"Die ersten Opfer einer Atomanlage"
Indizien sprechen dafür, dass die Asche von Teilen der beiden Betriebsschlosser im Asse-Schacht "ruht"
WOLFENBÜTTEL. Anlieferungen für das frühere "Forschungsbergwerk" Asse bei Remlingen im Kreis Wolfenbüttel wurden in einem Fass-Kontrollbuch dokumentiert. Und im Frühjahr 1976 wurden darin zwei Blechkisten aus Neuherberg notiert. Das wurde unserer Zeitung in Landtagskreisen in Hannover bestätigt.
Neuherberg ist Sitz der früheren Asse-Betreibergesellschaft für Strahlenforschung, heute Helmholtz-Zentrum München.
In diesen Fässern könnte Asche der beiden Schlossermeister gewesen sein, die am 19. November 1975 bei einem Unfall im bayerischen Atomkraftwerk Gundremmingen tödlich verunglückt waren.
"Das klingt durchaus plausibel", sagt Raimund Kamm, ehemals Grünen-Landtagsabgeordneter in München. Kamm engagiert sich heute im Vorstand des Vereins "Forum gegen das Zwischenlager Gundremmingen und für verantwortbare Energiepolitik." Eine Reihe von Indizien spräche dafür, dass mit den verstrahlten Unfallopfern so verfahren worden sein könnte.
Das Begräbnis in der Ortschaft Lauingen am 25. November 1975 hatte viel Aufsehen erregt, zumal die Umstände von etlichen Gerüchten begleitet worden waren.
Zukunftsforscher Robert Jungk beschrieb das Geschehen in "Der Atomstaat". Eingelötet in Zinksärgen, wurden die Schlossermeister begraben. Ihre Kollegen sind auch bei der Begräbnisfeier, um den ersten Unfallopfern einer bundesdeutschen Atomanlage das letzte Geleit zu geben.
Kamm hat dokumentiert, dass die beiden Schlosser bei Reparaturen an Schiebern des Primär-Reinigungskreislaufes verbrüht worden waren. Beteiligt war außerdem ein Strahlenschutzsachverständiger, der mit Verbrühungen an der Hand davon kam.
In folgenden Gerichtsprozessen sei nicht zu klären gewesen, wer die Verantwortung dafür hatte, dass Arbeiten an den unter Druck von radioaktivem Dampf stehenden Schiebern angeordnet worden waren. Das Gericht habe die verantwortlichen Führungskräfte in zweiter Instanz mangels Beweisen freigesprochen.
Eines der Opfer wurde, wie Kamm aus den Berichten weiß, zunächst im Lauinger Kreiskrankenhaus versorgt und folgend in einer Spezialklinik in Ludwigshafen behandelt, wo er dann aber starb. Beide Leichen wurden zur Obduktion ins Schwabinger Krankenhaus gebracht.
Ausplaudereien von Ärzten hätten damals für Gerüchte über die medizinische Behandlung der Opfer gesorgt. "Dann war damit aber auf einmal Schluss", so Kamm, "den Betroffenen wurde offenbar der Mund versiegelt." Kamm spricht von etlichen Merkwüdigkeiten.
Teile der Leichen sollen von der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung in München-Neuherberg, Vorgängerin des Helmholtz-Zentrums, auf Radioaktivität untersucht worden sein. Diese Leichenteile sollen bis 1976 in Neuherberg aufbewahrt und später als klinischer Abfall im Kernforschungszentrum Karlsruhe verbrannt worden sein.
"Damals war von ,Dekorporieren die Rede, mit diesem Begriff wurde die Entfernung von Körperteilen beschrieben", erinnert sich Kamm. Fachleute hätten schon damals vermutet, die Leichen seien nicht aus medizinischen Gründen untersucht worden, sondern um sie für die Beerdigung auf einem normalen Friedhof zu "konfektionieren". Mit anderen Worten: Die Leichen sollten demnach wohl so hergerichtet werden, dass keine Strahlungsgefahr bestehe.
"Die Überreste der Toten wurden deshalb ja offenbar auch in Zinksärgen und angeblich besonders tief bestattet", so Kamm.
Im Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter ist die Überprüfung der Vermutungen auf eine Nachfrage unserer Zeitung hin noch nicht abgeschlossen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hatte zu der Anfrage gesagt, nach der zurückliegenden Pannen- und Skandalserie in der Asse könne ihn kaum noch eine neue Entdeckung überraschen. Dort sei offenbar alles möglich gewesen.
Für Raimund Kamm passt die Geheimniskrämerei ins Bild des Umgangs mit Atomkraft. Und er ist sich sicher: "Protokolle und Unterlagen sind bestimmt vorhanden."
Bis 1978 wurden im Asse-Schacht rund 125 000 Behälter mit schwach- und 1300 mit mittelradioaktivem Müll eingelagert was genau, ist allerdings bis heute in vollem Umfang unklar.
Nach etlichen Pannen und Versäumnissen wurde dem ehemaligen Betreiber, der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung, später Helmholtz Zentrum München, zum Jahresbeginn 2009 die Verantwortung entzogen. Seit Januar ist das Bundesamt für Strahlenschutz mit Sitz in Salzgitter zuständig.
Über die Schließung der einsturzgefährdeten Schachtanlage soll
noch in diesem Jahr entschieden werden.













