Nur sichere Flugzeuge heben ab
Spezialisten des Luftfahrt-Bundesamtes Braunschweig kontrollieren deutschlandweit Flieger aus dem Ausland
HANNOVER. Es ist eine russische Maschine, die über das Rollfeld näher kommt. Kaum sind die Passagiere samt Gepäck von Bord, betreten Olaf Zernick und Viktor Konrad das Cockpit. Sie tragen gelbe Warnwesten, auf denen "Task Force LBA" steht. Zernick und Konrad sind Sicherheitskontrolleure des Luftfahrt-Bundesamtes.
Die Einsatztruppe des Luftfahrt-Bundesamtes in Braunschweig kontrolliert Flugzeuge ausländischer Fluggesellschaften an allen deutschen Flughäfen. Unangemeldet und rund um die Uhr. Die Kontrolleure kennen kein Pardon: Wenn gravierende Sicherheitsmängel vorliegen, bleibt der Flieger am Boden.
Freudig begrüßt werden die Männer in den gelben Westen nicht gerade. Die Mannschaft hat es eilig. In einer Stunde soll die Maschine zurück nach St. Petersburg fliegen. Bis dahin muss die Kabine geputzt, der Flieger aufgetankt, ent- und beladen werden. Die Zeit ist knapp – und die Kontrolleure kosten die Crew wertvolle Minuten.
Doch dem gebürtigen Russen Viktor Konrad (52) gelingt es schnell, das Eis bei seinen Landsmännern zu brechen. Der Ingenieur ist selbst viele Jahre als Navigator um den Erdball geflogen. Mit geschultem Blick kontrolliert er Knöpfe, Hebel und Anzeigen im Cockpit, schaut gewissenhaft die Papiere und Lizenzen durch.
Sein Kollege Olaf Zernick (39) begutachtet derweil das Äußere der Maschine. "Sieht gar nicht schlecht aus", schildert der diplomierte Flugtechniker seinen ersten Eindruck. Das Reifenprofil sei in Ordnung, die Maschine nicht verbeult und in gepflegtem Zustand. Triebwerk, Fahrwerk, Bremsen: Punkt für Punkt hakt Zernick auf seiner Checkliste ab. Es folgt das Kabineninnere: Notbeleuchtung, Erste-Hilfe-Koffer, Feuerlöscher und so weiter.
Zwei kleine Mängel findet das Duo schließlich: Die Rettungswesten für die Crew sind zu fest verschnürt. Außerdem ist der Versicherungsschein in einer falschen Währung ausgestellt. "Das sind Mängel der Kategorie 1 – kleinste Beanstandungen. Sie werden dem Kapitän mitgeteilt", erklärt Zernick.
Erleichterung bei der Mannschaft: Die Maschine kann pünktlich starten. Den deutschen Kontrolleuren eilt der Ruf voraus, sehr penibel zu sein. Im vergangenen Jahr musste jede 20. Maschine nach der Kontrolle am Boden bleiben.
Die Task Force wurde 1996 gegründet. Auslöser war der Absturz eines Flugzeugs der türkischen Birgenair vor der Dominikanischen Republik. 189 Passagiere starben, darunter 164 deutsche Urlauber. Um die Flugsicherheit in Deutschland zu erhöhen, wurden Ad-hoc-Kontrollen ausländischer Maschinen angeordnet und nationale Landeverbote ausgesprochen.
"Damit waren wir europaweit die ersten", sagt Hans-Henning Mühlke, stellvertretender Präsident beim Luftfahrt-Bundesamt. Zuerst aber verlagerte sich das Problem nur: "Die gesperrten Fluggesellschaften steuerten grenznahe Flughäfen im Ausland an", erzählt Mühlke. Bis die europäischen Nachbarn nachzogen: Es wurden einheitliche Standards entwickelt und eine gemeinsame Datenbank angelegt. Die Schwarze Liste der Europäischen Union entstand – und machte das Fliegen in Europa sicherer.
Inzwischen gibt es eine EU-Richtlinie, die einheitliche Standards für Kontrollen vorschreibt. Alle Ergebnisse der Task Force werden in eine europäische Datenbank eingegeben. Knapp 11 000 Flugzeuge hat das Braunschweiger Team in zwölf Jahren unter die Lupe genommen.
Olaf Zernick und Viktor Konrad kontrollieren an diesem Tag noch zwei weitere Flugzeuge. Bei der zweiten stellen sie einen gravierenden Mangel fest: Die Sitze am Notausgang sind mit ungesicherten Klapptischen ausgestattet. Im Notfall könnte ein Passagier an den Tischen hängen bleiben. Ein Mangel der höchsten Kategorie 3. Die russischen Behörden werden informiert.
Der Flieger nach Sibirien durfte erst starten, nachdem die Tische abgeschraubt wurden.
FAKTEN:
Weltweit kamen im vorigen Jahr 751 Menschen bei
Flugzeugabstürzen ums Leben. Zum Vergleich: Im deutschen Straßenverkehr sterben
pro Jahr rund 4500 Menschen.
Die Todesrate lag in den 80er
und 90er Jahren deutlich höher: Pro Jahr starben im Schnitt 1200 Menschen im
internationalen Flugverkehr.
Zu den größten Unglücken der
vergangenen Jahre in Europa gehört der Zusammenprall einer Tupolew und einer
Boing über dem Bodensee im Juli 2002 mit 71 Toten. Zwei Jahre zuvor verloren 131
Menschen beim Absturz einer Concorde in Paris ihr Leben.
Die Task Force aus Braunschweig hat im vorigen Jahr 842
Flugzeuge kontrolliert. 86 Prozent entsprachen den Sicherheitsstandards. 9
Prozent wiesen leichte Mängel auf. Bei 5 Prozent wurden schwere Mängel
festgestellt, die vor dem Weiterflug behoben werden mussten.
Die
Schwarze Liste der EU umfasst aktuell 157 Fluggesellschaften. Untersagt
ist der Luftfahrtbetrieb unter anderem allen Linien aus Indonesien, Kirgisien,
Sierra Leone, Swasiland, Kongo und Liberia. Die komplette Liste im Internet: http://ec.europa.eu/transport/air-ban/list_de.htm













