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12. Februar 2012
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NDR: Zehntausende von Kindern in kirchlichen Heimen misshandelt

Studie zu Gewalt und Unrecht in den 50er und 60er Jahren – Landeskirche Hannover: Zahlen spekulativ

Von Nadine von Wille

HANNOVER. Stockschläge, sexuelle Übergriffe, Zwangsarbeit – eine Studie soll die Missstände in kirchlichen Kinderheimen der Nachkriegszeit aufklären.

Der NDR machte gestern erste Ergebnisse der Untersuchung öffentlich, die das Diakonische Werk Hannover in Auftrag gegeben hatte. Angeregt hatte die Studie für ihr Gebiet die Landeskirche Hannover. "Wir sind daran interessiert, Missstände ans Licht zu holen", so deren Sprecher Johannes Neukirch.

Allerdings zeigten sich Landeskirche und Diakonie gestern nicht erfreut darüber, dass der Autor der Studie – der langjährige Erziehungshilfe-Mitarbeiter Hans Bauer – ohne Absprache Zwischenergebnisse preisgab. "Das Material ist nicht ausgewertet. Genannte Zahlen müssen wir als Spekulationen bezeichnen", so Johannes Neukirch.

Bauer zufolge wurden zahlreiche Kinder von Heimaufsehern geschlagen, gedemütigt und vergewaltigt. Dem NDR gegenüber sagte er, es handele sich nicht um bedauerliche Einzelfälle, sondern um systematischen Missbrauch. Dieser sei zwar nicht von oben angeordnet worden, aber gängige Praxis gewesen. Die Zahl der Opfer soll in Niedersachsen bei 50 000 liegen.

Die Diakonie selbst reagierte mit einer Pressekonferenz; räumte ein, dass es Misshandlungen in ihren Heimen gegeben habe. Die Opferzahl sei aber schwer zu schätzen. "Es gibt die Situation, dass Übergriffe in einigen Heimen keine seltene Ausnahme bildeten", so Diakonie-Direktor Manfred Schwetje. Von einer systematischen Misshandlung könne aber keine Rede sein. In den 50er und 60er Jahren haben sich in Niedersachsen nach seinen Angaben etwa 1000 Kinder in Einrichtungen der Diakonie befunden. Über Hilfen für die Opfer soll nach Abschluss der Studie im nächsten Jahr entschieden werden.

Die Gewalt-Vorwürfe sind nicht neu: Die Interessengemeinschaft misshandelter und missbrauchter Heimkinder hatte 2004 bundesweit für Aufsehen gesorgt. Aus vielen Einrichtungen berichteten damalige Heimkinder über Psychoterror und Gewalt.

Peter Wensierskis Buch "Schläge im Namen des Herrn", das 2006 erschienen ist, gab den Anlass für das Projekt "Gewalt und Unrecht in der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre" beim Diakonischen Werk Hannover. Hans Bauer soll mit seiner Dokumentation "Licht in die dunkle Geschichte" bringen, wie im aktuellen Jahresbericht der Diakonie nachzulesen ist. Dort berichtet Bauer davon, wie Heimkinder mit Zahnbürsten Fliesen schrubben oder tagelang in fensterlosen Verliesen ausharren mussten.

Michael Strauß, Sprecher der Landeskirche Braunschweig, reagierte bestürzt: "Das sind schlimme Vorwürfe." In unserer Region habe es im betreffenden Zeitraum nach seinen Angaben nur eine Handvoll Heime unter kirchlicher oder diakonischer Verantwortung gegeben. Ihm seien keine ähnlichen Vorwürfe gegen die Landeskirche Braunschweig bekannt. "Wir nehmen die aktuelle Entwicklung aber zum Anlass, nachzuforschen", so Strauß.

Dienstag, 16.09.2008
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/9128761/menuid/2046

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