1950 Zeitzeugen: "Die Menschen in Salzgitter haben die Demontage nicht verstanden"
Harri Decker war als junger Polizist bei den Protesten gegen den Abbau der Hütte in Salzgitter dabei
1950 Zeitzeugen: Harri Decker ist pensionierter Polizeidirektor und war bis zu seiner Pensionierung 1988 Kommandeur der 1. Abteilung der Bereitschaftspolizei.
Martin Ochmann hat mit Harri Decker gesprochen. Aufmerksam wurde
unser Redakteur auf den Zeitzeugen durch die Lektüre des Buches „Zwischen Gesetz
und Gewissen. Die Polizei und die Demontage der Reichswerke in Salzgitter
1950“.
Die Gewehre im Anschlag
Am Morgen des 7. März 1950 nehmen die Briten die Sache selbst in die Hand. Harri Decker, 22 Jahre alt, steht auf dem Gelände der ehemaligen Reichswerke Hermann Göring in Salzgitter-Watenstedt und sieht sie kommen. Ein langer Tross Militärfahrzeuge, leichte Panzer, Panzerspähwagen. Auf den Fahrzeugen sitzen Soldaten, 500 Mann.
Der Tross hält an, die Männer springen von den Wagen. Jemand bellt ein paar kurze Befehle. In einer langen Front bauen sich die Soldaten in zwei Reihen auf. Die erste Reihe kniet, die zweite steht. Dann hallt ein metallisches Ratschen über das Gelände – die Soldaten laden ihre Gewehre durch, entsichern und zielen auf die Demonstranten.
Harri Decker hat Angst. Hinter ihm stehen 500 englische Soldaten, die geladene Waffe im Anschlag. Vor ihm stehen tausend, vielleicht zweitausend Hüttenarbeiter, und sie schreien wild durcheinander. Sie sind bewaffnet mit Holz- und Eisenknüppeln. Und mittendrin steht Harri Decker, zusammen mit 30 weiteren Polizisten. Ein verlorenes Häufchen auf einem Pulverfass.
Die jungen Polizisten
In diesem Moment sitzt Harri Decker im Wohnzimmer seines Einfamilienhauses. Er erzählt mit fester Stimme, ein bisschen umständlich, aber bemüht um äußerste Genauigkeit, wie sich das für einen pensionierten Polizeidirektor gehört. Doch jetzt blickt er angestrengt zu Boden und reibt fahrig seine Knie. Der Oberkörper zittert und die Stimme ist brüchig, als der 81-Jährige sich an die Eskalation der Ereignisse im Frühjahr des Jahres 1950 erinnert.
Seinerzeit gehörte Decker zu der Polizeieinheit, die als erste vor Ort war, um gegen die gewaltsamen Demonstrationen gegen die Demontage der Hütte in Salzgitter vorzugehen. "Wir waren eine Gruppe junger Polizisten, die 1947/48 bei der Polizei anfingen", sagt Decker. Er gehörte zum Zug Wolfenbüttel.
Zwei weitere Züge kamen aus Mariental und Goslar. 1951 wurden sie zusammengefasst zur 5. Landespolizei-Hundertschaft. Bis heute treffen sich die Ehemaligen dieser Einheit alle zwei Jahre. "Es gibt ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Und das hängt auch zusammen mit dieser Sache in Watenstedt", meint Decker.
Diese Sache in Watenstedt. Für Decker beginnt sie am 6. März 1950. Er ist seinerzeit in Wolfenbüttel stationiert. "Von unserem Standort aus konnte man die Hütte sehen." Die war in aller Munde. Arbeitertrupps aus Deutschland und dem Ausland waren mit schwerem Gerät und Sprengstoff angerückt, um die bei Luftangriffen nur wenig beschädigten Reichswerke Hermann Göring zu demontieren.
Die Widersprüche der Demontage
"Die Demontage war der Gesprächsstoff schlechthin", sagt Decker. Die Menschen hätten sie nicht verstanden. "Auf der einen Seite steckten die Alliierten über den Marshall-Plan viel Geld in den Aufbau des Landes. In Braunschweig an der Hamburger Straße wurde zum Beispiel die Marshall-Siedlung gebaut. Und auf der anderen Seite rissen sie ab und vernichteten Arbeitsplätze."
Abbau als Reparation oder bloße Zerstörung? Der junge Polizist kann sich keinen rechten Reim auf die Vorgänge machen. "Ich war dabei, als die Kokerei II gesprengt wurde", erinnert er sich. "Das Gebäude hob sich ein wenig, dann sackte es zusammen." Seine beiden Hände bäumen sich auf und fallen auf die Tischplatte. "Ich weiß nicht, warum das gemacht wurde, ob man die Ziegel danach woanders verwenden wollte. Jedenfalls konnte man das Gebäude nicht mehr nutzen."
Eine Situation voller Widersprüche. Aber es ist das Jahr 1950, gerade einmal fünf Jahre ist es her, dass der Krieg beendet wurde. Wer sind diese Deutschen? Partner, mit denen man zusammenarbeiten kann? Oder unberechenbare Gegner, auf die man ein Auge haben muss? Ist nicht schon die Hütte selbst ein überdimensioniertes Symbol aus Beton und Stahl für diese Gefahr? Nach dem Reichsmarschall Hermann Göring wurde sie benannt, und dessen Ziele waren alles andere als friedfertig. Er brauchte Stahl für Panzer und Kanonen. Die Welt hatte mit deutschem Stahl keine guten Erfahrungen gemacht.
Aber für die Menschen rund um Salzgitter bedeutet er Arbeit, Brot und Leben. Und deswegen machen sie mobil gegen die Demontage. "Wir wollen leben, stoppt die Demontage" oder "Jeder, der an der Demontage teilnimmt, macht sich eines Verbrechens schuldig", steht auf den Gebäuden der ehemaligen Reichswerke. Es bleibt nicht bei Parolen. Die wütenden Arbeiter sperren Straßen, stürzen Montagekräne um und greifen die Demontagetrupps an. Im März erreichen die seit Monaten andauernden Proteste ihren Höhepunkt, als Tausende von Arbeitern das Werk besetzen und die Demontagetrupps vertreiben.
Die Angst im Opel Blitz
Um 15.20 Uhr am 6. März erhält Polizeiinspektor Wilhelm Mätje, Einsatzführer des Einsatzkommandos Drütte, den Befehl, mit drei Zügen zur Kokerei II zu fahren und dort für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Englische Sprengkommandos sollen misshandelt worden sein. Auf einem der Mannschaftswagen, Marke Opel Blitz, 32-Sitzer, sitzt Harri Decker. Die Männer fahren zum Hochofen 5.
"Wir waren der erste Mannschaftswagen vor Ort. Und da stehen 1000, 1500 oder noch mehr Männer." Die Polizisten sind gefangen in einem Ring aus Demonstranten. Und die schimpfen auf die Staatsdiener. Was die Menge brüllte, weiß Decker nicht mehr. Er hat es vergessen. Oder verdrängt. "Kapitalistenknechte oder so." Die Polizisten bleiben im Wagen sitzen, ohne sich zu mucksen. "So ein Opel Blitz, der ist doch in Minuten umgekippt", sagt Decker. "Wir hatten die Hosen gestrichen voll."
Die Polizisten fahren unverrichteter Dinge ab. Und die Briten sehen sich genötigt, die Demonstranten selber zu vertreiben. Einen Tag später rücken sie an. Sie werfen der Polizeiführung später vor, nicht entschlossen durchgegriffen zu haben und dass sie mit den Arbeitern sympathisiert haben. Haben sie das? "Naja, ist doch irgendwie logisch, die kämpften um ihre Arbeitsplätze, um ihre Existenz."
Der Abbruch der Demontage
Die Proteste zeigen erst 1951 Wirkung, am 22. Januar wird der Demontagestopp verhängt. Das Gesamtgewicht der demontierten Anlagen beträgt 260 000 Tonnen, von der Entmilitarisierung verschont bleiben unter anderem die Gießerei, die Schmiede, die Stahlwerks- und Walzwerkhalle.
"Ich glaube, dass die Verantwortlichen damals richtig entschieden haben. Sie können da nicht mit Brachialgewalt vorgehen", meint Decker. Wer weiß, ob er noch leben würde, wenn die Situation eskaliert wäre. So kann er im Oktober zum nächsten Treffen der Ehemaligen der 5. Landespolizei-Hundertschaft nach Braunschweig. 61 von ehemals 124 Polizisten leben noch.
61, die bei den Märzprotesten dabei waren. Und die sich wieder erinnern werden, an diese Sache in Watenstedt.













