Kämpfen bis aufs Blut
Spektakuläre Show, widerwärtiges Geprügel jenseits aller Regeln oder technisch anspruchsvoller Sport? Die Diskussion um Käfigkämpfe ist voll entbrannt. Vor fast 13.000 Zuschauern feierte der lukrative amerikanische Kampf-Zirkus "Ultimate Fighting Championship" (UFC) seine Deutschland-Premiere in Köln. Auch in Braunschweig gibt es eine Gruppe von Käfigkämpfern.
Mixed Martial Arts (MMA), Free Fight, Vale Tudo - das Phänomen hat viele Namen. Zwei Kämpfer stehen sich in einem achteckigen Ring gegenüber, der von mannshohem Maschendraht eingezäunt ist. Sie tragen Boxershorts und dünne, fingerlose Kampfhandschuhe - sonst nichts. Wenn der Ringrichter den Kampf freigibt, scheint nur noch eine Regel zu gelten: Schlage so schnell und so stark auf deinen Feind ein, tritt ihn so hart und gezielt mit Füßen oder Knien, dass er aufgibt, bevor du es tun musst. Wenn er am Boden liegt, prügele weiter oder versuche, ihn zu würgen oder seinen Arm auszuhebeln.
Auch der am Boden liegende Gegner darf geschlagen werden
Tatsächlich kombinieren Meister der gemischten Kampfkünste - so die deutsche Übersetzung für "Mixed Martial Arts" - bekannte Techniken aus Sportarten wie Boxen, Kickboxen, Ringen, Judo und Jiu-Jitsu. Was all diese Disziplinen nicht kennen, ist das Schlagen eines am Boden liegenden Gegners. MMA erinnert dadurch an die Allkämpfe des Pankration bei Olympischen Spielen im alten Griechenland. Bei dieser Verbindung von Ringen und Boxen konnte der Sieg nur durch K.O., Aufgabe oder Tod des Gegners errungen werden.
"Das ist sinnloses Geprügel", sagt Klaus Hoffmann, Pressewart und Trainer des Boxclubs Heros aus Salzgitter. Die Käfigkämpfe stünden im krassen Widerspruch zu allen gesellschaftlichen Bemühungen um Gewaltprävention und sollten daher nicht in Hallen stattfinden dürfen, die vom Steuerzahler bezahlt werden. "Auch das Amateurboxen ist ein harter Sport", räumt Hoffmann ein, "aber wir kämpfen nach einem sehr strengen Reglement."
"Es gibt da einen Vernichtungswillen"
Er habe eine Fürsorgepflicht für seine jungen Schützlinge und sieht daher auch das Profiboxen kritisch. Genau wie bei den MMA-Kämpfen der Ultimate Fighting Championships gehe es dabei ums Geld. Häufig werde darum das Handtuch später geworfen als es für die Gesundheit der Profi-Sportler angebracht wäre, so Hoffman. "Wenn jemand beim Boxen für seine Nehmerqualitäten gelobt wird, dann ist das Quatsch. Wenn einer meiner Kämpfer einen ernsten Wirkungstreffer kassiert hat, breche ich ab. Da gibt es keine Diskussionen." Auf eine Stufe mit den gemischten Kampfkünsten im Maschendraht-Ring will Hoffmann den professionellen Boxsport aber nicht stellen. "Bei diesen Käfigkämpfen wird der Gegner nicht respektiert. Es gibt da einen Vernichtungswillen", so der Amateurboxtrainer.
Diese Argumente gegen seinen Sport kennt Christoph Wrembel aus Braunschweig zur Genüge. Er nennt sie nicht Argumente, sondern schlicht Vorurteile, will mit Zeitungsleuten eigentlich lieber nicht sprechen. "Schlechte Erfahrungen mit reißerischer Presse", blockt er das Telefongespräch zunächst ab, kommt dann aber doch ins Erzählen. Er gehöre einer privaten Gruppe von MMA-Kämpfern an, die sich viermal pro Woche unter dem Namen "Team Slam" in Braunschweig zum gemeinsamen Training trifft.
"Na klar haben wir Ärzte dabei. Die kämpfen mit!"
Etwa 10 Kampfsportler zwischen 18 und 50 Jahren besuchen die Trainingseinheiten, darunter auch eine Frau. "Die ist übrigens Doktor der Physik", unterstreicht Wrembel. Man scheint in der Szene Wert darauf zu legen, dass MMA nicht als Freizeitbeschäftigung dumpfer Idioten gilt. Die Frage, ob beim Training stets ein Arzt vor Ort sei, beantwortet Wrembel lachend: "Na klar haben wir Ärzte dabei. Die kämpfen mit!" Blutbesudelte Kämpfer wie bei der UFC-Deutschlandpremiere in Köln gebe es beim Training allerdings so gut wie nie. "Natürlich fließt auch bei uns mal Blut. Aber bei allen möglichen Sportarten fließt Blut, beim Rugby, beim Boxen. Darum geht es bei MMA nicht", erklärt Wrembel.
Die Faszination der gemischten Kampfkünste liege vielmehr in der technischen Vielseitigkeit. Die Braunschweiger MMA-Kämpfer trainierten Boxen und Ringen genauso intensiv wie das sogenannte "Grappling" des Bodenkampfes, sagt Wrembel. Mit der Lust an showreifer Gewalt habe das nichts zu tun. Die ist es, die den ehemaligen Boxtrainer abstößt, wenn er MMA-Events wie die UFC-Kämpfe in Köln sieht. "Das Publikum in Köln hat mich irritiert. Das war Abschaum, kein Fachpublikum", kritisiert Wrembel, "beim Judo oder beim Ringen haben die Leute wenigstens Ahnung vom Sport."
Ultimate Fighting als Riesengeschäft
Das amerikanische Unternehmen UFC soll im vergangenen Jahr fast 250 Millionen Dollar Umsatz mit Käfigkampf-Events gemacht haben. Das US-Wirtschafts-Magazin "Forbes" schätzt den Wert der UFC gar auf eine Milliarde Dollar. Ob das große Business und blutige Veranstaltungen mit Star-Kämpfern wie dem Brasilianer Wanderlei Silva – Kampfname "Axt-Mörder" - seinem Sport schadeten? Auf diese Frage antwortet Wrembel gelassen: "Nein, es ist uns sowieso egal, was irgendwelche Leute denken. Wir brauchen keine Werbung und müssen nicht jeden in unserem Team haben."
Die private Braunschweiger MMA-Gruppe "Team Slam" sei keine geheime, umstürzlerische Gruppe wie man sie aus dem Film "Fight Club" mit Brad Pitt kennt. Dass man nicht als eingetragener Verein Sport treibt, hat einen anderen Grund, so Wrembel: "Ich war lange Trainer in einem Boxclub. Wenn man dort einen Schlägertypen rauswerfen will, dauert das ewig. Wir wollen keine Schlägertypen."
MMA ist ein Sport - aber sicher nichts für Kinder
Klaus Wichmann ist Sportwissenschaftler an der Technischen Universität Braunschweig. Er bewertet die MMA-Kämpfe differenziert. "Jede Bewegungsaktivität, die unter einem Konkurrenzgedanken und nach einem verbindlichen Regelwerk abläuft, ist im engen Sinne als Sport zu bezeichnen", erklärt er.
Nach dieser Definition sei MMA sicherlich als Sport zu bezeichnen. Aus der Sicht der Sportpädagogik stelle sich aber eine andere Frage: "Kann ein Sport als Erziehungsmöglichkeit für Kinder taugen?" Sportarten, in deren Regelwerk Körperverletzungen wie das K.O.-Schlagen des Gegners ausdrücklich vorgesehen sind, seien dafür sicher nicht geeignet, so Wichmann. "Boxen nicht und die gemischten Kampfkünste noch weniger."
Fakten
Vale Tudo - die portugiesische Bezeichnung für gemischte Kampfstile heißt übersetzt so viel wie "alles geht". Die dadurch angedeutete völlige Regellosigkeit des MMA-Sports gilt zumindest bei offiziellen Wettkämpfen nicht mehr.
Verbindliche Regeln für MMA-Kämpfe wurden im Jahr 2000 von der UFC eingeführt. Zuvor waren die weitgehend unregulierten Käfigkämpfe auf Druck der Behörden in 36 Staaten der USA verboten und von großen Bezahl-Fernsehsendern aus dem Programm genommen worden.
31 Regeln sollen die Kämpfer vor den schlimmsten Verletzungen schützen. Verboten sind danach zum Beispiel Kopfstöße, Augenstechen, Beißen oder Stampftritte auf den am Boden liegenden Gegner. Auch der deutsche MMA-Verband "Free Fight Association" akzeptiert diese Regeln der UFC.
In fünf Gewichtsklassen treten die Kämpfer seit 1997 bei UFC-Kämpfen gegeneinander an. Ein Kampf geht über drei Runden à fünf Minuten. Bei Titelwettbewerben wird fünf Runden lang gekämpft.
Sieger ist, wer seinen Gegner k.o. schlägt oder ihn durch eine Würge- oder Armhebeltechnik zur Aufgabe zwingt. Das Aufgeben wird auch "Submission" - englisch für "Unterwerfung" - genannt. Außerdem können Ringarzt, Betreuerteam oder Ringrichter einen Kampf abbrechen. Gibt es weder K.o., Aufgabe oder Abbruch, entscheiden drei Kampfrichter nach der vollen Rundenzeit über den Sieg.
Todesfälle hat es bei offiziellen MMA-Veranstaltungen nach Angaben der UFC noch nicht gegeben. Im Jahr 1998 starb der US-Amerikaner Douglas Dedge bei einer inoffiziellen Kampf-Show in Kiew. Der Texaner Sam Vasquez fiel 2007 nach einem Käfigkampf für 42 Tage ins Koma, bevor er seinen Hirnblutungen erlag.











