Artikel 12: 26-Jähriger wollte Koch werden – "Aber die Träume verschwinden"
Reportage zum Grundgesetz – Viele "Kunden" der Arbeitsvermittlung glauben nicht mehr an freie Berufswahl
Artikel 12: (1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.
(2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.
(3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.
Uwe Hildebrandt verbrachte für seine Reportage einen Vormittag in
der Helmstedter Arbeitsbehörde. Für die meisten Menschen ist es
selbstverständlich, dass sie sich ihren Beruf frei wählen. Aber
Hartz-IV-Empfänger genießen diese Freiheit oft nicht mehr. Beeindruckend ist,
dass es Menschen gibt, die sich von beruflichen Rückschlägen nicht entmutigen
lassen. Sie glauben weiter, dass sie ihren Traumjob noch ergattern.
"Ich würde auch putzen", sagt Danny Ehrentraut. Der 26-Jährige wollte nach der Schule liebend gern Koch werden, doch jetzt hält er die Nummer 514 in der Hand. Danny ist inzwischen zu fast jeder Arbeit bereit. Einen Traumjob hat er heute nicht mehr: "Die Träume verschwinden. Es bringt nichts, dass man sich auf etwas versteift, das sowieso nie etwas wird."
Der junge Mann aus Königslutter verbringt einen Vormittag im Helmstedter Arbeitsamt, das sich offiziell gar nicht mehr so nennt. Vielmehr kümmert sich im Erdgeschoss die "Agentur für Arbeit" um die Kurzzeitarbeitslosen. Die hoffnungsloseren Fälle müssen eine Treppe höher zur "Arge". Dort warten zehn Hartz-IV-Empfänger auf dem Flur. Die Mitarbeiter bezeichnen sie als Kunden.
Die Wartezone ist gepflegt, nur der Teppich ist mit Flecken überzogen. Auch Danny gehört zu denen, die hoch ins Obergeschoss müssen. Jeder zieht am Wandautomaten eine Nummer und wartet, bis sie aufgerufen wird. Gerade durfte die 511 rein ins Zimmer. Danny ist bald dran. Danach muss er allerdings noch in andere Büros. Die Behördengänge, ohne die es keine weitere staatliche Unterstützung gibt, stören den 26-Jährigen aber gar nicht mal so sehr – er hat ja sowieso nichts zu tun.
Obwohl Danny Ehrentraut den Realschulabschluss schaffte, bekam er keinen Ausbildungsplatz. Seine Arbeitslosigkeit wurde in den folgenden Jahren durch Ein-Euro-Jobs aufgelockert. Danny arbeitete mal in einer Tischlerei, mal in einer Seniorenresidenz in Königslutter. Er empfand die vermittelten Jobs nie als Zwangsarbeit, nur weil er sie eigentlich nicht ablehnen durfte. Vielmehr sei er froh gewesen, morgens zur Arbeit fahren zu dürfen.
Doch nie ergab sich für den jungen Mann eine dauerhafte Beschäftigung. Woran es liegt, weiß er nicht. "Jetzt sitze ich wieder hier und muss hoffen, dass ich eine Stelle kriege."
Er bewirbt sich auf Zeitungsanzeigen hin, hört sich im Ort um, ob irgendeine Firma eine Aushilfskraft benötigt. Die Hoffnung, einen Job zu bekommen, hat der junge Mann noch nicht aufgegeben. Verloren hat er aber den Glauben daran, dass sich jeder seinen Beruf selbst auswählen kann. Einerseits wird einem die Unterstützung gekürzt, wenn man vermittelte Stellen nicht annimmt. Außerdem sagt Danny: "Man muss den Job nehmen, der gerade frei wird – es gibt doch gar nicht mehr so viele Arbeitsstellen, dass jeder seinen Beruf frei wählen kann."
Diese Erfahrung haben auch Angela Axt und Wilfried Haul-Axt aus Esbeck gemacht. Sie beziehen beide Hartz IV, was korrekt "Arbeitslosengeld 2" heißt. Das Paar ist gemeinsam ins Helmstedter Arbeitsamt gekommen.
An diesem Tag wollen sie eine Kürzung ihres Staatssalärs verhindern: Wilfried Haul-Axt hat wegen eines Hüftleidens drei Wochen Kur bewilligt bekommen. Da er dort verpflegt werde, wolle seine Sachbearbeiterin entsprechend sein
Hartz IV kürzen, erzählt der 53-Jährige. Er verweist hingegen auf ein Gerichtsurteil, das das verbietet.
Haul-Axts Berufsbiografie war zunächst eine Berg-und-Tal-Fahrt, inzwischen ist sie eine reine Talfahrt. Er arbeitete 16 Jahre lang im VW-Werk, bis er aus gesundheitlichen Gründen aussteigen musste. Nach vorübergehender Arbeitslosigkeit startete er durch, rackerte tagsüber als Vermögensberater und abends in der zusammen mit seiner Frau gegründeten Videothek. Doch angesichts der Konkurrenz großer Ketten ging der Sprung in die Selbständigkeit schief. Haul-Axt sitzt auf seinen Schulden.
"Das ist das Problem: Ich will sehr gerne arbeiten, aber krankheitsbedingt scheidet körperliche Arbeit aus. Und ich würde gerne als Vermögensberater arbeiten, aber darf das wegen der Schulden nicht", erzählt der eloquente und auf den ersten Blick lebensfroh wirkende 53-Jährige.
Von der Vorstellung, in seinem Traumjob arbeiten zu können, habe er sich inzwischen verabschiedet. Nur eine Beschäftigung hätten ihm die Arbeitsberater in seinen acht Jahren Arbeitslosigkeit vermittelt. Haul-Axt gibt zu, dass er damals nicht sonderlich begeistert war. "Da ich einen Lkw-Führerschein habe, sollte ich Container fahren. Aber als ich den Arbeitgeber um eine kurze Einführung gebeten habe, durfte ich gleich wieder gehen. Er wollte niemanden einstellen, der keine Ahnung hat."
Eine Menge Schulungen hat der 53-Jährige inzwischen absolviert. Auch die seien keineswegs freiwillig gewesen. "Ich habe immer wieder gelernt, wie ich Bewerbungen schreiben muss, aber das konnte ich ja eh schon. Ich habe nichts gelernt, was mich wirklich vorangebracht hat."
Wilfried Haul-Axt und seine Frau bleiben also bis auf weiteres Hartz-IV-Empfänger. Nicht einmal eine ausgewogene Ernährung sei mit diesem Budget möglich, klagen sie, geschweige denn Urlaub. Sie wollen sich damit nicht abfinden, schreiben nach eigenen Angaben 50 bis 60 Bewerbungen im Jahr. Es geht nicht mehr darum, einen Berufswunsch zu erfüllen. Es geht nur noch darum, endlich ein eigenes Einkommen zu erzielen, um im Leben wieder einen Schritt voranzukommen.
Genau das möchte auch Michael Kondratjew aus Süpplingen im Kreis Helmstedt. Der 25-Jährige hatte nach seinem Realschul-Abschluss Schlosser gelernt. Doch trotz abgeschlossener Berufsausbildung sitzt auch er auf der Straße – beziehungsweise auf dem Flur des Helmstedter Arbeitsamtes.
"In meinem Beruf war nur eine Beschäftigung bei Zeitarbeitsfirmen mit einem monatlichen Netto-Gehalt von 900 Euro möglich", erzählt der aufgeschlossene 25-Jährige. Nun wird er erstmal als Arbeiter bei einer Firma am Braunschweiger Wolters-Gelände jobben, transportiert für die Brauerei Paletten.
"Obwohl ich da nur als Hilfskraft arbeite, verdiene ich dort mehr als in dem Beruf, den ich mal richtig gelernt habe", sagt Michael Kondratjew kopfschüttelnd.
Von seinem Traumberuf ist der 26-Jährige also derzeit weit entfernt. Immerhin lebt er künftig aber nicht mehr von Hartz IV, sondern verdient eigenes Geld. Und im Gegensatz zu vielen anderen, die arbeitslos waren oder sind, hat Michael Kondratjew den Glauben an einen erfüllenden beruflichen Werdegang nicht verloren – er setzt auf die freie Berufswahl: "Ich werde schon noch als Schlosser arbeiten, da bin ich mir sicher. Wenn es hier nicht klappt… – die Welt ist groß!"













