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09. Februar 2012
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"Wir stehen vor einem politischen Desaster"

Forscher Herwig Birg über die Auswirkungen der alternden Gesellschaft


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Niedersachsen schrumpft und altert, sagt das Statistische Bundesamt. Ob dieser Trend umkehrbar ist, das erklärt Professor Herwig Birg. Er lehrte Bevölkerungswissenschaft an der Universität Bielefeld und ist Autor des Buches "Die ausgefallene Generation – Was die Demographie über unsere Zukunft sagt". Mit Birg sprach Redakteur Andre Dolle.

Wodurch wird der demographische Wandel verursacht?

Durch zwei Dinge: die Änderung des Fortpflanzungsverhaltens und die Abnahme der Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter. Das ist ein Domino-Effekt. Erst verringert sich die Kinderzahl pro Frau, daraus ergibt sich in einem Abstand von 20, 30 Jahren eine zahlenmäßig geringere Elterngruppe. Wir sind bereits beim vierten Domino-Stein angelangt. Die Kinderzahl pro Frau liegt seit vier Jahrzehnten bei etwa 1,4. Auch die Einführung des Elterngeldes vor einigen Jahren hat daran nichts geändert. Statt 1,35 liegt die Quote bei 1,37 Kindern pro Frau.

Was bedeuten Bevölkerungsrückgang und Alterung der Gesellschaft für jüngere Generationen?

Sie haben gleich mit zwei Auswirkungen zu kämpfen: Einerseits höhere Beiträge für die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung, andererseits werden sie selbst geringere Bezüge erhalten.

Kann die Rente mit 67 diese Entwicklung stoppen?

Nein, um diesen Effekt auszugleichen, müsste das Renteneintrittsalter im Jahr 2045 zum Beispiel bei 74 Jahren liegen. Eine Rente mit 67 würde diesen Trend nur abmildern, nicht aufhalten. Von weitaus größerer Bedeutung wäre es, wenn wir die Massenarbeitslosigkeit in den Griff bekämen. Da wir dann wesentlich mehr Beitragszahler und weniger zu Versorgende hätten, brächte das viel mehr Gewicht in die Waagschale.

Können wir denn die Alterung der Gesellschaft stoppen?

Nein, die Alterung ist ein auf Jahrzehnte unumkehrbarer Prozess, der durch zwei Kräfte angetrieben wird. Erstens sinkt durch die niedrige Geburtenrate die Zahl der Menschen in den jungen und mittleren Altersgruppen. Zweitens steigen die Lebenserwartung und die Zahl der Älteren. Der Aspekt der niedrigen Geburtenrate schlägt mit 80 Prozent bei der Alterung der Gesellschaft zu Buche, die höhere Lebenserwartung nur zu 20 Prozent.

Was wird in puncto demographischer Wandel die größte Aufgabe sein, die auf uns zukommt?

Wir werden neue Herausforderungen durch vier Faktoren bewältigen müssen, um ein politisches Desaster zu vermeiden. Da gibt es die Polarisierung zwischen Arm und Reich. Durch schmalere Renten und höhere gesetzliche Gesundheitsleistungen werden Ältere abgehängt.

Wir werden zudem eine stärker werdende Ausbeutung strukturschwacher Gebiete durch Abwanderung junger, gut qualifizierter Arbeitskräfte zugunsten prosperierender Regionen erleben. Die Zukunft jeder Region hängt davon ab, wie zukunftsfähig ihr Dienstleistungssektor und ihre Industrie sind.

Die Region Braunschweig ist stark industriell geprägt. Um das Geburtendefizit auszugleichen, müssten sich jedes Jahr Tausende von Studenten zusätzlich an der TU Braunschweig einschreiben und in die Region ziehen. Die Zukunft in der Region ist aber nicht so trüb wie anderswo, denn das industrielle Rückgrat ist auch in einer Dienstleistungs-Gesellschaft wichtig.

Als weiteren Punkt haben wir eine wachsende Kluft zwischen geringer qualifizierten Zuwanderern und den Einheimischen. Die Geburtenrate der Zuwanderer liegt mit 1,6 Kindern pro Frau zwar nur leicht über dem Schnitt, aber aufgrund ihrer jüngeren Altersstruktur haben Zuwanderer Geburtenüberschüsse.

Schließlich haben wir einen Dissens zwischen Familien mit Kindern und Kinderlosen. Eltern erziehen künftige Beitragszahler, Kinderlose aber erhalten auch ohne diese Erziehungsleistungen später gleiche Versorgungsbezüge. Frauen, die Kinder erziehen, steigen vorübergehend oder ganz aus dem Berufsleben aus und haben eine geringere Rentenerwartung, obwohl sie die Versorgung aller überhaupt erst ermöglichen.

All das zusammen führt zu einem diffusen Gefühl, dass es ungerechter zugehen wird in unserer Gesellschaft. Das könnte sich an der Wahlurne rächen, wenn die Leute radikale Parteien wählen.

Sind wir für die Aufgaben der Zukunft gewappnet?

Nein, die meisten wissen nicht genug Bescheid. Die Politik informiert nicht genug. Es wird aber gefährlicher, diese Aufklärung zu betreiben. Die Wähler würden fragen, warum nicht schon viel eher etwas geschehen ist. Schließlich wissen wir das alles seit 30 Jahren. Der Domino-Effekt ist so weit fortgeschritten, dass wir bis mindestens zur zweiten Jahrhunderthälfte am Trend der Alterung der Gesellschaft und der Schrumpfung der Bevölkerungszahl nichts mehr ändern können.

Dienstag, 09.03.2010
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/11887658/menuid/10200370
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