Grenzwanderung, die neunte Etappe
Sind wir jetzt hüben oder sind wir drüben? – Diese Frage kommt immer wieder auf, bei der neunten Etappe der Grenzwanderung unserer Zeitung zwischen Rhoden am Fallstein und Lüttgenrode im Landkreis Harz.
Die Spuren der innerdeutschen Grenze werden blasser. Dabei war die Frage "Ost oder West?" noch vor 20 Jahren allzu oft eine Frage von Leben und Tod. Die spannenden Berichte der Zeitzeugen, die wir auf der Wanderung treffen, machen dies anschaulich. Am ehemaligen Ausflugslokal "Willecke's Lust", im Landkreis Wolfenbüttel direkt am ehemaligen Grenzverlauf nahe des Kleinen Fallsteins gelegen, wartet Hans Willecke auf die 30 Grenzwanderer. Obwohl dem heute 85 Jahre alten Mann durch die Grenze die Kundschaft aus Osterwieck, aus Bühne oder Rhoden wegbrach, sagt Willecke: "Gott sei Dank wurde die Grenze zugemacht!"
Zuvor sei es eine wilde Zeit gewesen. Willecke berichtet von regelmäßigen Grenzverletzungen der Russen, die in den englischen Sektor kamen, von Schießereien. Er selbst sei bei einem Fahrradausflug ins benachbarte Hornburg im Frühjahr 1946 nur knapp mit dem Leben davon gekommen. Zwei russische Soldaten hätten ihm eine geladene Maschinenpistole an den Kopf gehalten und kurz vor seinem Gesicht abgedrückt. "Denen hat mein Fahrrad zu gut gefallen. Das wollten sie haben", sagt er heute scheinbar unberührt.
Wir wandern weiter durch die sanfte Hügellandschaft nach Göddeckenrode. Im Süden liegt am Horizont der Harz, der sich nach und nach durch die dicken Wolken hindurch abzeichnet. Schwalben sausen tief über die weiten Weizenfelder hinweg. Ihnen war die Grenze, die Familien und Liebespaare voneinander trennte, schon immer egal. Auf dem Betonplattenweg liegt eine zerknüllte Zigarettenschachtel einer ostdeutschen Marke, die die Wende überlebt hat. Ein Blick auf die Karte bestätigt die Vermutung: Wir sind wieder in Sachsen-Anhalt.
In Göddeckenrode machen wir eine Vesperpause unter der alten Eiche. Äpfel, Wasser und Brote werden ausgepackt. Hier im Ort erlebte auch Eberhard Lüttgau seine Kindheit und Jugend. Die Familie besaß die Wassermühle im Dorf. Nach der Kriegsgefangenschaft kam er zurück nach Göddeckenrode, wo jetzt die Russen das Sagen hatten.
"Alle ehemaligen Soldaten wurden wieder einkassiert und mussten drei Tage lang bis an die Elbe marschieren", erzählt Lüttgau. Ihm gelang gemeinsam mit seinem Bruder die Flucht. Bei Lüttgenrode schlugen sie sich in ein Roggenfeld und kehrten in ihr Heimatdorf zurück. Drei Tage später kamen auch die anderen wieder zurückmarschiert. "Offenbar hatten die Engländer gegen eine erneute Gefangennahme protestiert", vermutet der 87-Jährige.
Gegenüber den Russen hegt Lüttgau keinen Groll. "Kurz nach Weihnachten '45 bollerte ein russischer Kommandant mit der MP an unsere Tür. Er wollte unseren Weihnachtsbaum sehen", berichtet Lüttgau und schmunzelt. "Weihnachtsbaum ist ganz dreckig, muss gewaschen werden", habe der Russe damals gesagt und so einen Abend mit reichlich Schnaps eingefordert. Als der betrunkene Soldat anfing, mit der Pistole die Kugeln vom Christbaum zu schießen, habe der Pastor allerdings Einhalt geboten.
Erst 1952 musste Lüttgau mit seiner Familie nach Isingerode fliehen, wo er später auch Bürgermeister wurde. Ein Volkspolizist hatte die Mühlenbesitzer vor der bevorstehenden "Aktion Ungeziefer" gewarnt, in der alle der Parteilinie missliebigen Personen aus dem Grenzgebiet weggebracht werden sollten.
Ein weiterer Zeitzeuge ist Dieter Freesemann aus Goslar. Er stößt in Göddeckenrode zur Wandergruppe hinzu und bereichert die weitere Strecke durch Wülperode nach Lüttgenrode mit seinen Erfahrungen. Zunächst als einfacher Grenzer, später als Kommandant des Bundesgrenzschutzes in Goslar bewachte er 104 Kilometer innerdeutsche Grenze. Von 1963 bis 1989 sammelte der 66-Jährige unglaubliche Geschichten von erfolgreichen Fluchten aus der DDR.
Die Grenzlinie, die er mit seiner Einheit bewachte, war abstrakt und gleichzeitig lebensbedrohlich konkret. Das wird besonders deutlich, als Freesemann die Geschichte eines ostdeutschen Planierraupenfahrers erzählt, der Arbeiten im Niemandsland hinter dem Grenzzaun bei Göddeckenrode zur Flucht nutzte: Absichtlich würgt er dazu seine Maschine ab, öffnet die Motorhaube und blickt hinein. Seine zwei jungen Bewacher kommen unbedarft zu einer Fachsimpelei hinzu. Als sie sich ebenfalls über die Maschine beugen, springt der Fahrer mit nur einem großen Satz auf westdeutsches Territorium. Hier empfängt ihn ein Grenzschützer. Mit der Pistole im Anschlag verteidigt er den Mann gegen die beiden DDR-Grenzer. Diese drohen mit Kalaschnikows, wagen aber nicht, die Trennlinie zu verletzen.
Weiter geht es zwischen hoch stehendem Mais und Weizenfeldern dem Etappenziel Lüttgenrode entgegen. Mittlerweile ist der Himmel aufgerissen. Lerchen stehen über unseren Köpfen und trillern. Die Sonne trocknet unsere immer wieder durchnässte Kleidung und das Fell von Dackel Wiebke, der auch bei dieser Grenzwander-Etappen wieder tapfer durchhielt. In der Nähe der Ruine der Klosterkirche St. Laurentius erinnert ein Graffiti an einer zerbrochenen Fensterscheibe daran, dass die Grenze in den Köpfen nicht so schnell überwuchert wie Stacheldraht und Gitterzäune: "Es lebe der Osten!"













