Ärztin hortete Methadon und verkaufte es an Süchtige
Fahnder der Krankenkassen decken Betrügereien in Millionenhöhe auf
HANNOVER. Illegale Medikamente und gefälschte Abrechnungen: Krankenkassen-Fahnder deckten Betrügereien in Millionenhöhe auf.
"Korruption hat Hochkonjunktur", meinte Brigitte Käser von der AOK Niedersachsen. Rund 3,5 Millionen Euro holte eine 1998 gebildete "Untersuchungsgruppe Falschabrechnungen" der Kassen in den vergangenen zwei Jahren herein, von 1134 untersuchten neuen Fällen wurden bislang mehr als 400 abgeschlossen.
Weitere vier Millionen Euro kamen aus früheren Verfahren in die Kasse. Von Ärzten und Apothekern, Physiotherapeuten und Hebammen, Pflegedienstpersonal bis zu Taxiunternehmen reicht die Liste der Beteiligten. "Da steckt oft kriminelle Energie dahinter", sagt Wolfgang Krause vom IKK-Landesverband Nord. Beispiele:
Eine Ärztin stellte Methadon-Rezepte bis zum Dreifachen der Höchstdosis aus. Rezepte gab es auch für Personen, die gar nicht zum Methadon-Programm zugelassen waren. Die überschüssigen Mengen hortete die Ärztin und gab sie an Abhängige ab auch außerhalb des Methadon-Programms , teilweise gegen Geld.
Eine Physiotherapeutin gab Fahrstrecken für Hausbesuche um bis zu 60 Prozent zu lang an. Für mehrere Altenheim-Bewohner, die sie hintereinander betreute, berechnete sie für jeden die volle Anfahrt. "Schwer festzustellen, wenn diese bei verschiedenen Kassen versichert sind", so Käser. Auch wurden Leistungen an Tagen abgerechnet, an denen die Patienten im Krankenhaus lagen.
Obwohl Krebsmittel in der günstigeren eigenen Krankenhaus-Apotheke hergestellt wurden, rechneten Ärzte sie über eine externe Apotheke ab. Mit den Kassen wurden die höheren Preise dieser Apotheke abgerechnet. Der Apotheker leitete Geld an das Krankenhaus weiter und erhielt im Gegenzug rund 25 000 Euro "Dienstleistungspauschale" pro Quartal.
Ein Pflegedienst fälschte Leistungsnachweise, um die mit den Kostenträgern vereinbarten Höchstbeträge auszuschöpfen.
Immer mehr rückt der Import nicht zugelassener Medikamente ins Visier der Fachleute. Sie setzen auf Tipps von Mitarbeitern und Konkurrenten, vor allem aber auf elektronischen Datenabgleich. Helfen Arzt-Rechnungen für Patienten? "Kaum zu durchschauen", winkt Käser ab. Zur Kontrolle sind alle Kassen gesetzlich verpflichtet.
Bei einer Abrechnungssumme von rund 5 Milliarden Euro pro Jahr allein bei der AOK sind jene 30 Millionen Euro, die die Gruppe seit Gründung 1998 hereinholte, zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Knapp 800 000 Euro pro Jahr kostet die Arbeit der Fahnder. Käser jedoch hält den Druck für unerlässlich. Nach jeder größeren Aktion gebe es eine Flut von Selbstanzeigen, sagt die AOK-Frau. "Da melden sich Leute und sagen: Ich glaube, ich habe das auch gemacht."













