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19. März 2010
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Der Mann aus Kassel und seine Briefe

Er zog massenhaft Belege aus dem Abrechnungssystem von VW, gestern sagte er als Zeuge aus

Von Henning Noske

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Er hat Briefe geschrieben an die Oberen von VW. Es waren viele, viele Briefe.

An den Vorstandsvorsitzenden, an den Aufsichtsrats-Chef, an die Vorstände, aber auch an den Bundeskanzler, an den Ministerpräsidenten, an die Justizministerin – und sogar an den Bundes-Behindertenbeauftragten. Er hat sie alle beschäftigt – und gestern hat er einen ganzen Tag lang das Braunschweiger Landgericht in Atem gehalten.

Wer ist dieser Mann? Holger Sprenger, 47 Jahre alt. Früherer stellvertretender Abteilungsleiter im VW-Werk Kassel. Erfinder – ja, und das ist das Problem.

Er hat viele Erfindungen gemacht. Dabei geht es unter anderem um Montage-Linien für die Getriebe-Produktion. Er meint, VW müsse dafür mehr als 10 Millionen Euro zahlen. VW meint das nicht.

Als der Mann aus Kassel auf der Hauptversammlung 2003 in Hamburg Piëch, Pischetsrieder, Gott und die Welt angreift, wird er entlassen. Zuvor hat er recherchiert, wo und wie bei VW nach seiner Auffassung Geld verschleudert oder zweckentfremdet wird.

Wie er das herausbekommen hat, das ist eine ganz erstaunliche Geschichte. Mancher im Braunschweiger Gerichtssaal, in dem der Erfinder gestern als Zeuge im Volkert-Prozess aussagt, mag sie gar nicht so recht glauben. Aber sie wird sogar von VW bestätigt.

Als stellvertretender Abteilungsleiter hatte der Mann aus Kassel offenbar den System-Zugriff auf das VW-interne Abrechnungssystem "DIGAS". Er kam rein und holte ganz viel raus.

"Lieber Herr Sprenger – wir schalten Sie frei": So will er informiert worden sein. Und dann erzählt er seiner staunenden Zuhörerschaft im großen Schwurgerichtssaal: "Die haben da Unmengen von Belegen eingescannt – und ich hab sie alle heruntergeladen."

Die Beute des Erfinders war nun wirklich nicht uninteressant. Überall Belege für Verschwendung – so wie er es sieht. Hier eine Golftasche, dort dicke Zigarren der Marke "Monte Christo" für ein paar Hunderter, dann schon mal eine feine Klub-Mitgliedschaft für ein verdientes Aufsichtsratsmitglied.

Massenhaft werden da Leute auf VW-Kosten in Luxushotels transportiert, zum Beispiel nach Dubai. Da geht es um Fahrzeugpräsentationen. Alles vom Unternehmen bezahlt. Der liebe Herr Sprenger fischt massenhaft Belege aus dem System. Es ist schon eindrucksvoll, was so ein stellvertretender Abteilungsleiter bei VW alles rauskriegen kann.

Aber die Geschichte geht noch weiter. Der Mann hat nun ja genug Munition für seine Briefe. Einer soll im April 2003 an den Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch gegangen sein.

Und darin heißt es: "Mittlerweile liegen mir Belege über Luxusreisen, Reisen von Betriebsräten, Aufsichtsräten, Politikern und Prominenten, kostspielige Hubschrauberflüge, Privatrechnungen von Managern, die über Volkswagen abgerechnet wurden, ..., sowie die Abrechnungsbelege der Vorstandskonten mit dubiosen Anforderungen und Abrechnungen wie das Konto 1860 des H. Hartz ... und weitere dubiose Belege vor."

Wenn das stimmt, dann hätten die Verantwortlichen das Vorstandskonto 1860 von Ex-Personalvorstand Peter Hartz zwei Jahre früher prüfen und den Skandal entdecken können. Über dieses Konto wurden die teuren Betriebsrats-Sausen der VW-Affäre abgerechnet. Richtig aufgedeckt wurde dann erst im Frühsommer 2005.

Aber VW bestreitet, dass der Brief eingegangen ist. Mehr noch: Man halte ihn für gefälscht, teilt Konzern-Sprecher Andreas Meurer mit.

Er trage keinen Eingangsstempel des Generalsekretariats und sei nicht im Posteingangsbuch abgelegt. Und ein Eingangsstempel der Konzern-Revision und die Unterschrift eines VW-Revisors samt privater Handy-Nummer, die doch auf einer Kopie des Briefes zu erkennen sind? VW: Alles gefälscht.

Im Gerichtssaal macht sich schon eine gewisse Stimmung gegen diesen Zeugen breit. Hat er alles kopiert und reinkopiert – ein Schwindler, ein Betrüger?

Da wird er nach vorn zum Richtertisch gebeten – und zeigt in einer Akte, die vor der Richterin liegt, plötzlich auf Briefe, die ihm bekannt vorkommen. Die da, ja, die hat er auch geschrieben, sagt er. Merkwürdig, dass sie da liegen.

So geht das zu im Braunschweiger Landgericht. Die Akte hat das Gericht von VW über die Staatsanwaltschaft bekommen. "Da ist ja auch kein Eingangsstempel drauf", ruft Sprenger.

An diesem Punkt wendet sich das Blatt dann doch ein wenig. Noch immer steht freilich die mögliche Fälschung des Briefes im Raum. Aufklärung können hier wohl erst kriminaltechnische Gutachten liefern. Aber auf einmal beginnt man, diesen Zeugen wieder etwas ernster zu nehmen.

Und das soll sich lohnen. Zumal es jetzt darum geht, wie er in der Auseinandersetzung mit VW durchaus kafkaeske Erfahrungen machte. In seinem Roman-Fragment "Das Schloss" schildert der Dichter Franz Kafka ein dunkles, ständig präsentes System der Übermächtigkeit. Das ist natürlich nur Literatur.

S. übergibt viele Akten und Belege – und sie landen bei der Braunschweiger Staatsanwaltschaft in der Zentralstelle für Wirtschaftsstrafsachen. Da sollten sie auch hingehören. Statt nun zu ermitteln, übergeben die Staatsanwälte indes das Material, das ja doch brisant sein könnte, zurück an VW.

VW erhält also das Material, das Belastendes enthalten könnte, von den Staatsanwälten zurück. Die VW-Revision möge doch die Vorwürfe im Auftrag der Staatsanwaltschaft prüfen.

Die VW-Revision hat dann die Plausibilität der Belege geprüft. Da war alles plausibel. Die Golftasche, die Zigarren, die Klubmitgliedschaft und die teuren Reisen bei Marken-Präsentationen. Nachgefragt bei den Verantwortlichen habe man aber nicht, räumt der zuständige Revisor ein. Für die Prüfung der Plausibilität habe eine Art Inaugenscheinnahme der Belege ausgereicht.

Und die Hinweise auf das Vorstandskonto 1860? Hätten sie ein Angriffspunkt werden können? Es waren nur wenige. Und es ging wohl um nichts Wichtiges, sagt der Revisor.

Später erklärt sein damaliger Chef, der Leiter der Konzern-Revision: "Wir hatten keine Hinweise auf dieses Konto. Wenn wir ein Fünkchen davon gewusst hätten, dann hätten wir es sofort verfolgt und vor Gericht gebracht."

Ja, hätte der Sprenger-Brief, wenn er echt ist, dieses Fünkchen denn nicht liefern können? Auch da weiß VW schon Bescheid: Mit den Vorwürfen des Volkert-Prozesses stehe das alles nicht in Verbindung.

Die Reisebelege, um die es im Prozess geht, "waren nie im DIGAS-System", teilt VW in einer Hintergrundinformation an die Medien mit. Und wörtlich: "Der Angeklagte Gebauer hat sie ja gerade an den Rechnungs- und Kontrollsystemen des Konzerns vorbei abgerechnet."

Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft war schließlich mit der auftragsgemäßen Plausibilitätsprüfung von VW zufrieden. Im November 2004 stellte sie das Ermittlungsverfahren ein, Sprengers Vorwürfe hätten sich nicht bestätigt. Die VW-Revision habe geprüft und keinerlei Unregelmäßigkeiten festgestellt.

Es ist nur eine Randgeschichte dieses Prozesses, eine Art Nebenkriegsschauplatz, vielleicht nur eine Fußnote.

Es ist der Tag, an dem gegenüber Klaus Volkert der Vorwurf fallengelassen wurde, zu den Sonderboni in Höhe von zwei Millionen Euro angestiftet zu haben.

Es ist der Tag, an dem zum ersten Mal das Ende des Prozesses in sichtbare Nähe gerückt ist. Aber es ist auch der Tag, an dem das Braunschweiger Landgericht zur Bühne für einen wie Holger Sprenger wurde.

Das Publikum und die Experten rätseln über diesen Zeugen. Hat er durch Bauernschläue und einen Wahnsinns-Dusel vielleicht schon ein Zipfelchen der Wahrheit in der Hand gehabt?

Woran lag es, dass niemand danach greifen wollte? Von den "Braunschweiger Verhältnissen" raunt am Ende Reporter Hans Leyendecker von der "Süddeutschen".

Es ist aber vermutlich auch so, wie es der pensionierte Chef-Revisor von VW am Schluss fast ein wenig resignierend ausdrückt: "Ja, mit dem Wissen von heute wären wir vielleicht ganz anders an die Sache herangegangen."

Donnerstag, 17.01.2008
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/7838558/menuid/472005

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