Wolfenbüttel zeigt Bücher-Schätze
Unter dem Titel „Schätze im Himmel - Bücher auf Erden“ stellt die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel ab Sonntag alte Handschriften von Weltrang aus.
Die Engel haben alle Hände voll zu tun im Kampf gegen das Böse. Mit
rotglühenden Schwertern und langen Spießen dringen sie auf die kleinen nackten
dunkelhäutigen Teufel ein, die mit Keulen, Pfeil und Bogen Widerstand leisten.
Kreuz und quer ragen die Speere in die Bildebene, kopfüber, kopfunter agieren
die Körper durcheinander. Einige Partien bleiben hinter dem Bildrahmen
verborgen, als schaute man durch einen Theaterguckkasten auf das Geschehen, das
dicht an dicht die Szene füllt.
Über allem aber thront in statischer Ruhe und
übergroß der Erzengel Michael mit den bunten, weitausgebreiteten und den Rahmen
sprengenden Flügeln. Sein Speer führt vor dem zentralen goldglänzenden Schild
hinab auf den Drachen des Bösen zu seinen Füßen, ja ihm direkt ins Maul. Mag der
Kampf gegen die vielen kleinen Übel noch anhalten, der Grundsieg gegen das Böse
ist errungen.
Millionenschwere Leihgabe
Dynamischer ist wohl auch in modernen Zeiten solches Ringen nicht gemalt worden als auf dieser Miniatur des Stammheimer Missales. Vor seinem goldenen Hintergrund scheinen die Figuren wirklich im Raum zu schweben, die Farben strahlen phantastisch – und dabei entstand das Buch um 1170. In der prachtvoll ausgestatteten Ausstellung mittelalterlicher Handschriften aus Hildesheim in der Wolfenbütteler Herzog-August-Bibliothek ist es der Star.
Das hat nun weniger mit dem Seelenheil zu tun, das sich die Mönche bei Herstellung und Gebrauch der Objekte versprachen, sondern mit dem heute rein materiell notierten Wert: Rund 15 Millionen Euro zahlte das Getty-Museum in Los Angeles, als es das Stück 1997 aus Privatbesitz erwarb. Es ist nun erstmals wieder in Europa zu sehen. Und schon die eben beschriebene Schauseite rechtfertigt jeden Cent.
Zu denken, dass dieses Missale wie die anderen kostbaren Bücher einst zum Bestand des Michaelis-Klosters in Hildesheim gehörte! Bei der Säkularisierung des Klosters nahmen offenbar viele Kanoniker ihre Gebrauchsbücher mit und vererbten sie in den Besitz ihrer adligen Familien. Andere vermachten sie dem Hildesheimer Dom, in dessen Bibliothek sich das kleine Bernward-Evangeliar, das Ratmann-Sakramentar und das sogenannte Kostbare Evangeliar noch heute befinden. Der Bernward-Psalter andererseits wurde 2007 aus Privatbesitz von der Herzog-August-Bibliothek erworben.
In der Ausstellung sind nun 20 Lehr-Bücher und 12 liturgische Bücher der
Michaelis-Bibliothek wiedervereinigt.
Dies alles zu Ehren des 1000-jährigen
Bestehens der Hildesheimer Michaeliskirche. Dabei ist natürlich deren Bauherr,
Bischof Bernward, mitzuwürdigen, der sich damit eine Grablege schuf, die ihn
stets nahe an der Fürbitte der Messe lesenden Priester sein ließ. Auch die von
ihm in Auftrag gegebenen Prachtausgaben biblischer und liturgischer Texte
sollten ihm als gute Taten im Jenseits angerechnet werden: „Bücher auf Erden“
waren für ihn „Schätze im Himmel“, so der Ausstellungstitel. Er mochte sich auf
die zugesagte Gnade Gottes wohl nicht verlassen.
Die Ausstellung vereinigt die vier von dem Schreiber Guntbald aus Regensburg für Bernward gefertigten Prachtbücher. Guntbald war ein wahrer Kalligraf, malte Pracht-Initialen und kunstvoll ineinander verschlungene Einleitungsworte, so reich mit Gold und Purpur verziert, dass die Lesbarkeit hinter die Kostbarkeit zurücktritt.
Aus der Bernward-Bibel von anderer Hand wird das Widmungsbild gezeigt, auf dem Bischof Bernward seine Bibel im Angesicht Marias der hereinragenden göttlichen Hand präsentiert. Durch das goldene Großkreuz im Rundbogen auf Säulen und den purpurnen Hintergrund entsteht der Eindruck einer Apsis.
Leuchtende Buchmalerei
Überliefert sind außerdem jene Lehrbücher aus dem Klosterleben, die sowohl der humanistischen Bildung wie der Erbauung dienten. Erstere stand mehr im Interesse der klerikalen Oberschicht, umfasste sie doch auch Satiren des Persius als Rhetorikübung, lateinische Geschichtsschreiber und Mathematiker, oft kurios mit Theologischem zusammengebunden. Die Mönche waren mehr an Heiligenlegenden und Bibelauslegung interessiert.
Schnell etwa setzten sie sich für die Heiligsprechung ihres Bischofs Bernward ein. Dafür entstand etwa das prächtige, von Mönch Ratmann geschriebene Sakramentar. Nur dessen Bilder sind noch original von 1159. Die Messordnungen wurden um 1400 abgeschabt und der veränderten Form gemäß neu geschrieben. Es war ein Gebrauchsbuch, das deshalb auch tüchtig mitgenommen aussieht. Das Widmungsblatt stellt Bischof Bernward gleich groß neben Christus, dem Ratmann kniend sein Buch zu Füßen legt. 1192 wurde die Heiligsprechung erreicht.
Die sorgsam präsentierte Schau glänzt im Wortsinn durch die exzellenten
Beispiele von Buchmalerei. Ab 7. Dezember ergänzt durch das Evangeliar Heinrichs
des Löwen.
Bis 27. Februar geöffnet 10 bis 17 Uhr. Aufsatzreicher Katalog: 25 Euro.













