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11. Februar 2012
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Artikel 1: Papa sitzt seit einem Jahr im Gefängnis

Eine junge Mutter wartet auf den Tag, an dem ihr Verlobter entlassen wird und die Familie wieder komplett ist

Von Cornelia Steiner

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Artikel 1: (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Reporterin Cornelia Steiner beschreibt in ihrer Reportage einen Aspekt des Lebens, der oft ausgeblendet wird. Denn das Leben hinter Gefängnismauern läuft meistens im Verborgenen ab – und kaum jemand spricht über die Angehörigen der Täter. Doch auch für sie gilt: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Der Abschied dauert einen langen Tag. Christin und ihr Verlobter wissen seit der Urteilsverkündung vor einigen Wochen, dass dieser Tag kommt.
Sie packen den Koffer, hören Musik und machen nochmal Fotos von sich und den Zwillingen. Sie halten einander fest, wünschen, dieser Tag möge nie enden.

Dann sagt er: „So, ich muss los.“ Mit Tränen in den Augen. Sie küsst ihn, macht ihm Mut. „Wir schaffen das.“ Er nimmt seine Töchter in den Arm und drückt sie. Die beiden sind gerade mal zweieinhalb. „Tschüss.“ Dann ist er weg.

Am Abend dieses Tages kuschelt Christin mit den Kleinen, so wie jeden Abend vorm Schlafengehen. Ihr kommen die Tränen, und die Kinder schauen sie fragend an.

„Ich weine, weil Papa nicht da ist“, entgegnet sie. Und ohne Zögern sagt eines der Mädchen: „Papa kommt wieder.“

Wer Straftaten begeht, muss mit Strafe rechnen – so ist das im Rechtsstaat. Doch wenn Väter ins Gefängnis kommen, dann trifft diese Strafe die ganze Familie. Partner und Kinder stehen plötzlich allein da. Was bleibt, sind Telefonate und Besuche hinter Gittern.

Seit einem Jahr sitzt der Vater der Zwillinge in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel. Zu mehr als vier Jahren Haft hat das Gericht den 28-Jährigen verurteilt. Zuletzt ging es um Drogenhandel, davor hatte er schon Bewährungsstrafen bekommen, unter anderem wegen Körperverletzung und Nötigung. Es ist nicht das erste Mal, dass er im Gefängnis sitzt.

Draußen wartet seine Verlobte. Christin Uter ist 27, gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau. Sie hat einen Job, die Zwillinge gehen in den Kindergarten, die Schwiegermutter und Nachbarn helfen oft.

Manchmal fragen die Kinder, wo er denn bleibt.

Auf ihrer kleinen Terrasse ist die Welt in Ordnung. Im Sandkasten vergessen die Kinder alles um sich herum und backen Sandkuchen, garniert mit Gras. Vor der Terrassentür rekelt sich die Hündin, und gleich hinterm Zaun ist der Spielplatz.

Drinnen in der Schrankwand stehen Familienfotos, Bilder vom Verlobten, vom Papa. „Die haben wir gemacht, damit sie ihn nicht vergessen. Es ist ganz wichtig, dass er für sie immer präsent ist. Die Beziehung zu den Kindern darf nicht kaputt gehen, nur weil er Mist gebaut hat. Wenn ich die Zwillinge abends ins Bett bringe, sage ich ihnen auch immer: ‚Mama und Papa haben euch lieb.‘“

Manchmal fragen die Kinder, wann Papa denn wieder bei ihnen ist. Das kommt etwa vor, wenn der Computer kaputt geht. Die Mädchen wissen genau, wer in solchen Momenten helfen könnte: „Papa muss ihn heile machen.“ Christin Uter erklärt ihnen dann, dass er noch eine Weile arbeiten muss, bevor er zurückkommen kann. Bislang geben sich die Kleinen mit dieser Antwort zufrieden.

Wo ihr Papa derzeit wohnt, das wissen die Mädchen. Schließlich können sie ihn mit ihrer Mutter hin und wieder besuchen.

Jeden Montag geht Christin Uter für eine Stunde ins Gefängnis. In den ersten Wochen wollte ihr Verlobter nicht, dass die Kinder ihn dort sehen. Aber die beiden haben oft nach ihm gefragt, und dann hat er sich anders entschieden.

„Die Distanz hat ihm sehr weh getan, und er hat immer noch große Angst, dass sie sich von ihm entfremden. Außerdem will er wenigstens ein bisschen miterleben, wie sie sich entwickeln“, sagt sie. Als die Kinder das erste Mal im Gefängnis zu Besuch waren, wollten sie ihren Vater sofort mit nach Hause nehmen. Inzwischen nehmen sie es hin, dass das nicht geht. Auch an die Umgebung haben sie sich gewöhnt. Sie kennen die Justizvollzugsbeamtin, holen ihrem Vater regelmäßig Süßigkeiten vom Automaten und spielen in der Spielecke des Besuchsraums, während ihre Eltern miteinander reden.

„Wir beide telefonieren zwar jeden Abend miteinander. Aber wenn ich ihn besuche, gibt es doch so unheimlich viel zu erzählen, oder wir nehmen uns einfach in den Arm. Die 60 Minuten reichen uns Eltern schon kaum – für die Kinder ist es zu wenig Zeit“, sagt Christin Uter.

Träume vom glücklichen Familienleben

Damit inhaftierte Väter und ihre Kinder auch ungestört Zeit verbringen können, bieten einige Justizvollzugsanstalten in Deutschland gemeinsame Nachmittage an. In Bielefeld etwa können Väter mit ihren Töchtern oder Söhnen zusätzlich zur normalen Besuchszeit einmal im Monat zwei Stunden lang toben, kuscheln, basteln und frisch gebackene Waffeln naschen.
Das stärkt die Bindung und hilft vor allem älteren Kindern, mit der Wahrheit umzugehen. Denn viele sind verunsichert und wissen nicht, wie sie anderen erklären, dass ihr Papa im Gefängnis sitzt und sie ihn trotzdem lieb haben.

Christin Uter wünscht sich sehr, dass ihr Verlobter mehr Zeit mit den Zwillingen verbringen kann. „Das ist doch vor allem für die Zeit nach der Haft so wichtig“, sagt sie.

Die Zeit danach – sie lebt schon in Christin Uters Träumen. Sie will mit ihrem Partner glücklich sein, Familienausflüge machen und zusehen, wie er den Mädchen bald das Schwimmen und Radfahren beibringt.

Sie hofft, dass er schon im Sommer wieder bei ihnen ist. Immerhin hat sie ihrem Verlobten eine Lehrstelle organisiert: Ab August könnte er sich zum Koch ausbilden lassen.

Viele Sorgen, aber immer wieder Hoffnung

Sie hat mehrere Briefe an Richter und Staatsanwälte geschrieben, mit der Bitte, ihren Verlobten vorzeitig zu entlassen. Christin Uter hält das Strafmaß für unangemessen. „Er hat nicht mit Drogen gehandelt, sondern ist in die Sache nur reingerutscht, davon bin ich vollkommen überzeugt.“ Sie sagt, sie habe den Glauben an das Rechtssystem verloren.

Diese Gedanken erschweren Christin Uter das Warten. Sie macht sich auch Sorgen über ihren Partner, erzählt, wie niedergeschlagen er manchmal am Telefon ist, erzählt von ihrem Eindruck, dass hinter den Mauern mitunter Dinge geschehen, die einen Menschen fertig machen können, erzählt von Gewalt unter den Inhaftierten, vom rauen Ton einiger Justizvollzugsbeamten und von viel Einsamkeit.

Zugleich hat sie Hoffnung. „Er hat bisher vieles angefangen und selten etwas richtig zu Ende gebracht. Im Moment macht er sich aber oft Gedanken darüber, wie die Zukunft aussehen soll. Er sagt, dass er für uns sorgen will, und er möchte eine Entzugstherapie machen, um von den Drogen wegzukommen. Ich glaube ihm.“

Seit zehn Jahren sind die beiden ein Paar, und Christin Uter hat stets darauf vertraut, dass sie ihren Weg finden. „In dieser Zeit ist viel passiert, aber ich habe immer zu ihm gestanden. So ein Mensch hat nicht nur schlechte Seiten, und ich liebe ihn nun mal.“

Mittwoch, 20.05.2009
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/10360908/menuid/10409935