Warum sich Hauptschüler strengere Lehrer wünschen
Psychologin Barbara Jürgens von der TU: Respektvolles Verhalten ist wichtiger als Schreien und Schimpfen
Ein guter Lehrer zu sein, ist Übungssache, sagt Barbara Jürgens. Die Professorin für Pädagogische Psychologie unterrichtet und trainiert Lehrer in Seminaren an der Technischen Universität Braunschweig. Im Gespräch mit Yvonne Buchwald erklärt die Expertin, warum Lehrer besonders für den Umgang mit Gewalt geschult werden müssen.
In unserer Umfrage sagen ausnahmslos alle Lehrer: Ja, es gibt Gewalt an unserer Hauptschule. Die meisten Schüler stimmen dem zu. Sie geben jedoch zum Teil den Lehrern die Schuld daran und fordern, dass diese härter gegen Unruhestifter durchgreifen. Ist die Forderung der Hauptschüler nach strengeren Lehrern nachvollziehbar?
Ja, Schüler beklagen das immer wieder in diversen Studien. Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass es an Hauptschulen die meiste Gewalt gibt. Schüler wünschen sich ein konsequenteres Durchgreifen der Lehrer. Das heißt aber nicht, dass Lehrer lauter schreien oder mehr schimpfen sollen. Lehrer müssen lernen, systematisch, also auf immer gleiche Weise auf Gewalt zu reagieren. Sie müssen konsequent, aber höflich bleiben
Wie sollten Lehrer Ihrer Meinung nach auf Gewalt reagieren? Gibt es ein typisches Fehlverhalten, das Aggressionen sogar noch schürt?
Es ist problematisch, wenn Lehrer das Verhalten der Schüler persönlich nehmen und emotional reagieren. Das führt dazu, dass sie unentwegt meckern, Schüler nieder machen oder gar beleidigen. Wichtig sind deutliche Regeln, auf deren Einhaltung konsequent geachtet wird. Lehrer sollten Schülern durchaus mitteilen, dass sie sich über deren Verhalten ärgern und dies auf keinen Fall dulden wollen. Aber sie müssen aufpassen, dass sie die Schüler dabei nicht als Person abwerten.
Sie unterrichten und beraten Lehrer in speziellen Trainingsprogrammen. Kann man sagen, dass Lehrer "erzogen" werden müssen?
Unbedingt. Der angemessene Umgang mit schwierigen Schülern entsteht nicht von selbst, sondern muss systematisch geübt werden. Lehrer müssen darauf vorbereitet werden, nicht erst auf Gewalt zu reagieren, wenn sie auftritt. Sie müssen schon im Vorfeld deutliche Regeln setzen und zugleich respektvoll mit den Jugendlichen umgehen können. Das ist nicht einfach und muss gelernt werden.
Unser Schultest hat ergeben, dass Mädchen Gewalt anders bewerten als Jungen und psychische Gewalt, also Mobbing, stärker zu empfinden scheinen. Müssen Lehrer auf diese Unterschiede eingehen?
Während bei physischer Gewalt ein sofortiges Einschreiten möglich ist, bekommen Lehrer Mobbing häufig gar nicht mit. Es ist daher wichtig, dass ein Lehrer, ohne zu moralisieren, versucht, Maßstäbe für den Umgang miteinander zu etablieren, die er auch auf sein eigenes Verhalten den Schülern gegenüber anwendet. Im übrigen bleibt ihm nur, sich so zu verhalten, dass Schüler sich trauen, sich bei Problemen an ihn zu wenden.
Viele Lehrer loben die gute Zusammenarbeit im Kollegium an Hauptschulen. Inwiefern kann dies als Vorteil im Umgang mit Gewalt an Schulen genutzt werden?
Lehrer sollten sich mit gezielten Fragestellungen zusammensetzen und über Problemschüler austauschen. Ihr Aktionsfeld ist die Schule, darauf sollten sie sich konzentrieren und nicht versuchen, in der Familie Sozialarbeit zu leisten. Dafür sind sie nicht ausgebildet – Schule und Unterricht sind dagegen die Handlungsfelder, auf die sie wirklich Einfluss haben.
Noch ein Ergebnis unserer Befragung: Besonders ältere Lehrer klagen über die heutigen Zustände an den Schulen und erklären, mit zunehmend verhaltensauffälligen Schülern nicht mehr klarzukommen. Malt sich hier eine Entwicklung ab?
Viele ältere Lehrer sind von ihrem anstrengenden Beruf erschöpft. Sie haben noch eine Zeit erlebt, in der Normen strikter waren. Seit Kinder mehr im Sinne von gleichwertigen Partnern erzogen werden, lassen sie sich nicht mehr so einfach dirigieren. Studien zeigen, dass Lehrer glauben, die Gewalt an Schulen nehme zu. Aus Statistiken lässt sich der Schluss ziehen, dass sich nicht so sehr die Häufigkeit, sondern vor allem die Art der Gewaltausübung geändert hat.













