Artikel 1: Papa sitzt seit einem Jahr im Gefängnis
Eine junge Mutter wartet auf den Tag, an dem ihr Verlobter entlassen wird und die Familie wieder komplett ist
Artikel 1: (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu
schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und
unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft,
des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. (3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt
und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.
Reporterin Cornelia Steiner beschreibt in ihrer Reportage einen Aspekt des Lebens, der oft ausgeblendet wird. Denn das Leben hinter Gefängnismauern läuft meistens im Verborgenen ab – und kaum jemand spricht über die Angehörigen der Täter. Doch auch für sie gilt: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Der Abschied dauert einen langen Tag. Christin und ihr Verlobter wissen seit
der Urteilsverkündung vor einigen Wochen, dass dieser Tag kommt.
Sie packen
den Koffer, hören Musik und machen nochmal Fotos von sich und den Zwillingen.
Sie halten einander fest, wünschen, dieser Tag möge nie enden.
Dann sagt er: „So, ich muss los.“ Mit Tränen in den Augen. Sie küsst ihn, macht ihm Mut. „Wir schaffen das.“ Er nimmt seine Töchter in den Arm und drückt sie. Die beiden sind gerade mal zweieinhalb. „Tschüss.“ Dann ist er weg.
Am Abend dieses Tages kuschelt Christin mit den Kleinen, so wie jeden Abend
vorm Schlafengehen. Ihr kommen die Tränen, und die Kinder schauen sie fragend
an.
„Ich weine, weil Papa nicht da ist“, entgegnet sie. Und ohne Zögern sagt
eines der Mädchen: „Papa kommt wieder.“
Wer Straftaten begeht, muss mit Strafe rechnen – so ist das im Rechtsstaat. Doch wenn Väter ins Gefängnis kommen, dann trifft diese Strafe die ganze Familie. Partner und Kinder stehen plötzlich allein da. Was bleibt, sind Telefonate und Besuche hinter Gittern.
Seit einem Jahr sitzt der Vater der Zwillinge in der Justizvollzugsanstalt
Wolfenbüttel. Zu mehr als vier Jahren Haft hat das Gericht den 28-Jährigen
verurteilt. Zuletzt ging es um Drogenhandel, davor hatte er schon
Bewährungsstrafen bekommen, unter anderem wegen Körperverletzung und Nötigung.
Es ist nicht das erste Mal, dass er im Gefängnis sitzt.
Draußen wartet seine Verlobte. Christin Uter ist 27, gelernte Groß- und
Außenhandelskauffrau. Sie hat einen Job, die Zwillinge gehen in den
Kindergarten, die Schwiegermutter und Nachbarn helfen oft.
Manchmal fragen die Kinder, wo er denn bleibt.
Auf ihrer kleinen Terrasse ist die Welt in Ordnung. Im Sandkasten vergessen
die Kinder alles um sich herum und backen Sandkuchen, garniert mit Gras. Vor der
Terrassentür rekelt sich die Hündin, und gleich hinterm Zaun ist der
Spielplatz.
Drinnen in der Schrankwand stehen Familienfotos, Bilder vom Verlobten, vom
Papa. „Die haben wir gemacht, damit sie ihn nicht vergessen. Es ist ganz
wichtig, dass er für sie immer präsent ist. Die Beziehung zu den Kindern darf
nicht kaputt gehen, nur weil er Mist gebaut hat. Wenn ich die Zwillinge abends
ins Bett bringe, sage ich ihnen auch immer: ‚Mama und Papa haben euch
lieb.‘“
Manchmal fragen die Kinder, wann Papa denn wieder bei ihnen ist. Das kommt
etwa vor, wenn der Computer kaputt geht. Die Mädchen wissen genau, wer in
solchen Momenten helfen könnte: „Papa muss ihn heile machen.“ Christin Uter
erklärt ihnen dann, dass er noch eine Weile arbeiten muss, bevor er zurückkommen
kann. Bislang geben sich die Kleinen mit dieser Antwort zufrieden.
Wo ihr Papa derzeit wohnt, das wissen die Mädchen. Schließlich können sie ihn
mit ihrer Mutter hin und wieder besuchen.
Jeden Montag geht Christin Uter für eine Stunde ins Gefängnis. In den ersten
Wochen wollte ihr Verlobter nicht, dass die Kinder ihn dort sehen. Aber die
beiden haben oft nach ihm gefragt, und dann hat er sich anders
entschieden.
„Die Distanz hat ihm sehr weh getan, und er hat immer noch große Angst, dass
sie sich von ihm entfremden. Außerdem will er wenigstens ein bisschen
miterleben, wie sie sich entwickeln“, sagt sie. Als die Kinder das erste Mal im
Gefängnis zu Besuch waren, wollten sie ihren Vater sofort mit nach Hause nehmen.
Inzwischen nehmen sie es hin, dass das nicht geht. Auch an die Umgebung haben
sie sich gewöhnt. Sie kennen die Justizvollzugsbeamtin, holen ihrem Vater
regelmäßig Süßigkeiten vom Automaten und spielen in der Spielecke des
Besuchsraums, während ihre Eltern miteinander reden.
„Wir beide telefonieren zwar jeden Abend miteinander. Aber wenn ich ihn
besuche, gibt es doch so unheimlich viel zu erzählen, oder wir nehmen uns
einfach in den Arm. Die 60 Minuten reichen uns Eltern schon kaum – für die
Kinder ist es zu wenig Zeit“, sagt Christin Uter.
Träume vom glücklichen Familienleben
Damit inhaftierte Väter und ihre Kinder auch ungestört Zeit verbringen
können, bieten einige Justizvollzugsanstalten in Deutschland gemeinsame
Nachmittage an. In Bielefeld etwa können Väter mit ihren Töchtern oder Söhnen
zusätzlich zur normalen Besuchszeit einmal im Monat zwei Stunden lang toben,
kuscheln, basteln und frisch gebackene Waffeln naschen.
Das stärkt die
Bindung und hilft vor allem älteren Kindern, mit der Wahrheit umzugehen. Denn
viele sind verunsichert und wissen nicht, wie sie anderen erklären, dass ihr
Papa im Gefängnis sitzt und sie ihn trotzdem lieb haben.
Christin Uter wünscht sich sehr, dass ihr Verlobter mehr Zeit mit den
Zwillingen verbringen kann. „Das ist doch vor allem für die Zeit nach der Haft
so wichtig“, sagt sie.
Die Zeit danach – sie lebt schon in Christin Uters Träumen. Sie will mit
ihrem Partner glücklich sein, Familienausflüge machen und zusehen, wie er den
Mädchen bald das Schwimmen und Radfahren beibringt.
Sie hofft, dass er schon im Sommer wieder bei ihnen ist. Immerhin hat sie
ihrem Verlobten eine Lehrstelle organisiert: Ab August könnte er sich zum Koch
ausbilden lassen.
Viele Sorgen, aber immer wieder Hoffnung
Sie hat mehrere Briefe an Richter und Staatsanwälte geschrieben, mit der Bitte, ihren Verlobten vorzeitig zu entlassen. Christin Uter hält das Strafmaß für unangemessen. „Er hat nicht mit Drogen gehandelt, sondern ist in die Sache nur reingerutscht, davon bin ich vollkommen überzeugt.“ Sie sagt, sie habe den Glauben an das Rechtssystem verloren.
Diese Gedanken erschweren Christin Uter das Warten. Sie macht sich auch
Sorgen über ihren Partner, erzählt, wie niedergeschlagen er manchmal am Telefon
ist, erzählt von ihrem Eindruck, dass hinter den Mauern mitunter Dinge
geschehen, die einen Menschen fertig machen können, erzählt von Gewalt unter den
Inhaftierten, vom rauen Ton einiger Justizvollzugsbeamten und von viel
Einsamkeit.
Zugleich hat sie Hoffnung. „Er hat bisher vieles angefangen und selten etwas
richtig zu Ende gebracht. Im Moment macht er sich aber oft Gedanken darüber, wie
die Zukunft aussehen soll. Er sagt, dass er für uns sorgen will, und er möchte
eine Entzugstherapie machen, um von den Drogen wegzukommen. Ich glaube
ihm.“
Seit zehn Jahren sind die beiden ein Paar, und Christin Uter hat stets darauf vertraut, dass sie ihren Weg finden. „In dieser Zeit ist viel passiert, aber ich habe immer zu ihm gestanden. So ein Mensch hat nicht nur schlechte Seiten, und ich liebe ihn nun mal.“













