Schülerradio "Planlos" ist wieder auf Sendung
Ein Beitrag zur Braunschweiger Mediengeschichte – 25 Jahre alte Aufnahmen stehen im Internet
Witzig, aufmüpfig und voller Kampfgeist: Als 1982 am Schulzentrum Volkmarode das Schülerradio "Planlos" auf Sendung ging, versammelte sich die Jugend traubenförmig auf dem Pausenhof. "Wir haben den Schulhof mit Mörderboxen aus dem offenen Fenster beschallt", erinnert sich Michael Heinze feixend.
Heinze, damals Lehrer an der Realschule Volkmarode, hatte das Projekt ins Leben gerufen; jetzt hat er es wiederbelebt: im Internet. Adresse: www.radio-planlos.de.
100 Beiträge sind schon drin – die Hälfte der Archivbestände. Darunter ein Interview, in dem sich die Putzfrauen mächtig erregten über den üblen Zustand der Schultoiletten, und eine Rede des Schulleiters mit dem Thema "Erziehung zur Demokratie". Die Schüler gingen aber auch Fragen nach wie: "Gibt es behindertengerechte Telefonzellen in Braunschweig?" und boten Berufe-Specials zur Job-Orientierung.
Ganz frisch im Netz: Ein äußerst schräges Telefoninterview mit dem "Jazzkantine"-Saxofonisten George Bishop (gestorben 2005), das er dem Schülerradio 1985 gab.
Von 1982 bis 1990 vermittelte "Radio Planlos Medienkompetenz am Schulzentrum Volkmarode. Anfangs beschränkt auf die Realschule, später schulformübergreifend. Das Sprachrohr der Schülerschaft entwickelte sich bundesweit zum "Forum Schülerradio, das als Mutmacher zahlreiche Gründungen von Schülerradios nach sich zog und die Szene belebte. "Das ging von Braunschweig aus wie ein Flächenbrand durch die Republik", so Heinze. Die Reichweite der Sendungen blieb auf die Schulen beschränkt, "jedoch gab es per Post einen regen Austausch von Aufzeichnungen auf Kassette."
Die analogen Tonbandaufnahmen lagerten lange in Heinzes Archiv: etwa der Mitschnitt eines "Planlos"-Besuchs bei der NDR-Plattenkiste, Berichte über die Geschichte des Schulzentrums Volkmarode, Kabinettstückchen über das Abschreiben vom Nachbarn bei der Englischarbeit, Unterricht in Barkassenbooten, weil die Schule mal wieder geflutet war…
"Der Zeitgeist der 80er riecht aus jedem Pixel", so Heinze. Vor etwa einem Jahr waren dem 59-Jährigen seine gesammelten Schätze ins Gedächtnis gekommen. "Und je mehr ich mich damit beschäftigte, umso mehr trieb es mich, ehemalige Schüler anzurufen."
Heinze merkte, dass das Feuer von einst noch lange nicht erloschen war. Dirk Osthoff und Jens Duckstein schließlich überzeugten Heinze, dass er die Aufnahmen unbedingt ins Netz stellen müsse – als Beitrag zur Braunschweiger Mediengeschichte. "Red nicht so viel! Lass es uns machen", zitiert Heinze breit grinsend seinen Ex-Schüler "Ducki" Duckstein. "Unser Projekt startete damals zu einer Zeit, als Computer und andere Medien im Unterricht noch gar kein Thema waren", betont der 59-Jährige, der inzwischen nicht mehr Lehrer, sondern selbstständiger Medienpädagoge und Designer ist.
Das Schülerradio bot vielfältige pädagogische Möglichkeiten in einem angstfreien Lernklima ohne Zensur-Druck: etwa eigenverantwortliches Arbeiten; es schulte unternehmerische Weitsicht und Medienkompetenz, vermittelte technisches Handwerk und bot erhellende Einblicke ins Leben außerhalb der Schule.
Sybille Jodar erinnert sich in einem Artikel für das "Planlos"-Archiv an die Anfänge: "Michael Heinze suchte damals nach Freiwilligen für sein Pilotprojekt. Ja, mit Freiwilligen war das schon immer so eine Sache an unserem Schulzentrum. Die fanden sich so gut wie nie. Und was bot denn dieses Schülerradio schon? Es war noch nicht einmal eine AG, das heißt, es vegetierte völlig am Rande der Legalität." Im Grunde genommen sei es nicht mehr als die fixe Idee eines Lehrers gewesen, ein Berg aus unlösbaren technischen und organisatorischen Problemen und eine Handvoll Schüler, die ein Ventil für ihre allzu reichlich vorhandene Kreativität gesucht hätten. "So jedenfalls sahen es wohl fast alle Lehrer und leider auch die meisten Schüler."
Ein Rätsel für Sybille Jodar, dass anfangs niemand die Vielzahl der Möglichkeiten des Radioprojekts erkannt habe. Schnell war die Schülerin fasziniert. "Denn es machte nicht nur Spaß, diese Sendungen zu produzieren, es war auch ein ganz anderes Arbeiten. Das Autoritätsgefälle zwischen Lehrer und Schüler existierte nicht mehr; Jeder musste mitdenken und selbstständig arbeiten."
Auch Sybille Jodar war dabei, als sich jüngst etliche ehemalige "Planlos"-Mitarbeiter trafen – nach 27 Jahren. "Ach", erinnert sich Heinze seufzend, "die Schulhof-Sendungen erforderten damals ein gutes dramaturgisches Timing, damit alle Schüler nach den Pausen wieder rechtzeitig in ihren Klassen saßen…"













