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11. Februar 2012
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Artikel 2: "Wer sich zu sehr entfaltet, wird zurechtgestaucht"

Die Bewohner der Wagenburg in Braunschweig genehmigen sich viel Freiheit

Von Uwe Hildebrandt

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Artikel 2:  (1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. 
 
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.


Uwe Hildebrandt schreibt in seiner Reportage über Menschen, die bewusst eine andere Lebensform gewählt haben. Mit Klischees kann man diese gesellschaftliche Nische nicht erfassen: Auf dem Wagenplatz lebt nicht nur eine bestimmte Art junger Alternativer, sondern es kommen hier ganz unterschiedliche Charaktere zusammen: Künstler, Sozialpädagogen, ein Elektrotechniker, eine Goldschmiedin...

 
Das Plenum des Wagenplatzes tagt. Die Bewohner haben es kurzfristig einberufen, sitzen unter freiem Himmel an einem massiven Holztisch Marke Eigenbau. Der Grund für die Versammlung: Ein Redakteur dieser Zeitung möchte über das kleine Völkchen schreiben, das sich mit seinen rollenden Holzhütten im Braunschweiger Norden niedergelassen hat. Er will eine Nacht in der Wagenburg schlafen.

Ob die Recherche überhaupt laufen darf, ist fraglich. Denn einzelne Bewohner stehen der Tageszeitung sehr skeptisch gegenüber. Und in dem Wagenplatz-Plenum wird nicht irgendwann abgestimmt - die Entscheidungen werden vielmehr einstimmig gefällt, alle haben gleich viel zu sagen.

In den ersten 20 Minuten ist der Journalist noch dabei, steht Rede und Antwort. Dann muss er ein paar einsame Runden über den schönen, mit Bäumen umsäumten Platz drehen. Das Dutzend Bewohner, das an dem Plenum teilnimmt, will unter Ausschluss der Öffentlichkeit weiterdiskutieren. Endlich wird der Redakteur herbeigepfiffen: Die Geschichte kann laufen.

Allerdings stellen die Bewohner, die fast alle zwischen 20 und 40 Jahre alt sind, eine Bedingung: "Wir wollen nicht für eine Geschichte herhalten, die erzählt, dass die freie Entfaltung der Persönlichkeit nach Artikel 2 des Grundgesetzes bei uns problemlos möglich ist", sagt Dagmar Hauth (32).

Das sieht aber verdammt nach freier Entfaltung aus, mögen sich die beiden Jogger denken, die plötzlich am Nachmittag durch die Wagenburg laufen. Sie sehen kreuz und quer an den Platzrändern stehende, ausgediente Bauwagen, die sehr individuell mit Fenstern und Farbe versehen wurden. Sie sehen Wagenmenschen, die in ihren Türen hocken oder auf der Wiese liegen, die lesen, essen oder etwas zurecht schrauben.

Die beiden Männer sind in vollem Sportdress, tragen enge Laufhosen und knallige Shirts - ein starker Kontrast zur lässigen Jeans- und Leinen-Garderobe der Wagenmenschen. "Sackgasse!", rufen die den Läufern amüsiert zu. Die beiden Männer gucken verunsichert um sich, suchen das Weite.

Am Abend wird der Grill angeworfen, auf dem sowohl Tofu-Würstchen als auch normale Bratwürste landen. Wieder versammelt sich ein Teil der Bewohner an dem Holztisch. Einige trinken Tee, andere Bier. Es kommt eine Diskussion auf, in der es um die Grenzen der Freiheit geht.

Die Bewohner legten zwar wirklich viel Wert darauf, sich selbstbestimmt zu entfalten, sagt Moni Aumann (30): "Aber andererseits hat man es immer noch nicht offiziell erlaubt, dass wir hier stehen - wir werden toleriert."

Tatsächlich gibt es für diesen Wagenplatz keine offizielle Genehmigung. In den 90er Jahren stellten sich die Bewohner der ersten Generation einfach auf das städtische Gelände. Die Stadt Braunschweig wertet es eher als Zeichen von besonderer Toleranz, dass sie nie dagegen eingeschritten ist. "Im Mai 2001 hatte die Verwaltung nach Erörterung in der Dezernentenkonferenz entschieden, die Bauwagenbewohner bis auf weiteres zu tolerieren, aber den Zustand rechtlich nicht durch Vertrag zu verfestigen", antwortet Stadt-Sprecher Adrian Foitzik auf Anfrage.

Die Freiheit stößt eben auch in der Wagen-Enklave auf Grenzen, wie die Teilnehmer der Grill-Runde erzählen. So gab es anfangs Vorbehalte in der Nachbarschaft. Die Wagenbewohner stellten sich der Diskussion, gingen auf Wünsche ein: Die Mittagsruhe von 13 bis 15  Uhr wird in der Wagenburg eingehalten, selbst wenn das der ein oder andere spießig findet.

Es kann auch keiner einfach so den Wasserhahn aufdrehen. Aber Komfort genießen zu können, das ist eine Form von Freiheit, um die es den Menschen hier nicht geht. Die Wagenbewohner müssen ihr Trink- und Brauchwasser in Kanistern ranschaffen. Duschorgien erlaubt sich da keiner.
Ihren Strom erzeugen sie mit Solarzellen auf dem Dach und kleinen Windrädern. Manche schätzen in der Nacht sowieso nur echten Kerzenschein. Aber den anderen kann bei wenig Sonne und Wind in der Zwölf-Volt-Batterie schon mal der Saft ausgehen. Besonders im Winter kann es finster werden. Manchmal bilden sich an der Wagendecke über Nacht gar Eiszapfen aus der feuchten Atemluft. Kein Wunder, dass die Wagenbewohner jetzt im Mai nur so herausstürmen aus ihren Wagen. Sie lieben die Sonne.

Für Mathias Wedler, einen Elektrotechniker und Vater eines Sohnes, hat das Fehlen von Zentralheizung sowie Wasser- und Stromanschluss sogar Vorzüge: "Wir haben hier einen viel direkteren Bezug zu Wärme, Luft oder Wasser - zu dem, was elementar im Leben ist."

Unter derart ursprünglichen Lebensumständen suchen die Frauen aber keineswegs das Weite. Sie sind auf dem Wagenplatz stark vertreten, hacken ihr eigenes Holz, halten sich in Diskussionen nicht zurück.

Es sei keineswegs einfach, andere Lebensentwürfe zu verwirklichen, wirft Dagmar ein. Die 32-Jährige verweist darauf, dass es jede Menge Vorschriften gebe, mit denen ihnen Behörden bei Bedarf das Leben schwer machen könnten. Unklar sei auch, wie stark die Polizei den Platz beobachtet. Moni Aumann ergänzt, dass es ja nicht nur der Staat sei, der eine freie Entfaltung der Persönlichkeit behindern könne: "Es geht nicht nur darum, dass die Grundrechte geachtet werden - es ist ja auch nicht okay, wenn Menschen gesellschaftlich ausgegrenzt werden, nur weil sie andere Kleidung tragen." 

Von solchen Erlebnissen könnten Wagenbewohner ebenso wie andere Randgruppen viel berichten. Anja Stapel, deren lange blonde Haare zu Dreadlocks verfilzt sind, sagt: "Die freie Entfaltung ist eben nur in engen Grenzen möglich, dann wird man zurechtgestaucht".

Es ist dunkel geworden, das heftige Vogel-Zwitschern ist verstummt, nun dreht eine Fledermaus still ihre Runden. "Hier kann man machen, was man will", hatte Anja eben noch gesagt. Wirklich alles? Auch auf dem Wagenplatz gibt es natürlich Regeln, über die im Plenum diskutiert wird. "Es darf zum Beispiel keiner den Platz zumüllen", erzählt Marcus Germer (36). Als ein Bewohner immer wieder nachts anfing, zu trommeln, wurde auch das untersagt.

Dennoch haben die Wagenmenschen das hehre Ziel, so wenig Verbote wie möglich auszusprechen: "Jeder soll hier glücklich werden", sagt Anja. Ein wichtiger Unterschied zur Wohngemeinschaft ist für die 27-Jährige, dass man sich im Freien besser aus dem Weg gehen kann. Es ist genau das, was das Experiment Wagenburg ausmacht: Die Bewohner wollen jedem ganz viel Individualität genehmigen und dennoch die Gemeinschaft pflegen.

Gegen 23 Uhr verkriecht sich einer nach dem anderen in seinen Wagen. Man höre durch die dünnen Wände immer ein wenig, was beim Nachbarn passiere, erzählt Dagmar. Die 32-Jährige liebt es, wenn sie den Regen aufs Dach prasseln hört, wenn der Wind den ganzen Wagen hin und her wiegt - so lässt es sich gut einschlafen.

"Neulich war aber nachts Sturm, meiner Nachbarin war unwohl, ihr Wagen wackelte so sehr. Da kam sie zu mir rüber", erzählt Dagmar: "Ich war froh, dass sie da bei mir war." Die 32-Jährige schaut etwas verträumt in den Sternenhimmel: "Für viele mag das Leben hier ärmlich wirken? Für mich ist es der reine Reichtum." 

Mittwoch, 27.05.2009
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/10399294/menuid/10409935