Rallye - Mit dem Oldtimer nach Wolfsburg
Reportage aus einem 1939 Bentley von der Etappe Wittingen-Wolfsburg
Ich würde in Wittingen in ein 1939er Horch Cabriolet steigen, es habe die Startnummer 23, hieß es. Doch diese Nummer prangt merkwürdigerweise an einem 1939er Bentley Park Ward Aero Saloon.
"Ja", bedauert Andreas Hornig, Chef des Zeithauses der Autostadt, zur Begrüßung. "An unserem Horch ist das Kupplungsseil gerissen. Wir fahren mit diesem hier weiter, und Johanna holt sich eben noch einen Kaffee." Mit Johanna meint Oldtimer-Rallyefahrer Hornig seine Co-Pilotin, die Schauspielerin Johanna Christine Gehlen.
"Wir liegen ganz gut im Rennen," sagt Hornig. Die Schauspielerin kehrt zurück, steigt ein, nimmt das Roadbook – das ist die Streckenbeschreibung aus Pfeilen und Piktogrammen –, Hornig gibt dosiert Gas und rollt auf dem Brauereihof zur Wertungsprüfung: 20 Meter müssen in sieben Sekunden zurückgelegt werden.
Hornig: "Ich sage ,go‘, dann zählst Du runter."
Gehlen: "Okay."
Die Kupplung kratzt, der Motor heult auf, der Auspuff röhrt.
Hornig: "Go!"
Der Bentley rollt an.
Gehlen: "...fünf, sechs, SIEBEN!"
Hornig: "Na ja."
Vom Brauereihof biegen wir nach links ab. Richtung Kakerbeck.
Wer vorne sitzt im rechts gelenkten Bentley, ist klar im Vorteil. 183-Zentimeter-Menschen, wie ich, sind im Fond der Bentley-Limousine klar im Nachteil. Die Sitze sind mit blauem Leder bezogen und bequem, das Armaturenbrett ist aus Holz. Sicherheitsgurte gibt es keine. Es riecht nach Benzin und Abgas, obwohl (?) oder weil (?) das Schiebedach geöffnet ist – ein Oldtimer eben.
Gehlen: "Nach einem Kilometer müssen wir rechts nach Knesebeck und Hagen abbiegen."
Hornig: "Wird gemacht."
Rechts und links des Weges stehen Schaulustige und winken und fotografieren. Hornig und Gehlen winken zurück.
Gehlen: "Heute morgen dachte ich noch, das Winken nervt. Aber es ist so schön."
Die silberne Kühlerfigur auf der laaaaangen Motorhaube, das fliegende B, durchschneidet die Birkenallee. Gut gefedert war so ein Bentley seinerzeit nicht. Aber dieses Gleiten durch die Landschaft ist einmalig. Fahrer und Co-Pilotin unterhalten sich über sich den Kauf von Wanderschuhen und Trecker-Marken.
Gehlen: "Nach 540 Metern müssen wir links nach Jembke abbiegen."
Hornig: "Jaha."
In Jembke weist ein alter Mann am Straßenrand den Weg, andere Schaulustige winken.
Hornig: "Danke schön."
Gehlen: "Die hinter uns können Sie geradeaus weiterschicken!"
Er hört es nicht mehr. Im Bentley hinter uns fahren Autostadtchef Otto Ferdinand Wachs und die Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek.
Gehlen: "Ulkige Ortsnamen gibt es hier. Grußendorf, Knesebeck..."
Hornig: "Im Harz gibt es Elend und Sorge..."
Der Bentley schnurrt. Der Tag entschleunigt sich. Auch im Fond mit krummem Rücken. Und leider – wir rollen auf der Bundesstraße 188 – kommt bereits das VW-Werk ins Blickfeld. Hornig erklärt seiner Co-Pilotin die Silhouette.
Hornig: "Da, die Schornsteine des Kraftwerks."
Gehlen: "Backsteine!"
Hornig: "Ja, ein Industriedenkmal."
Gehlen: "240 Meter rechts, Ritz."
Hornig: "Ich weiß."
Er setzt, jawohl, den Winker. Einfahrt zur Wertungsprüfung. Fahrverhalten auf nasser Fahrbahn. 80 Meter in 17 Sekunde. Die Co-Pilotin zählt nach Hornigs "go!" die Sekunden.
Gehlen: "...SIEBZEHN! Achtzehn."
Hornig: "Verpatzt. Egal."
Aber wir sind angekommen, rollen durchs Ziel, parken ein.
Johanna Christine Gehlen gibt Autogramme. Frage zwischendurch: War das nun ihre erste oder letzte Rallye? "Meine erste", strahlt sie mich an. Meine auch. Ich könnte glatt nocheinmal mitfahren.













