"Wollt Ihr Rente? Gebt uns Bildung!"
10.000 Schüler, Auszubildende und Studenten legten heute Vormittag die Braunschweiger Innenstadt lahm. Sie demonstrierten gegen das gestern beschlossenen Turbo-Abitur nach 12 Jahren auch an Gesamtschulen und das Bachelor-Master-System.
„Die Vorgaben sind im Vergleich zu den Diplom- und Magisterstudiengängen zu
starr“, sagte Daniel Bork, Referent des Astas der Technischen Universität (TU).
„Der Leistungsdruck ist enorm.“
Außerdem seien die Hochschulen nicht
ausreichend vorbereitet auf die doppelten Abiturjahrgänge, die dank der
Verkürzung der Schulzeit von dreizehn auf zwölf Schuljahre ab 2011 an die
Universitäten drängen. „Daher finden wir es besonders wichtig, das sich mit
Schülern, Azubis und Studenten alle Teile des Bildungssystems an der
Demonstration beteiligen“, so Bork.
Auch in Wolfsburg gingen 2500 Schüler auf die Straße – fast 1500 weniger als erwartet. Viele ließen sich wohl davon abhalten, dass die Direktoren einiger Schulen den Schülern nicht für die Demonstration frei geben wollten. „Die Landesschulbehörde hat gesagt, das Grundrecht zu demonstrieren stände nicht über der Schulpflicht“, sagte Ron-Hendrik Peesel, Sprecher des Stadtschülerrats. Jedoch reichten auch die anwesenden Demonstranten aus, um den Verkehr in der Wolfsburger Innenstadt zu beeinträchtigen und ihren Forderungen lautstark Nachdruck zu verleihen.
Schon gestern hatte der Asta der TU in einer Vollversammlung über den
Bildungsstreik informiert. Dort war jedoch nichts zu merken von großer Bewegung
- die meisten der 800 Plätze im Audimax blieben leer.
„Wir würden uns ja an
der Demo beteiligen, aber leider müssen wir zeitgleich zu einer wichtigen
Vorlesung“, erklären Janet und Christina. Die beiden studieren Bauingenieurwesen
und finden es eigentlich schon wichtig, sich für eine Verbesserung des
Bildungssystems einzusetzen. „Ob wir die Vorlesung wegen der Demo verlegen oder
ausfallen lassen können haben wir aber nicht gefragt.“
Ein Argument, dass Bork kennt und versteht: „Im Bachelor-System sind der Zeit- und Leistungsdruck so groß, dass man es sich kaum leisten kann, einmal eine Veranstaltung zu verpassen – auch nicht, um eben gegen diesen Missstand zu demonstrieren.“
Der Präsident der TU, Jürgen Hesselbach, kann diese Einstellung dagegen nicht nachvollziehen: „Wenn der deutsche Revolutionär einen Bahnhof stürmen möchte, kauft er sich vorher eine Bahnsteigkarte“, zitiert er Lenin. Sicher hätten die Dozenten jedoch die Möglichkeit, bei Veranstaltungen parallel zur Demonstration einmal keine Anwesenheitsliste herumgehen zu lassen.
„Generell finde ich es immer gut, wenn junge Leute sich für ein Thema wie Bildung engagieren“, sagt Hesselbach. „Für viele Punkte wie den Ruf nach kleineren Lerngruppen und besseren Hörsälen habe ich Verständnis.“ Die Kritik am Bachelor- und Master-System hält er dagegen für verspätet. „Der Zug ist abgefahren, jetzt kann man nur noch nachbessern.“











