1990 Zeitzeugen: Überleben im Auge des Orkans
Der Peiner Jude Sally Perel überlebte den Holocaust in Braunschweig, indem er "Hitlerjunge Salomon" wurde
1990 Zeitzeugen: Sally Perel. Der 84-Jährige gebürtige Peiner wurde mit seiner Autobiographie bekannt, die als „Hitlerjunge Salomon“ 1990 in die Kinos kam. Der Jude Perel überlebte den Holocaust in Braunschweig, indem er sich als Hitlerjunge ausgab.
Juliane Wiedemeier hat mit Sally Perel über seine unglaubliche
Überlebensgeschichte, seine Verbindung zur Heimat und die Verfilmung seines
Buches gesprochen. Im September besucht Perel wieder Braunschweig.
Es knackt ein wenig in der Telefonleitung, das hatte man schon erwartet. Am anderen Ende ist Israel, fast dreitausend Kilometer und einen Kulturkreis weit entfernt, das will man hören.
Sally Perel spricht Deutsch, natürlich, denn als Deutscher wurde er 1925 in Peine geboren. Jetzt wohnt er in der Nähe von Tel Aviv, wo er sich am Ende einer lange Odyssee über Lodz, Grodno und Braunschweig und einem Leben als Hitlerjunge niedergelassen hat.
Es ist diese Geschichte, die Sally Perel in der ganzen Welt bekannt gemacht hat. Die Geschichte des Juden, der im Auge des Sturms überlebte, indem er sich als Deutscher ausgab und sich in der Uniform der Hitlerjugend versteckte. Die Geschichte des Zerrissenen, dessen Familie im Ghetto von Lodz vegetierte, während er seinen Mitschülern die Notwendigkeit der Vernichtung der jüdischen Rasse erklärte. Die Geschichte, die im Jahr 1990 Millionen Menschen in die Kinos zog, und ebenso vielen Schulkindern jedes Jahr aufs Neue im Unterricht den Aberwitz des Nationalsozialismus nahebringt. Es ist seine Lebensgeschichte, die des Hitlerjungen Salomon.
Perel hat sie oft erzählt in den vergangenen Jahren, vielleicht zu oft, denn man erkennt die Sätze wieder, die durch die rauschende Leitung aus Israel tönen. "Meine Kindheit in Peine war wie ein schöner Traum, der plötzlich unterbrochen wurde", ist so eine Formulierung, die schon in vielen Zeitungen stand, wenn Perel einmal wieder deutschen Schulkindern seine Erlebnisse erzählte. Zweimal in Jahr kommt er nach Deutschland. Auch in Polen ist er oft zu Gast, an Schulen in Israel sowieso.
Sally Perel ist ein Peiner Junge, bis ihn die Machtergreifung Hitlers zum Juden macht. Auch in der niedersächsischen Provinz zeigen sich die Folgen der nationalsozialistischen Politik: Bald boykottieren die Peiner das Schuhgeschäft der Eltern, 1935 entschließt sich die Familie zur Flucht nach Polen, nach Lodz. Als auch dort vier Jahre später die Nazis einmarschieren, schlagen sich Sally und sein Bruder Isaak nach Russland durch. Die Eltern, Bruder David und Schwester Berta bleiben zurück.
Zwei Jahre kommt Perel in einem Waisenhaus in Grodno, im heutigen Weißrussland, unter, bis ihn die Truppen Hitlers erneut einholen. Als ihn die Wehrmacht gefangen nimmt, sagt er einen dieser viel zitierten Sätze: "Ich bin Volksdeutscher."
Volksdeutsch, damals ein gebräuchliches Wort für Menschen mit deutschen Wurzeln und Deutsch als Muttersprache, aber ausländischem Pass. Nicht so gut wie Reichsdeutsch für die Bewohner des Reiches, aber besser als: Jude. Das zuzugeben wäre sein Todesurteil gewesen. Statt dessen folgt Perel einer spontanen Eingebung, und so wird aus dem Peiner Juden Sally Perel Josef Perjell, Volksdeutscher aus Litauen und Waisenkind.
Eine Zeit lang arbeitet Perel als Dolmetscher einer Wehrmachtseinheit in Russland, dann schickt man den 16-Jährigen an die Akademie für Jugendführung nach Braunschweig, in deren Gebäude heute das Braunschweig-Kolleg untergebracht ist. Nur dreißig Kilometer von seiner Heimatstadt entfernt wird Perel vier Jahre lang an dieser Eliteschule der Hitlerjugend auf eine Karriere im nationalsozialistischen Staatsapparat vorbereitet. Dort erlernt er die Überlegenheit der deutschen Rasse anzuerkennen, weint mit seinen Klassenkameraden über die Niederlage der 6. Armee bei Stalingrad und hilft im VW-Vorwerk bei der Produktion eines Amphibienfahrzeuges, das ebenso vergeblich als kriegsentscheidend propagiert wird wie die Wunderwaffe V2.
Er geht auf in seiner Rolle als Hitlerjunge Jupp – und kämpft doch immer mit dem Sally in sich, der so gar nicht passt in die erlernte Ideologie. Dazu schwebt über allem die Angst vor der Entdeckung, denn auch wenn er das Hakenkreuz am Ärmel trägt, verrät seine Beschneidung seine wahre Identität.
Doch Josef weiß Sally gut zu beschützen, und auch das Schicksal steht mit vielen Zufällen auf seiner Seite. Zu Beginn des Jahres 1945 wird er an die Westfront geschickt, wo er bald amerikanischen Truppen in die Hände fällt. Damit endet sein Leben als Josef Perjell.
Sally Perel wandert 1948 nach Israel aus. Er hat überlebt, doch in seiner Familie hatte der Holocaust gewütet. Sein Vater starb an Entkräftung im Ghetto von Lodz, seine Mutter erstickte in einem Lastwagen, dessen Abgase auf die abgedichtete Ladefläche geleitet wurden. Berta wurde auf dem Todesmarsch des KZ Stutthof erschossen, da sie mit ihren erfrorenen Füßen nicht weiterlaufen konnte. Sein Bruder David wurde von der Roten Armee aus dem Lodzer Ghetto befreit, Isaak überlebte das Konzentrationslager Dachau.
Vierzig Jahre verschwieg Perel sein Doppelleben. Er arbeitete als Feinmechaniker und eröffnete eine Reißverschlussfabrik. Erst als Rentner begann ihn das lange Verdrängte einzuholen. Er schrieb seine Geschichte auf, und so wurde aus Sally aus Josef aus Sally der Hitlerjunge Salomon. Zwanzig Jahre ist das nun her, seitdem ist seine Geschichte sein Beruf. Er erzählt sie, immer und immer wieder. "Es ist eine Art Pflichterfüllung", meint Perel. Nach vierzig Jahren des Schweigens habe sich viel aufgestaut, da sei das eine Art Selbsttherapie. "So lange mich die Emotionen begleiten und ich nicht deklamiere, mache ich weiter."
Verfilmt wurde die Geschichte 1989, noch vor dem Erscheinen des Buches auf Deutsch. Das Werk der Regisseurin Agnieszka Holland gewann 1992 einen Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film und war auch für einen Oscar nominiert – ein Erfolg, der jedoch nicht der Einschätzung der Kritiker entspricht. Der Film sei kitschig und nutze die unglaubliche Geschichte kalkuliert für kommerziellen Erfolg auf dem Weltmarkt aus, hieß es nicht zu Unrecht in den deutschen Zeitungen. Man missbrauche das Schicksal, um Preise zu gewinnen. Die Export-Union des Deutschen Films weigerte sich, den Film als deutschen Beitrag für den Oscar für den besten ausländischen Film vorzuschlagen.
Doch besonders in den USA wurde das Werk gefeiert, und Perel sagt, was er an dieser Stelle immer sagt: "Ich halte den Film für gelungen." Er sehe ihn als ein Familiendokument, auch wenn es natürlich Abweichungen zur Realität gebe; das sei eben die Freiheit der Kunst. "Auch wenn ich den Film schon hundert Mal gesehen habe, bin ich immer wieder betroffen, wenn ich den Abschied von meinen Eltern oder das Wiedersehen mit meinem Bruder sehe", sagt Perel. Und verdrängt, dass beide Szenen zu den von der Regisseurin gebeugten gehören und eigentlich anders abliefen.
Wenn Perel heute seine Geschichte deutschen Jugendlichen erzählt, bitten die ihn manchmal um Vergebung. "Aber Schuld ist nicht erblich", sagt er. Persönliche Kontakte nach Peine habe er nicht mehr. "Wenn ich durch Deutschland reise, bitte ich den Fahrer aber immer von der A2 abzufahren und lade ihn zu einem Härke-Bier ein." In Braunschweig sei das anders, da lebten jedoch noch einige seiner Hitlerjugend-Kameraden, wie er sie heute noch nennt.
Zum Abschuss stellt Perel die Fragen und erkundigt sich nach einem Herrn Mordhorst. "Mordhorst – ein komischer Name eigentlich." Er sei damals Bannführer der Braunschweiger Hitlerjugend gewesen, doch von ihm gehört habe Perel nie wieder etwas. "Rufen Sie mich an, wenn Sie wissen, ob er noch lebt."
Sally hat Josefs Geschichte noch nicht auserzählt, neben den ausgetretenen Pfaden liegt immer noch unangetasteter Neuschnee.
Dann knackt es in der Leitung. Auf Wiederhören, Sally Perel.













