Flugzeug der Zukunft – der ATRA ist gelandet
Braunschweig wird zum Heimatflughafen des größten und leistungsfähigsten zivilen Forschungsflugzeugs der Welt
Für die Braunschweiger Flugzeugmechanikerin Regina Gebhard (28) war es ein ganz besonderer und unvergesslicher Moment: Gestern taufte sie das außergewöhnlichste Flugzeug der Welt. Und die Spezialistin wird auch auf dem ATRA zum Einsatz kommen.
ATRA – das steht für "Advanced Technology Research Aircraft" und sucht seinesgleichen. Das größte und leistungsfähigste zivile Forschungsflugzeug kann als Flugversuchsträger in der Luft praktisch in jedes andere Flugzeug "verwandelt" werden.
Und es gibt (fast) keine Situation in der Luft und am Boden, die mit ATRA nicht untersucht werden kann. Und das alles auf der Basis und unter den Bedingungen eines real existierenden großen Verkehrsflugzeuges, eines Airbus A 320.
Klar, dass der für Luftfahrtforschung zuständige Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Joachim Szodruch, der jungen Flugzeugmechanikerin gestern bei der Taufzeremonie assistierte.
Andächtig lauschten hunderte Gäste aus Politik, Wirtschaft und Forschung, als es feierlich hieß: "Wir taufen dich auf den Namen Otto Lilienthal – und wünschen dir allzeit guten Flug."
Da war es heraus – ATRA wird Otto. Beide sind Pioniere der deutschen Luftfahrtforschung – und diese hat seit gestern endgültig ihren wichtigsten Stützpunkt in Braunschweig. Denn die Forschungsstadt ist jetzt der Heimatflughafen des ATRA, der ansonsten nach Hamburg abgewandert wäre.
Dies ist die Dimension der gestrigen Flugzeugtaufe, die zwar symbolisch, aber doch eigentlich nur das Nebenereignis war.
Denn der DLR-Vorstandsvorsitzende Johann-Dietrich Wörner machte vor den geladenen Gästen unmissverständlich klar, warum das einzigartige Flugzeug gerade da steht: "Die eigentliche Herausforderung ist die Infrastruktur – und das heißt eben auch Landebahn, Rollweg, Hangar."
Was das betrifft, so wurde gestern am Braunschweiger Forschungsflughafen also auch der neue Flugzeughangar des DLR nach 14-monatiger Bauzeit in Betrieb genommen, das rund 12 Millionen Euro teure Domizil des ATRA.
Entworfen von der Braunschweiger Struhk-Architekten-Planungsgesellschaft hat es mehr als 5000 Quadratmeter Platz – und bietet auch noch Raum für eine ganze Reihe weiterer Forschungs-Luftfahrzeuge des DLR.
Und dann ist da noch die Start- und Landebahn – ein Politikum, das die Gemüter erhitzt. Für die Verlängerung von jetzt 1680 Meter auf demnächst 2300 Meter wurden bereits die Weichen gestellt, einschließlich der letztinstanzlichen Überprüfung durch das Oberverwaltungsgericht Lüneburg und das Bundesverwaltungsgericht Leipzig.
Dass für die Verlängerung jedoch eine Waldfläche gerodet werden musste, gehört zu den umstrittenen und erbittert diskutierten Konsequenzen. Bis zu 60 000 Bäume, monieren Umwelt- und Naturschützer, müssen weichen.
Zu der Entwicklung, die Braunschweig forschungspolitisch im europäischen Kontext auf eine Stufe mit dem französischen Luftfahrtzentrum Toulouse stellt, gehört tatsächlich auch, dass zahlreiche Bürger – mit respektablen Gründen – nicht bereit sind, die erforderliche Naturzerstörung in Kauf zu nehmen.
Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Braunschweig, Dr. Bernd Meier, macht gegenüber unserer Zeitung indes den Stellenwert solcher grundlegenden Infrastruktur-Entscheidungen klar.
"Es handelt sich um eine Weichenstellung, die Zukunftsfähigkeit, Forschungs-Ressourcen und Kapazitäten für Bildung, Ausbildung, Studium und Beschäftigung für die nächsten Jahrzehnte hier in Braunschweig und in der Region sichert", sagt Meier.
DLR-Forschungsmanager Professor Stefan Levedag vom Braunschweiger Institut für Flugsystemtechnik hält die ganze Debatte für "eine Lehrstunde in Sachen Demokratie", in der mehrheitlich getroffene Entscheidungen eben dann auch akzeptiert werden müssten.
Im Gespräch mit unserer Zeitung macht DLR-Vorstands-Chef Wörner klar, dass die Infrastruktur-Frage für die Entscheidung des DLR zugunsten Braunschweigs entscheidend gewesen sei.
Ohne sichere Starts und Landungen des A 320, so Wörner, hätte man ATRA nicht fest in Braunschweig stationieren können.
Dies unterstreicht Guido Plützer, der künftig von Braunschweig aus das ATRA-Management leitet. Mit der bisherigen Länge sei die Braunschweiger Start- und Landebahn "dramatisch zu kurz".
Es gehe eben nicht um Starts und Landungen des A 320 an der Grenze des durchaus Möglichen – so wie auch am gestrigen Tag. Es gehe um einen regulären, sicheren, erfolgreichen Betrieb des Forschungsflugzeugs unter allen Bedingungen des Wetters, der Beladung und Betankung – also um die Normalität des ATRA-Einsatzes.
Ansonsten, so Plützer, "müssten wir die Versuche woanders machen".
Doch so weit kommt es nicht – ein Resultat, das künftige Flugzeuge von Braunschweig aus übrigens auch leiser, sparsamer, ressourcenschonender und umweltfreundlicher machen soll. Denn diese Forschung gilt als Kernstück der ATRA-Aktivitäten. Levedag: "Aktiven Umweltschutz betreiben wir mit dieser Forschung auch."
Ob das alle überzeugt, die auch gestern wieder vor dem DLR-Tor mit Protest-Transparenten Flagge zeigten, ist nicht sicher.
Allein die Image-Wirkung einer der wichtigsten forschungspolitischen Entscheidungen zugunsten Braunschweigs ist enorm. Der hiesige Forschungsflughafen wird zum Magneten für Forscher, Luftfahrtindustrie, Zulieferer und Luftfahrt-Institute zahlreicher Universitäten.
Klar: Alle wollen mit an der Spitze sein, wenn das Flugzeug der Zukunft erforscht wird. Es könnte – so wie ATRA – eine Brennstoffzelle an Bord haben.
Das DLR hat rund um ATRA insgesamt 42 Millionen Euro investiert. Der Wert des 1996 gebauten und komplett für Forschungszwecke umgebauten Flugzeugs schlägt dabei mit rund 18 Millionen Euro zu Buche.
"Für Luftfahrt-Verhältnisse eine unglaubliche Investition. Das gab’s noch nie", sagt Plützer. Und streicht heraus, welche Bedeutung ATRA auch für Airbus selbst besitzt. Die Kooperation setze Maßstäbe. Denn es ist klar: "So schön die Forschung am Computer, im Simulator oder Windkanal auch ist – am Ende muss sie in die Luft, aufs Flugzeug."
Der Forschungs-Airbus ist denn auch bereits komplett ausgebucht. Er wird die Hälfte des Jahres unterwegs sein. Allerdings wird das neue Braunschweiger Aushängeschild deutlich sichtbar sein. Gerechnet wird nach Informationen unserer Zeitung vom Sommer 2010 an mit durchschnittlich zehn Starts und Landungen in der Woche. Vom Forschungsflughafen.
Braunschweig ist dabei, lobt DLR-Boss Wörner, der perfekte Standort. "Denn hier haben wir alles, was wir brauchen."













