1970 Zeitzeugen: Erst die Stahlehe schuf die Grundlage für den Weltkonzern Salzgitter AG
Kurt Stähler begleitete die Fusion der Ilseder Hütte und der Salzgitter Hüttenwerk AG zur Peine-Salzgitter AG
1970 Zeitzeugen: Kurt Stähler kommt als junger Ingenieur nach Salzgitter um dort den Aufbau einer Walzwerkanlage zu begleiten. Zwei Jahre wollte der heute 80 Jahre alte Stähler bleiben – es wurde sein ganzes Berufsleben. Zuletzt arbeitete Stähler als Vorstandsvorsitzender der Stahlwerke Peine-Salzgitter AG sowie der Preussag Stahl AG.
Andreas Schweiger ließ sich von Kurt Stähler erzählen, wie er den
Zusammenschluss der Ilseder Hütte sowie der Salzgitter Hüttenwerk AG zur
Stahlwerke Peine-Salzgitter AG erlebt hat.
Wie das so ist. Da übernimmt jemand eine Aufgabe, die nur befristet und schon gar nicht der Lebensmittelpunkt sein soll. Und dann kommt es eben doch anders.
So war es auch bei Kurt Stähler. Der heute 80 Jahre alte Maschinenbau-Ingenieur stellte Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre die Weichen dafür, dass aus dem Zusammenschluss der Salzgitter Hüttenwerk AG und der Ilseder Hütte AG zur Stahlwerke Peine-Salzgitter AG der heutige Weltkonzern Salzgitter AG wachsen konnte.
Doch bevor wir uns diesem turbulenten Kapitel der regionalen Historie widmen, begleiten wir Stähler einige Jahre zurück vor diese Zeit. Stähler stammt aus dem Siegerland im südöstlichen Nordrhein-Westfalen. Als 20-Jähriger beginnt er in Hagen in Westfalen ein Maschinenbau-Studium, Schwerpunkt Konstruktion.
Drei Jahre später ist die Diplom-Arbeit geschrieben, erste berufliche Station wird die Maschinenfabrik Sack in Düsseldorf. "Die Salzgitter Hüttenwerk AG hatte Sack beauftragt, eine Walzwerkanlage zu liefern. Ich wollte den Aufbau begleiten und in Salzgitter eine zweijährige Betriebspraxis absolvieren", sagt Stähler und macht eine Pause. "Ursprünglich wollte ich unbedingt im Maschinenbau tätig sein, ich bin aber 1954 in Salzgitter hängen geblieben."
Schon ein Jahr später – das Wirtschaftswunder brummt nicht nur im Heck des VW Käfer – ist Stähler Chef des Walzwerks, der Block-Brammen- und Knüppelstraße.
Ende der 50er Jahre plant er die Flachstahlwalzwerke, begleitet Aufbau und Inbetriebnahme. Die Karriereleiter weist steil nach oben. 1964 wird Stähler Betriebsdirektor, wiederum vier Jahre darauf Direktor der Flach- und Profil-Walzwerke.
Und nun wird es richtig spannend. Denn die Stahlbranche erlebt die erste wirtschaftliche Delle der Nachkriegszeit. Das Wirtschaftswunder verliert das Wunderbare. "Das führte dazu, dass in der Stahlindustrie über neue Strukturen nachgedacht wurde", berichtet Stähler. Doch nicht nur konjunkturelle Schwierigkeiten muss die Stahlbranche bewältigen. "Hinzu kam ein technischer Wandel, zum Beispiel vom Block- und zum heute üblichen Strangguss."
Das beste Mittel, um eine Krise zu überstehen und in Technik zu investieren, ist und bleibt Geld. Aber das ist auch schon Ende der 60er Jahre knapp. "Die Ilseder Hütte hatte zwar gut verdient. Die Eigentümerfamilie, die drei Viertel der Aktien hielt, war aber nicht zu Investitionen in neue Anlagen bereit. Das hätte den finanziellen Rahmen gesprengt", sagt Stähler.
Nach seiner Einschätzung wäre aber auch die Salzgitter Hüttenwerk AG allein überfordert gewesen, die Krise zu meistern und Investitionen in neue Technik zu stemmen.
Just zu diesem Zeitpunkt – 1967 – beginnt der Konkurrent aus Salzgitter Aktien der Ilseder Hütte zu kaufen. Ziel war die Übernahme. "Die Aktien wurden in kleinen Schritten und zum Teil sogar verdeckt gekauft", sagt Stähler. Begründung: Einerseits wollten die Salzgitteraner vermeiden, dass durch Großkäufe der Aktienkurs in die Höhe getrieben wird. Andererseits bremsten die Eigner der Ilseder Hütte eine Übernahme.
Stähler: "Die Eignerfamilie Meyer saß am längeren Hebel und wollte sich die Übernahme möglichst teuer bezahlen lassen. Es war wie ein Pokerspiel." Das erinnert durchaus an das aktuelle Hickhack zwischen Porsche und VW.
Und es gibt noch andere Befindlichkeiten. "Die Peiner Belegschaft hatte über Generationen eine sehr lange Verbindung zum Unternehmen. Das war in Salzgitter ganz anders", sagt Stähler.
Dort war die Hütte erst 30 Jahre zuvor errichtet worden, die Belegschaft kam aus allen Himmelsrichtungen. Wegen ihrer engen Verbindung zum Arbeitgeber hätten die Peiner Stahlwerker den Zusammenschluss argwöhnisch beobachtet. "Die Peiner fühlten sich verkauft, waren daher zurückhaltend."
Dabei hatten beide Unternehmen – die familiengeführte Aktiengesellschaft Ilsede und die bundeseigene Salzgitter Hüttenwerk AG – bereits vor der Fusion zusammengearbeitet. "Es gab zum Beispiel eine gemeinsam in Salzgitter betriebene Drahtstraße", sagt Stähler.
Außerdem wird nach dem Zusammenschluss nicht Salzgitter Sitz des neuen Unternehmens, sondern Peine. Am 1. Oktober 1970 ist es offiziell so weit. Unsere Zeitung titelt: "Heute beginnt die Stahlehe in Südost-Niedersachsen". "Die Fusion hat zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Mark gekostet", sagt Stähler. Nach Thyssen und Hoesch ist die Peine-Salzgitter AG drittgrößter Stahlproduzent in Deutschland.
Die Zeit des Zusammenschlusses und Zusammenwachsens der Unternehmen aus Peine und Salzgitter bezeichnet Stähler turbulent, aber auch als stets konstruktiv. "Ein Verweigerungsverhalten habe ich nie erlebt", sagt er. Was nicht heißen soll, dass es zwischen Peine und Salzgitter immer glatt läuft.
"Natürlich kam es auch zu Interessenskonflikten. Meist, wenn es um Investitionen ging", sagt Stähler. "Da wurde die Schrittfolge, wo und wann Geld fließt, ganz genau beobachtet." Und es gibt auch unpopuläre Entscheidungen – weil sie Arbeitsplätze kosten. In Peine arbeiten 8000 Menschen, in Salzgitter 12 000. In den nächsten zehn Jahren wird durch technischen Fortschritt und Rationalisierung ein Drittel Stellen nicht wieder besetzt.
"Die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat war sehr konstruktiv", berichtet Stähler. "Die Betriebsräte waren sehr verantwortungsvoll, dazu gehörte es auch, Widerstand zu leisten." So hätten die Pläne für den Ablauf der Fusion auf Drängen der Arbeitnehmervertreter immer wieder angepasst werden müssen.
Zwei Jahre nach dem Zusammenschluss rückt Stähler in den Vorstand der neuen AG auf, übernimmt die technische Gesamtleitung der Hüttenbetriebe in Peine, Ilsede und Salzgitter. 1984 wird er Vorstandsvorsitzender und bleibt dies auch, als das Unternehmen fünf Jahre später vom Preussag-Konzern gekauft wird. "Das war eine gute Zeit, weil Preussag viel in die Stahlstandorte Peine und Salzgitter investiert hat. Dass sich Preussag später vom Stahl getrennt hat, hat mich geschmerzt", sagt er.
Zum Weltkonzern sei die Salzgitter AG erst nach der Herauslösung aus der Preussag 1998 geworden. "Damals fehlte die Produktvielfalt von heute", sagt er. Noch immer ist er dem Konzern verbunden. "Ich fahre dreimal im Jahr ins Werk, weil mich die technische Entwicklung interessiert." Dass die Finanz- und Wirtschaftskrise die Salzgitter AG bedroht, glaubt er nicht. "In früheren Krisen wurde das Produkt Stahl infrage gestellt. Das ist heute nicht mehr so. Stahl ist ein fundamentaler Werkstoff, unverzichtbar für jede Industriegesellschaft."













