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01. August 2010
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1972 Zeitzeugen: "Die Spiele mussten weitergehen, sonst hätte der Terror gesiegt"

Der Gifhorner Klaus Bechler (67) überlebte das Blutbad von Fürstenfeldbruck – Auf dem Rollfeld tot gestellt

Von Barbara Benstem

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1972 Zeitzeugen: Klaus Bechler. Der Gifhorner wurde 1941 in Veltheim am Fallstein geboren. 1981 schied er aus dem Flugdienst aus und war später für den Bundesgrenzschutz auch an der innerdeutschen Grenze im Einsatz.


Barbara Benstem besuchte Klaus Bechler 37 Jahre nach dem Olympia-Attentat. Bechler schildert, wie er dem Massaker von Fürstenfeldbruck entkam und wie es ihm gelang, mit dem Trauma zu leben.

München, 5. September 1972. Deutschland und die Welt werden jäh aus einem Traum friedvoller olympischer Glückseligkeit gerissen: Auf die israelische Mannschaft ist in der Nacht ein Attentat verübt worden. Der Tag endet im Fiasko von Fürstenfeldbruck mit 17 Toten. Der Gifhorner Klaus Bechler, damals 31 Jahre alt, überlebt als Co-Pilot eines Bundesgrenzschutz-Hubschraubers das Massaker. Er hatte sich inmitten stundenlanger Schießerei und explodierender Handgranaten auf dem Rollfeld des Flugplatzes tot gestellt.

37 Jahre später besuche ich den früheren Co-Piloten zuhause in Gifhorn. Er ist ein Bär von einem Kerl, seine Statur füllt den Türrahmen aus und meine Hand verschwindet komplett in seiner, als er mich mit warmem Händedruck begrüßt. "Kaffee?" "Ja, klar, gern." "Meine Frau ist grad unterwegs, aber ich kann auch einen ganz guten kochen", sagt Bechler und verschwindet in der Küche.

Wir sitzen am Esstisch und reden. Klaus Bechler holt Fotos hervor, zeigt den Hubschrauber, in dem er früher flog. "Da würde ich heute gar nicht mehr drunter passen, ich muss abnehmen", sagt er, lacht und deutet auf den Abstand zwischen Maschine und Boden. Er spielt darauf an, dass er sich inmitten des Gemetzels zunächst unter den Hubschrauber retten konnte.

"Es ist so lange her und gleichzeitig, als ob es gestern war", sagt er mit leiser, rauer Stimme. "Ich bin damals zu einem anderen Menschen geworden." Auf weiteren Fotos sind der gesprengte Hubschrauber, zerfetzte Wrackteile, Blut- und Kerosinlachen zu sehen.

Eigentlich hätte Bechler, den alle nur "Coco" nennen, am 5. September dienstfrei gehabt. Überhaupt war er über seine Verlegung zu den olympischen Spielen froh gewesen.

Er war Fußballer und Leichtathlet und hatte ein Riesenfaible für Sport. "Am Vorabend war Ulrike Meyfarth Weltrekord gesprungen. Und Deutschland hatte insgesamt drei Goldmedaillen gewonnen. Ich wollte unbedingt ins Stadion."

Doch dann kommt morgens um 7 Uhr der Befehl, dass er sich bereit halten soll. "Worum es ging, hat uns keiner genau gesagt. Wir haben dann Nachrichten gesehen und das Notwendigste erfahren." Im Laufe des Tages muss die Besatzung des D–HAQO, dem Hubschrauber, in dem Bechler Co-Pilot ist, ein Funkgerät ins Olympiadorf fliegen. Bechler: "Das brauchte Innenminister Genscher für die Verhandlungen mit den Terroristen."

Zwei Geiseln hatten die palästinensischen Terroristen am Morgen im Olympia-Dorf getötet. Neun weitere sind noch in ihrer Gewalt. Sie verlangen die Freigabe von Palästinensern aus israelischer Haft und die von Andreas Baader und Ulrike Meinhof aus deutscher.

Der Plan der deutschen Behörden besteht in einer Befreiungsaktion. In die werden Bechler und seine Kameraden schließlich abends eingeweiht. Sie müssen die Geiseln und die Terroristen aus dem olympischen Dorf zum Flugplatz Fürstenfeldbruck fliegen. Dort sind bereits Scharfschützen in Stellung gegangen. Doch die Aktion endet im Fiasko: Die Terroristen liefern sich stundenlange Schießereien mit den Polizisten, Handgranaten explodieren, alle neun Geiseln und ein Polizist werden getötet. Bechler gelingt es, sich zunächst unter den Hubschrauber zu retten. "Nur wenige Meter neben mir hat der Terroristenchef Issa pausenlos Schüsse abgefeuert. Handgranaten wurden gezündet, es herrschte Krieg." Klaus Bechler erzählt von den Schreien der Geiseln, als sie getötet werden. Sein Gesicht ist jetzt ganz blass.

"Kurz bevor sie meinen Hubschrauber gesprengt haben, konnte ich mich aufs Rollfeld retten." Der Co-Pilot bleibt regungslos liegen, stellt sich tot. "Ich habe mich nicht getraut, die Augen zu öffnen und habe mir selbst gesagt: Mensch, denk an was Schönes. Das hier ist bald vorbei." Dann merkt er, wie ausgelaufenes Kerosin seinen Overall durchtränkt hat. "Ich wusste, wenn ich jetzt nicht aufspringe und loslaufe, komme ich um." Bechler rennt los, erreicht im Kugelhagel den rettenden Kontrollturm.

Alle sind froh, dass er es geschafft hat, dem Inferno zu entkommen. Doch keiner scheint so recht zu wissen, wie man mit ihm umgehen soll. "Ein Arzt kam, und hat gesagt: Gebt ihm am besten Alkohol. Und mir wurde ein Gefreiter an die Seite gestellt, der auf mich aufpassen sollte", erinnert sich Bechler. Der schlimmste Moment sei allerdings gewesen, als übers Radio die Falschmeldung kam, dass alle Geiseln befreit sind. "Ich wusste doch, dass das nicht stimmt."

Den Tag nach dem Attentat erlebt Klaus Bechler nur wie in Trance. Er ruft zuhause an. "Meine Tochter sollte an dem Tag eingeschult werden. Und ich wollte meine Familie auch wissen lassen, dass mir nichts passiert war", erinnert er sich. Schon am 7. September beginnt für Bechler wieder der normale Dienst.

Die Trauerfeier für die Opfer und die legendären Worte von IOC-Präsident Avery Brundage im Olympia-Stadion "The Games must go on – Die Spiele müssen weitergehen" erlebt er zwar nicht mit. Doch dass diese Entscheidung richtig war, findet er bis heute. "Sonst hätte der Terror gesiegt."

Vordergründig gehen auch für Klaus Bechler die Spiele weiter. Er versieht seinen Dienst, steckt seine Energie in seinen geliebten Sport. "Die ersten vier Jahre nach München waren aber schon hart", blickt er zurück. "Ich konnte keine Nacht schlafen, hatte Angst, die Augen zuzumachen, weil dann die Bilder und die Schreie wiederkamen." Bechler rennt sich weiter die Seele aus dem Leib, schießt Tore für seinen Fußballverein.

Seine Familie möchte er aus seiner Pein heraushalten, am liebsten nicht mehr über die Geschehnisse von Fürstenfeldbruck reden. Die Ehe hält der Belastung schließlich nicht mehr stand. Bechler und seine Frau trennen sich.

Die Schießerei und der Krach explodierender Handgranaten haben sein Gehör schwer geschädigt. Sein Berufsweg als Co-Pilot ist 1981 zu Ende.

Bechler wird vom BGS zur Lufthansa abgeordnet, ist dort als Sky-Marschall für die Sicherheit am Boden verantwortlich. "Das war eine tolle Zeit", schildert er mit leuchtenden Augen. "Ich bin nach Italien, Indien oder Peru gekommen. Das erleben nicht viele." Später schickt ihn der BGS an die innerdeutsche Grenze, Bechler wird Dienststellenleiter beim Bundesgrenzschutz in Braunschweig – und er heiratet wieder.

2006 nimmt er das erste Mal an einem Seminar der Polizeigewerkschaft teil, wo von Gewalt und Ausschreitung betroffene Beamte über ihre Erlebnisse und Traumata reden können. "Sie glauben gar nicht", sagt er, "was die Kollegen heute so alles erleben. Da ist auch von Todesangst die Rede. Es ist wichtig, dass man irgendwo hin kann mit all dem. Und über die Ereignisse reden, hilft. Auch wenn man sie nicht ungeschehen machen kann."

Freitag, 17.07.2009
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/10647835/menuid/10476193