Sarrazin-Streit: Leser stellen Fragen
Deutschland diskutiert über die Sarrazin-Thesen – was ist offensichtlich falsch, was hat einen wahren Kern? Unsere Zeitung lässt jetzt ausgewiesene Experten der Region die wichtigsten Fragen der Leser beantworten.
Gestern wogte der Streit wieder hin und her, doch es stellt sich zunehmend
Überdruss ein:
Die Deutsche Bundesbank kommt noch zu keiner Entscheidung über
ihr Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin wegen dessen umstrittener Äußerungen.
Vielleicht gibt es heute eine Entscheidung.
Die SPD tut sich mit den Thesen ihres Parteimitglieds Sarrazin schwer. Es
soll ein beschleunigtes Parteiausschlussverfahren geben. Doch sehr viele
Mitglieder kritisieren jetzt die Parteiführung.
Das Buch des Provokateurs ist
unterdessen vergriffen, das Geschäft für Sarrazin läuft also gut.
Öffentliche
Veranstaltungen mit dem Autor müssen gleich an mehreren Orten aus
Sicherheitsgründen abgesagt werden.
Auch die Union geht auf Distanz:
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nannte Sarrazins Thesen (siehe
unten) „verantwortungslosen Unsinn“.
Doch der kommunalpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Peter
Götz, meint, Sarrazin lege auch den Finger in eine Wunde und zeige tatsächliche
Misstände auf.
Die NPD triumphierte gestern am Rande einer Rede von
Bundespräsident Christian Wulff in Dresden und enthüllte Spruchbänder: „Sarrazin
hat Recht“. Wulff schwieg. Die Transparente wurden entfernt.
Es gibt ein
Dilemma, das viele Experten so beschreiben:
Einerseits ist Sarrazins
provokativer und verkaufsfördernder Stil indiskutabel und in der Form skandalös.
Die Atmosphäre wird vergiftet.
Andererseits sind die Zustimmungswerte in der Bevölkerung sehr hoch.
Was
not tut, ist also eine Erörterung tatsächlicher Probleme und eine Widerlegung
der größten Irrtümer auf der Basis von Fakten – abseits der von Thilo Sarrazin
jetzt in Gang gebrachten Emotionen.
Unsere Zeitung beruft als Bürgerzeitung
deshalb ein außerordentliches Leser-Forum ein, das mit jeder Gründlichkeit, die
nötig ist, die Fragen der Leser aufnimmt und von Experten der Region beantworten
lässt. Dabei geht es unter anderem um folgende Fragen:
Was kann vererbt werden und was nicht?
Wie steht es um die Integration
einzelner Bevölkerungsgruppen?
Welche Defizite gibt es in Erziehung und
Bildung tatsächlich?
Das sind nur Beispiele. Die entscheidenden Fragen
stellen jetzt unsere Leser selbst.
Hier eine Übersicht von Sarrazins Thesen:
THESE GEBURTENRATE: Etwa sechs Millionen Menschen türkischer, arabischer, bosnischer und afrikanischer Herkunft leben in Deutschland. Bleibe die Geburtenrate dieser Gruppe von Einwanderern (Sarrazin nennt sie „muslimische Migranten“) dauerhaft höher als die der deutschstämmigen Bevölkerung, würden Staat und Gesellschaft im Laufe weniger Generationen von den Migranten übernommen.
THESE HARTZ IV: Nur 33,9 Prozent der muslimischen Migranten in Deutschland leben laut Sarrazin überwiegend von Berufs- und Erwerbstätigkeit, bei der Bevölkerung ohne ausländische Wurzeln seien es 43 Prozent. Relativ zur Erwerbsbevölkerung bezögen bei dieser Gruppe vier Mal so viele Menschen Arbeitslosengeld I oder II wie bei der deutschen Bevölkerung.
THESE KULTURELLE IDENTITÄT: Muslimische Migranten, also Menschen aus der Türkei, Ex-Jugoslawien und den arabischen Ländern, bildeten den Kern des Integrationsproblems. Es gebe keinen erkennbaren Grund, warum sie es schwerer haben sollten als Einwanderer aus Asien oder Spätaussiedler, die sich schnell integrierten. Schuld seien islamisch geprägte kulturelle Einstellungen.
THESE GENE: Menschen verschiedener Herkunft hätten unterschiedliche Gene. „Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden“, sagt Sarrazin in einem Interview.
Unsere Experten:
Prof. Martin Korte, Gehirnforscher
Ulrich Markurth,
Sozial-Dezernent
der Stadt Braunschweig
Nilgün Sanli, Erzieherin,
Königslutter
Friedrich Weber, Landesbischof
Ulf Küch, Kripo-Chef,
Landesvorsitzender Bund der Kriminalbundes













