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13. Februar 2012
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"Wir brauchen mehr Toleranz fürs Grün"

Professor Dietmar Brandes erläutert, warum es gerade in Braunschweig die größte Artenvielfalt in Niedersachsen gibt

Von Frank Joung

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Die Stadt ist grün – zumindest im Frühling. Da sprießt und gedeiht
es aus scheinbar jeder Mauerritze. Frank Joung sprach mit Professor Dietmar Brandes vom Institut für Pflanzenbiologie der TU Braunschweig über Flora an Bahnanlagen, die Verunkrautung der Stadt und Pflanzen mit Migrationshinter-
grund.

Herr Professor Brandes, Sie untersuchen die Flora in Städten. Was ist daran biologisch so interessant?

Was viele nicht wissen: Städte sind die artenreichsten Lebensräume in Mitteleuropa! Das ist ein Knaller. Das erwartet kein Biologe. Und in Braunschweig findet sich die höchste Vielfalt an Pflanzen in ganz Niedersachsen.

Woran liegt das?

Wir haben hier in Braunschweig eine hohe Ausstattung an natürlichen Ressourcen. Sand im Norden, Lehmböden im Süden, dann: die Okerufer, Hügel wie den Nußberg, historisch alte Wälder… Artenreich sind besonders alte Großstädte mit Spezial-Lebensräumen, wie alte Friedhöfe, alte Mauern. Viele Pflanzen wachsen auch an Straßen, Autobahnen. Eisenbahnanlagen sind im Übrigen die artenreichsten Lebensräume.

Wenn es in Städten eine große Pflanzenvielfalt gibt – wo liegt dann das Problem?

Das Problem liegt darin, dass wir keine Garantie haben, dass es so bleibt. Wenn plötzlich Lebens-
räume umgekrempelt werden, kann das für manche Pflanzen fatal
sein. Wenn gerodet wird, ist es vorbei.

Aber die Flora reagiert ja auch auf Veränderungen der Umwelt.

Das ist richtig, aber wir wissen nicht, wie sie reagiert – ob Pflanzen verschwinden zum Beispiel. Einige suchen sich Nischen und besiedeln andere Lebensräume. Andere sterben aus. Der Vielfalt schaden wir vielleicht nicht, der einzelnen Pflanze schaden wir deutlich – wenn wir alles zubauen.

Wie ist das mit ausländischen Pflanzen? Sind sie eine Gefahr für die heimische Flora?

Viele Pflanzen, die hier wachsen, kommen aus Ostasien, dem Kaukasus oder Nordamerika und werden vom Menschen eingeführt. Das ist auch gut. Es gibt nur in vereinzelten Fällen Probleme. Wir müssen keine Angst haben, dass einheimische Pflanzen durch fremde Arten bedroht sind. Keine Pflanzenart ist bislang in Mitteleuropa durch eine andere ausgerottet worden.

Nun sieht nicht jede Pflanze schön aus oder ist nützlich.

Biologisch gesehen machen wir keinen Unterschied. Schön, nützlich – alles ist willkommen. Es gibt Bereiche, da soll aus ästhetischen Gründen kein Unkraut sprießen, in anderen Bereichen kann man es tolerieren.

Was kann der Einzelne tun, um die Vielfalt aufrechtzuerhalten?

Ich empfehle, die ganze Sache mit Menschenverstand und Augenmerk zu sehen. Brachflächen etwa sind nicht gleich Schandflecken. Es muss nicht alles immer korrekt und ordentlich aussehen. Das Schlimmste ist, alles gleich zu behandeln. Wir brauchen mehr Toleranz fürs Grün.

Dienstag, 20.05.2008
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/8478393/menuid/2048
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