Warnung vor falscher Toleranz
Interview mit dem Islam-Experten Tibi "Islamistische Gefahr wird unterschätzt"
GÖTTINGEN. Bassam Tibi ist ein temperamentvoller Mann. Der Göttinger Politikwissenschaftler und renommierte Islam-Experte will die Bundesrepublik verlassen und in die USA auswandern, um dort an der Cornell-Universität zu arbeiten. "Mein Rat ist hier nicht mehr gefragt", sagt der 62-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung.
Tibi zufolge wird in Deutschland die islamistische Gefahr unterschätzt. "Es herrscht offenbar die Auffassung vor: ,Es geht nur um eine kleine Gruppe von Verrückten! Das ist gerade nicht der Fall. Die Islamisten sind eine global vernetzte transnationale Bewegung."
Für gefährlich hält der Göttinger Wissenschaftler auch "das mangelnde Zivilisationsbewusstsein in Europa". Werte seien beliebig geworden, Anpassung werde fälschlicherweise als Toleranz ausgegeben.
Tibi bezeichnet die erste deutsche Islam-Konferenz, die vor wenigen Wochen stattfand, als "Katastrophe". Er war nicht eingeladen worden. Den Grund sieht er unter anderem in seiner Kritik an der Idee von einem "deutschen Islam", die Innenminister Wolfgang Schäuble propagiere. Tibi: "Schäuble meint, er könne mit den vier wichtigen islamischen Gruppen in der Bundesrepublik ein Geschäft machen. Er will sie einbinden. Doch das ist keine Lösung für in diesem Konflikt."
Tibi plädiert für einen Euro-Islam, der sich zu den Werten und der europäischen Zivilisation einschließlich der Trennung von Religion und Kirche bekennt. Ob die Türkei zu Europa gehört, sei keineswegs nur eine außenpolitisch-strategische Angelegenheit, sondern eine Frage der zivilisatorischen Identität.
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