"Es ist hier irgendwie wie Camping"
Im Zeltdorf vor dem Forschungsinstitut beginnt der Tag ruhig – Anwohner bieten Toiletten-Benutzung an
KANZLERFELD. Regen plattert auf das Dach des Pavillons und auf Teller und Bestecke daneben. "Vorwäsche" nennt das einer der Teilnehmer der Mahnwache gegen den Anbau von Genmais, aber in Wirklichkeit ist das noch schmutzige Geschirr dort im Gras wohl mehr zufällig gelagert.
Gegen 8 Uhr morgens auf der Verkehrsinsel vor dem Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut: Eine Handvoll Teilnehmer der Mahnwache ist schon aus den Schlafsäcken gekrabbelt, diskutiert Themen zwischen Belanglosem und Forschungskritik. Die meisten haben eine Tasse mit warmem Inhalt in der Hand – es ist frisch an diesem Morgen im Freien, zwischen Kanzlerfeld und Forschungsinstitut.
Nach Wochen der Trockenheit hat es zum ersten Mal eine Nacht durchgeregnet, doch die Protestler sind noch guter Laune. "Es ist doch hier irgendwie wie Camping", sagt Dirk Jessen, 40 Jahre alt. Nervig sei es erst, wenn alles durchnässt sei.
Besetzer sind nach Räumung ins Zeltdorf umgezogen
Jessen trägt eine warme Weste, einen dicken Pulli. Er ist sozusagen Natur-Aktivist aus Profession. Eine Arbeit hat der 40-Jährige nicht, dafür kennt er sich bestens damit aus, wie man – legal – an gratis Essen und Kleidung herankommt. Aussortierte Waren aus Supermärkten, Betteln bei Wochenmarkt-Beschickern und Besuche von Kleiderkammern sind seine Tricks, die ihn vor Hunger und Kälte bewahren.
Wie Jörg Bergstedt (44) gehörte er zu der Gruppe von Menschen, die in dem umzäunten Institut ein Forschungsfeld besetzt hatten. Am Montag wurde das Lager von der Polizei geräumt, da sind die meisten Besetzer in das Mahnwachen-Zeltdorf gegenüber des Haupteingangs des Instituts umgezogen.
Auf kleine Unannehmlichkeiten sind die Aktivisten vorbereitet. Strohballen sind vorhanden, um sich in drei Zelten eine einigermaßen warme Lagerstätte zu schaffen. Ein Zeltboden fehlt, aber jemand hat uralte Teppiche mitgebracht.
Zwei Hordenkocher, betrieben mit Propangas, sind auch vorhanden. "Das ist Pfadfindersprache", erklärt Protestler Heiner Schrobsdorff (56) aus Braunschweig. Darin kann Essen für eine größere Gruppe Menschen zubereitet werden, im Volksmund heißt das Gulaschkanone.
Mittlerweile ist Katharina, 27, die ihren Nachnamen für sich behalten will, aufgewacht und aus dem größten der Zelte gekrochen. Aus einem der Hordenkochtöpfe schenkt sie einen Teller dickflüssige Gemüsesuppe ein, die übrig geblieben ist. Wer Hunger hat, ist nicht wählerisch.
Dabei sind Alternativen vorhanden. In einer feuchtigkeitssicheren Plastiktüte wird Müsli aufbewahrt, dass sich ein Strickmütze tragender Genversuchs-Protestler, der barfuß ist, in einen Teller schüttet. Ein Biobäcker hat Brot zur Verfügung gestellt. Jörg Bergstedt schneidet sich eine ordentliche Scheibe ab, bestreicht sie fingerdick mit Quittengelee – ebenfalls gespendet.
Anwohner aus dem nahen Kanzlerfeld, Ab-und-zu-Heimschläfer wie Heiner Schrobsdorff und Arne Kranzusch aus Braunschweig sowie Sympathisanten aus Stadt und Region versorgen die Mahnwachen-Teilnehmer mit Nahrung, laden sie auch mal ein, die Toilette oder gar Dusche zuhause mit zu benutzen.
Solchen Luxus nehmen Natur-Aktivisten gern an, vor allem aber wünschen sie sich, dass von Gentechnik-Gegnern aus der Region noch mehr ideelle Unterstützung kommt, etwa dass Protestbriefe geschrieben werden. Um noch mehr Aufmerksamkeit – auch bei den ein- und ausfahrenden Mitarbeitern des Von-Thünen-Instituts – zu erreichen, plant Dirk Jessen, bis zum Ende der Mahnwache am 7. Mai noch das eine oder andere Plakat zu basteln.
Es ist mittlerweile 9 Uhr, die meisten Protestler schlafen immer noch. "Jeder steht auf, wann er will", sagt Schrobsdorff. Über den Daumen gilt: Je älter die Teilnehmer sind, desto früher stehen sie auf der Matte. Schrobsdorff ist der älteste im Mahnwachen-Zeltdorf und morgens als Erster wach: "Der eigentliche Betrieb hier beginnt erst viel später…".













