selbst formulierte Philosophie von "Teach First"
Inspiriert wurde Kaija Landsberg durch das amerikanische Vorbild "Teach for America", das 1990 von der damals 23-jährigen Hochschulabsolventin Wendy Kopp gegründet und bis heute bereits durch mehrere unabhängige Studien als erfolgreich dokumentiert wurde.
Dass Bildung immer wichtiger wird, ist lange schon kein Geheimnis mehr. Und auch unsere Bundeskanzlerin wird nicht müde, dies zu betonen. Dass sie hinter Projekten wie diesem steht, bewies sie durch die Verleihung eines Preises an Kaija Landsberg im Rahmen des "startsocial"-Wettbewerbs. Bevor es indes so konkret werden konnte, war viel Vorarbeit nötig und diese war nicht immer leicht. Kritiker und Kohle, also die nötigen finanziellen Mittel von dem einen gab es zeitweise zu viel, von dem anderen zeitweise zu wenig.
Die Kritiker bemängeln vor allem, dass die "Fellows", wie die "Lehrkräfte auf Zeit" genannt werden, keine professionell ausgebildeten Fachkräfte sind und dass sie sich früher oder später zu sehr von den Sponsoren, von denen es mittlerweile einige gibt, beeinflussen lassen könnten.
Jedoch sei weder das eine eine Gefahr noch das andere der Fall. "Fellows" erheben der Idee nach nicht den Anspruch auf Professionalität. Eine zweimonatige Schnell-Ausbildung bekomme allerdings jeder, der sich anschließend in die harte Wirklichkeit begibt.
Nachdem es mit einem Jahresbudget von 100 000 Euro begonnen hatte, ist man mittlerweile mit einem Etat von jährlich 2,5 Millionen Euro Sponsorengeldern gut bedient.
Die "Fellows" sind zwei Jahre zusammenhängend dabei, "zu geben". Die Frage, was sie davon haben, ist schnell beantwortet: Außer der Erfahrung und der allseits hochgeschätzten Horizonterweiterung sowie 1700 Euro Brutto (was von den teilnehmenden Bundesländern bezahlt wird) winken auch Führungspositionen in etablierten Unternehmen, beispielsweise denen der Sponsoren. Denn klar ist: Wer so etwas freiwillig macht, der hat auch noch andere Qualitäten.
Auch der Vorwurf, viele "Fellows" würden demnach allein aus Karriere-Gründen zwei Jahre Härte-Test in Kauf nehmen, ist aus Sicht der Projektleitung nicht nachvollziehbar. Denn jeder der Hochqualifizierten könnte bei der Eignung, die bei "Teach First" verlangt wird, auch sofort Karriere machen. Er oder sie verzichtet also zunächst auf Karriere, um sich zu engagieren.
Genau darum geht es. Einer von rund 100 "Fellows" in Deutschland zu sein bedeutet, einiges an Fähigkeiten mitzubringen nicht nur benötigtes Wissen. Vor allem, dass man mit Herz bei der Sache ist, das scheint für diese Art von Arbeit unabdingbar.
So erinnert sich Kaija Landsberg sehr gern an eine Sitzung, in der sie den Mitarbeitern einen finanziellen Engpass erklären musste und klar machte, dass das Geld nur noch für zwei weitere Monate reiche. Die unmittelbare Reaktion war: "Wir machen trotzdem weiter aus Überzeugung!" Derart überzeugt muss sein, wer sich für die zwei Jahre in sozialen Brennpunkten engagieren möchte. Und ohnehin wissen wir nicht erst seit gestern: Motivation ist der stärkste Motor!
Stefan Gelhorn (24) studiert im 5. Semester Medienwissenschaften in Braunschweig. Neben seiner Mitarbeit bei Campus gründete und leitet er Lerngruppen an der Uni u.a. für Mathematik und Elektrotechnik.













