Artikel 2: "Wer sich zu sehr entfaltet, wird zurechtgestaucht"
Die Bewohner der Wagenburg in Braunschweig genehmigen sich viel Freiheit
Artikel 2: (1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner
Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die
verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz
verstößt.
(2) Jeder hat das Recht
auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist
unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen
werden.
Uwe Hildebrandt schreibt in seiner Reportage über Menschen, die
bewusst eine andere Lebensform gewählt haben. Mit Klischees kann man diese
gesellschaftliche Nische nicht erfassen: Auf dem Wagenplatz lebt nicht nur eine
bestimmte Art junger Alternativer, sondern es kommen hier ganz unterschiedliche
Charaktere zusammen: Künstler, Sozialpädagogen, ein Elektrotechniker, eine
Goldschmiedin...
Das Plenum des Wagenplatzes tagt.
Die Bewohner haben es kurzfristig einberufen, sitzen unter freiem Himmel an
einem massiven Holztisch Marke Eigenbau. Der Grund für die Versammlung: Ein
Redakteur dieser Zeitung möchte über das kleine Völkchen schreiben, das sich mit
seinen rollenden Holzhütten im Braunschweiger Norden niedergelassen hat. Er will
eine Nacht in der Wagenburg schlafen.
Ob die Recherche überhaupt laufen
darf, ist fraglich. Denn einzelne Bewohner stehen der Tageszeitung sehr
skeptisch gegenüber. Und in dem Wagenplatz-Plenum wird nicht irgendwann
abgestimmt - die Entscheidungen werden vielmehr einstimmig gefällt, alle haben
gleich viel zu sagen.
In den ersten 20 Minuten ist der Journalist noch
dabei, steht Rede und Antwort. Dann muss er ein paar einsame Runden über den
schönen, mit Bäumen umsäumten Platz drehen. Das Dutzend Bewohner, das an dem
Plenum teilnimmt, will unter Ausschluss der Öffentlichkeit weiterdiskutieren.
Endlich wird der Redakteur herbeigepfiffen: Die Geschichte kann laufen.
Allerdings stellen die Bewohner, die fast alle zwischen 20 und 40 Jahre
alt sind, eine Bedingung: "Wir wollen nicht für eine Geschichte herhalten, die
erzählt, dass die freie Entfaltung der Persönlichkeit nach Artikel 2 des
Grundgesetzes bei uns problemlos möglich ist", sagt Dagmar Hauth (32).
Das sieht aber verdammt nach freier Entfaltung aus, mögen sich die
beiden Jogger denken, die plötzlich am Nachmittag durch die Wagenburg laufen.
Sie sehen kreuz und quer an den Platzrändern stehende, ausgediente Bauwagen, die
sehr individuell mit Fenstern und Farbe versehen wurden. Sie sehen
Wagenmenschen, die in ihren Türen hocken oder auf der Wiese liegen, die lesen,
essen oder etwas zurecht schrauben.
Die beiden Männer sind in vollem
Sportdress, tragen enge Laufhosen und knallige Shirts - ein starker Kontrast zur
lässigen Jeans- und Leinen-Garderobe der Wagenmenschen. "Sackgasse!", rufen die
den Läufern amüsiert zu. Die beiden Männer gucken verunsichert um sich, suchen
das Weite.
Am Abend wird der Grill angeworfen, auf dem sowohl
Tofu-Würstchen als auch normale Bratwürste landen. Wieder versammelt sich ein
Teil der Bewohner an dem Holztisch. Einige trinken Tee, andere Bier. Es kommt
eine Diskussion auf, in der es um die Grenzen der Freiheit geht.
Die
Bewohner legten zwar wirklich viel Wert darauf, sich selbstbestimmt zu
entfalten, sagt Moni Aumann (30): "Aber andererseits hat man es immer noch nicht
offiziell erlaubt, dass wir hier stehen - wir werden toleriert."
Tatsächlich gibt es für diesen Wagenplatz keine offizielle Genehmigung.
In den 90er Jahren stellten sich die Bewohner der ersten Generation einfach auf
das städtische Gelände. Die Stadt Braunschweig wertet es eher als Zeichen von
besonderer Toleranz, dass sie nie dagegen eingeschritten ist. "Im Mai 2001 hatte
die Verwaltung nach Erörterung in der Dezernentenkonferenz entschieden, die
Bauwagenbewohner bis auf weiteres zu tolerieren, aber den Zustand rechtlich
nicht durch Vertrag zu verfestigen", antwortet Stadt-Sprecher Adrian Foitzik auf
Anfrage.
Die Freiheit stößt eben auch in der Wagen-Enklave auf Grenzen,
wie die Teilnehmer der Grill-Runde erzählen. So gab es anfangs Vorbehalte in der
Nachbarschaft. Die Wagenbewohner stellten sich der Diskussion, gingen auf
Wünsche ein: Die Mittagsruhe von 13 bis 15 Uhr wird in der Wagenburg
eingehalten, selbst wenn das der ein oder andere spießig findet.
Es kann
auch keiner einfach so den Wasserhahn aufdrehen. Aber Komfort genießen zu
können, das ist eine Form von Freiheit, um die es den Menschen hier nicht geht.
Die Wagenbewohner müssen ihr Trink- und Brauchwasser in Kanistern ranschaffen.
Duschorgien erlaubt sich da keiner.
Ihren Strom erzeugen sie mit Solarzellen
auf dem Dach und kleinen Windrädern. Manche schätzen in der Nacht sowieso nur
echten Kerzenschein. Aber den anderen kann bei wenig Sonne und Wind in der
Zwölf-Volt-Batterie schon mal der Saft ausgehen. Besonders im Winter kann es
finster werden. Manchmal bilden sich an der Wagendecke über Nacht gar Eiszapfen
aus der feuchten Atemluft. Kein Wunder, dass die Wagenbewohner jetzt im Mai nur
so herausstürmen aus ihren Wagen. Sie lieben die Sonne.
Für Mathias
Wedler, einen Elektrotechniker und Vater eines Sohnes, hat das Fehlen von
Zentralheizung sowie Wasser- und Stromanschluss sogar Vorzüge: "Wir haben hier
einen viel direkteren Bezug zu Wärme, Luft oder Wasser - zu dem, was elementar
im Leben ist."
Unter derart ursprünglichen Lebensumständen suchen die
Frauen aber keineswegs das Weite. Sie sind auf dem Wagenplatz stark vertreten,
hacken ihr eigenes Holz, halten sich in Diskussionen nicht zurück.
Es
sei keineswegs einfach, andere Lebensentwürfe zu verwirklichen, wirft Dagmar
ein. Die 32-Jährige verweist darauf, dass es jede Menge Vorschriften gebe, mit
denen ihnen Behörden bei Bedarf das Leben schwer machen könnten. Unklar sei
auch, wie stark die Polizei den Platz beobachtet. Moni Aumann ergänzt, dass es
ja nicht nur der Staat sei, der eine freie Entfaltung der Persönlichkeit
behindern könne: "Es geht nicht nur darum, dass die Grundrechte geachtet werden
- es ist ja auch nicht okay, wenn Menschen gesellschaftlich ausgegrenzt werden,
nur weil sie andere Kleidung tragen."
Von solchen Erlebnissen
könnten Wagenbewohner ebenso wie andere Randgruppen viel berichten. Anja Stapel,
deren lange blonde Haare zu Dreadlocks verfilzt sind, sagt: "Die freie
Entfaltung ist eben nur in engen Grenzen möglich, dann wird man
zurechtgestaucht".
Es ist dunkel geworden, das heftige Vogel-Zwitschern
ist verstummt, nun dreht eine Fledermaus still ihre Runden. "Hier kann man
machen, was man will", hatte Anja eben noch gesagt. Wirklich alles? Auch auf dem
Wagenplatz gibt es natürlich Regeln, über die im Plenum diskutiert wird. "Es
darf zum Beispiel keiner den Platz zumüllen", erzählt Marcus Germer (36). Als
ein Bewohner immer wieder nachts anfing, zu trommeln, wurde auch das untersagt.
Dennoch haben die Wagenmenschen das hehre Ziel, so wenig Verbote wie
möglich auszusprechen: "Jeder soll hier glücklich werden", sagt Anja. Ein
wichtiger Unterschied zur Wohngemeinschaft ist für die 27-Jährige, dass man sich
im Freien besser aus dem Weg gehen kann. Es ist genau das, was das Experiment
Wagenburg ausmacht: Die Bewohner wollen jedem ganz viel Individualität
genehmigen und dennoch die Gemeinschaft pflegen.
Gegen 23 Uhr verkriecht
sich einer nach dem anderen in seinen Wagen. Man höre durch die dünnen Wände
immer ein wenig, was beim Nachbarn passiere, erzählt Dagmar. Die 32-Jährige
liebt es, wenn sie den Regen aufs Dach prasseln hört, wenn der Wind den ganzen
Wagen hin und her wiegt - so lässt es sich gut einschlafen.
"Neulich war
aber nachts Sturm, meiner Nachbarin war unwohl, ihr Wagen wackelte so sehr. Da
kam sie zu mir rüber", erzählt Dagmar: "Ich war froh, dass sie da bei mir war."
Die 32-Jährige schaut etwas verträumt in den Sternenhimmel: "Für viele mag das
Leben hier ärmlich wirken? Für mich ist es der reine
Reichtum."













