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09. September 2010
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1974 Zeitzeugen: Ein Schuss, der die Westdeutschen mitten ins Herz traf

Mit seinem WM-Treffer gegen die BRD hat DDR-Fußballer Jürgen Sparwasser 1974 Geschichte geschrieben

Von Christian Schiebold

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1974 Zeitzeugen: Jürgen Sparwasser erzielte in seiner Karriere 15 Tore für die Fußball-Nationalmannschaft der DDR. Doch über keines wurde so viel geschrieben, wie über den WM-Treffer gegen die BRD.


Christian Schiebold erzählt die Geschichte des ehemaligen DDR-Fußballers Jürgen Sparwasser, der 1988 gemeinsam mit seiner Frau aus der DDR nach Westdeutschland flüchtete.

"Sparwasser. Sparwasser! Und? Tor! Jürgen Sparwasser aus Magdeburg! Die Wiederholung. Noch einmal Achtung, liebe Zuschauer! Eine glänzende Aktion des Magdeburgers. Schauen Sie, wie er den Überblick behält. (...) Und jetzt, wie er sich die Schussposition schafft, überlegt und vollendet. Eine meisterliche Aktion!"  
   Heinz-Florian Oertel, DDR-Fernseh-Kommentator

Es waren nur ein paar Sekunden, es waren nur wenige Dribblings, es war nur ein Tor. Eines, das seiner Mannschaft am Ende noch nicht einmal einen Titel bescherte. Eines, das im Grunde genommen nicht einmal besonders schön, geschweige denn spektakulär war – und dennoch in die deutsch-deutsche Fußballgeschichte eingegangen ist. Wie in Stein gemeißelt.

"Wenn später Hamburg 1974‘ auf meinen Grabstein steht, dann weiß jeder, wer gemeint ist." Diesen Satz gibt Jürgen Sparwasser immer wieder zum Besten. Jener Sparwasser, der mit seinem Treffer im WM-Vorrundenspiel gegen den "Klassenfeind" BRD zum wohl berühmtesten DDR-Fußballer aller Zeiten wurde, dessen Trikot längst im Bonner Haus der Geschichte hängt.

Er hat die Geschichte von diesem einen Spiel, von diesem einen Tor unzählige Male erzählt, erzählen müssen. "Dabei habe ich doch viel wichtigere Tore geschossen." Zum Beispiel jenes 1974 beim 2:1-Halbfinalsieg des FC Magdeburg im Europapokal der Pokalsieger über Sporting Lissabon. Aber wirklich interessiert hat das nie jemanden. Sparwasser muss damit leben, dass seine Karriere in der öffentlichen Wahrnehmung gerne auf dieses eine Begegnung, diese 78. Spielminute reduziert wird.

Dabei hat er viel mehr erreicht: Er wurde mit Magdeburg drei Mal DDR-Meister, vier Mal Pokalsieger und gewann obendrein noch den Europapokal der Pokalsieger. "Besser konnte man eigentlich nicht spielen", sagt der 61-Jährige voller Stolz. Doch nicht nur sportlich lief es für ihn rund, auch privat war für ihn in der DDR über viele Jahre alles in bester Ordnung.

Sparwasser erzählt, dass die Familien der Spieler im Laufe der Zeit zusammengewachsen sind, noch heute trifft sich Sparwasser regelmäßig mit seinen alten Weggefährten. "Das kennt man im Profigeschäft gar nicht mehr", bedauert der ehemalige Mittelfeld-Mann und erzählt bei dieser Gelegenheit von seiner Trainerstation in Frankfurt: Spätestens zehn Minuten nach Trainingsende waren die Spieler verschwunden gewesen. "Das hat mich damals richtig erschrocken."

1979, im Alter von 31 Jahren, muss Sparwasser seine Karriere beenden. Hüftprobleme. Eines seiner letzten Spiele für Magdeburg bestreitet er in Braunschweig, schießt dabei zwei Tore. Mit den Eintracht-Akteuren und deren Sponsor Günter Mast geht es anschließend ins "Hotel Forsthaus". Seine Augen funkeln, wenn er von diesem Abend erzählt. Schon damals zitierte ihn unsere Zeitung mit den Worten: "Eine so herzliche Aufnahme und Atmosphäre haben wir kaum einmal zuvor zu spüren bekommen."

Dem Sport bleibt Sparwasser nach seinem Rücktritt treu, er wird Diplom-Sportlehrer und arbeitet an der Universität Magdeburg. Die Übernahme des Trainerpostens beim angeschlagenen 1. FC Magdeburg lehnt er in den folgenen Jahren mehrfach ab – und macht sich damit keine Freunde beim SED-Regime. "Von diesem Zeitpunkt an stand ich auf dem Abstellgleis", berichtet Sparwasser. Die Verbitterung bei diesem Thema ist ihm deutlich anzumerken.

So habe er unter anderem seine Doktorarbeit nicht fortsetzen dürfen. "Ich sollte nicht mehr der sein, der ich mal war", blickt Sparwasser zurück. Der Staat habe ihn vor einen Karren spannen wollen, den er nicht bereit war, zu ziehen. "Ich konnte nicht mehr in den Spiegel gucken und sagen: Das bin ich." Deshalb reifte bei ihm der Entschluss: "Wenn es sich ergibt, ergreifst du die Gelegenheit zur Flucht."

Die sollte sich schließlich im Januar 1988 ergeben. Sparwasser nutze ein Alt-Herren-Turnier in Saarbrücken, um sich abzusetzen. "Mielke und Co. haben zu diesem Zeitpunkt wohl ein wenig gepennt", vermutet er. Denn seine Frau Christa sei zeitgleich auf einer Feier bei Verwandten in Lüneburg gewesen – beide kehren nicht mehr in die DDR zurück. "Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich die Ost-Seite noch einmal betreten werde", erinnert sich Sparwasser.

An die Möglichkeit, dass seine Republikflucht scheitern oder jemand von seinen Plänen Wind bekommen haben könnte, hat er damals, als der Bus den Grenzübergang Marienborn passierte, keinen Gedanken verschwendet. Erst später hat er sich vor Augen geführt, was ihm geblüht hätte: "Dann wäre ich wohl in Bautzen gelandet."

In der DDR-Presse wurde seinerzeit kolportiert, er sei vom Westen gekauft worden. Ein Vorwurf, der ihn bis heute ärgert. Denn mit Geld, das betont er immer wieder, habe seine Flucht nichts zu tun gehabt. Wenn es ihm wirklich ums Finanzielle gegangen wäre, hätte er Jahre vorher flüchten müssen. Bei der Junioren-EM 1967 hätte eine gute Gelegenheit bestanden, nach der WM 74 hatte er ebenfalls zwei Angebote von West-Vereinen. "Da war ich noch im blendenden Fußballalter." Doch Sparwasser dachte zum damaligen Zeitpunkt gar nicht drüber nach, das Land zu verlassen. Denn der DDR, das betont er immer wieder, habe er viel zu verdanken. "Deshalb habe ich den Staat öffentlich auch nie angegriffen."

Im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen DDR-Bürgern hat Sparwasser bis heute auch keinen Blick in seine Stasi-Akte geworfen, will gar nicht wissen, wer von seinen Freunden ihn damals bespitzelt haben könnte. "Irgendwann muss auch mal Schluss sein." Stattdessen erzählt er dann doch lieber wieder von seinem legendären Treffer.  

"Ich bekam den Ball nach einem Pass kurz vor dem Strafraum in den Lauf. Lief weiter, bis Sepp Maier vor mir auftauchte, trickste ihn mit einem angetäuschten Schuss aus und machte den Ball rein. Es war ein Konter wie aus dem Lehrbuch. Besser kann man es nicht spielen."  Jürgen Sparwasser

Dienstag, 21.07.2009
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/10666387/menuid/10476193