"Grundrechte wurden erfunden, damit jeder gleichberechtigt ist"
Braunschweiger Grundschüler erklären das Grundgesetz und reden über Würde und Religionsfreiheit
Cornelia Steiner hat erlebt, dass die Grundrechte nicht nur schwarz auf weiß zwischen zwei Buchdeckel gepresst sein müssen. Die Kinder haben sie spielerisch und mit viel Spaß zum Leben erweckt.
Stellen Sie sich bitte folgendes vor: Es ist 20 Uhr, Sie sitzen vor der Flimmerkiste und das Erste Deutsche Fernsehen läuft.
"Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren, hier ist die Tagesschau.
Ich möchte Ihnen heute den ersten Artikel des Grundgesetzes präsentieren. Der erste Artikel lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wir wollen Ihnen jetzt zeigen, was das bedeutet. Das bedeutet: Jeder darf sich anziehen, wie er möchte. Niemand darf einen anderen Menschen gegen seinen Willen anfassen.
Mehr zu diesem Thema erfahren Sie im Internet unter Tagesschau.de. Wir wünschen Ihnen noch viel Spaß."
Die Mattscheibe wackelt ein wenig bei dieser Fernsehsendung, und der Nachrichtensprecher kommt hin und wieder ins Stocken, weil er seinen Textzettel vergessen hat, und weil die Männer von der Regie ihm zwar einiges zuflüstern, dabei aber kichern.
Aber wen stört das schon! Bei einer Live-Sendung kann nicht alles sofort sitzen, und im echten Fernsehen wird auch viel gemogelt. Das Publikum jedenfalls applaudiert kräftig.
Der Moderator heißt übrigens Leonard. Er ist zehn Jahre alt und besucht die Grundschule Klint in Braunschweig. Schon den ganzen Vormittag lang befassen sich Leonard und seine Mitschüler aus der 4a und der 4b mit dem Grundgesetz. Sie haben einen Film über seine Entstehung gesehen und über die Grundrechte gesprochen.
In kleinen Gruppen haben sie sich jeweils einen Artikel des Grundgesetzes genauer vorgenommen, haben überlegt, was er bedeutet, und nun erklären sie es den anderen – mit einer Nachrichtensendung, mit bunten Plakaten und Collagen, mit Rollenspielen und sogar mit Computer-Präsentationen. Einige Ausschnitte:
Alina, Mia, Madeleine und Marigona beschäftigen sich mit Artikel 3. Darin heißt es im ersten Satz: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Die vier Mädchen schreiben auf ihrem Plakat:
"Unterschiede sind sehr wichtig. Ohne sie wären wir alle gleich und könnten nichts voneinander lernen. Aber wenn es ums Gesetz geht, sind wieder alle gleich, weil es sonst drunter und drüber gehen würde."
Havvanur, Jacqueline, Aylin und Rattiyakon deuten Artikel 3 des Grundgesetzes so:
"Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, egal ob sie reich oder arm sind, egal welche Hautfarbe sie haben, egal welche Religion sie haben."
Johann, Marlon, Can-Luca und Niklas sagen:
"Die Grundrechte wurden erfunden, damit jeder seine Meinung sagen kann. Außerdem wurden sie erfunden, damit jeder Mensch gleichberechtigt ist."
Frieda, Joshua, Pauline und Leandra meinen zum Artikel 10 des Grundgesetzes:
"In Artikel 10 geht es um das Briefgeheimnis und auch um andere Geheimnisse. Diese Geheimnisse sollen eingehalten werden. Es ist zum Beispiel nicht richtig, wenn andere unberechtigt in meine Post reingucken."
Mit Artikel 4, Glaubens- und Religionsfreiheit, haben sich unter anderem Paulina, Tugce, Cevher und Aylin beschäftigt:
"Jeder, egal ob Christ, Jude, Moslem, Buddhist oder Hinduist soll gleichbehandelt werden."
Leon, Mert, Philip und Philip informieren über Artikel 5, der die Meinungs- und Pressefreiheit zum Inhalt hat:
"In Ländern, in denen es keine Pressefreiheit gibt, erfährt man nicht, was auf der Welt passiert. In manchen Ländern werden Reporter sogar umgebracht, wenn sie etwas Falsches schreiben. In Deutschland darf man aber seine Meinung schreiben."
Fabian, Osman, Karim und Tobias sind Artikel 1, der Würde des Menschen, nachgegangen und haben Bilder verschiedener Menschen gemalt. Sie sagen:
"Manche sind Punker. Manche ziehen sich komisch an. Manche sind blind. Manche sitzen im Rollstuhl. Manche sind richtig dick. Manche trinken solange Alkohol, bis sie ganz besoffen sind. Aber trotzdem jeder kann aussehen, wie er will. Jeder kann machen, was er will."
Für ihren letzten Satz gibt es Protest von den anderen Kindern. Ein Junge merkt an: "Aber es darf doch eben nicht jeder machen, was er will. Darum geht es doch bei den Grundrechten."
Stimmt. Die vier meinten ja eigentlich auch etwas anderes. Also versuchen sie noch einmal, das Schwierige anders auszudrücken:
"Man soll den Menschen die Freiheit lassen, dass sie so leben, wie sie wollen. Sie dürfen aber anderen nicht weh tun."
Nach vier Stunden voller Recht und Gesetz bleibt nun nur noch eine Frage. Heißt es wirklich: das Grundgesetz, oder nicht doch: die Grundgesetze?
"Grundgesetze – da stehen doch viele drin", meint ein Mädchen.
Eine andere Schülerin sieht das aber zu Recht anders: "Es gibt nur ein Grundgesetz! Das Grundgesetz ist das Ganze, das Einzelne sind die Artikel."













