Schwule emanzipierten sich seit den 20er Jahren
Pfarrer Dietrich Kuessner über die Geschichte der Homosexualität in Braunschweig Ein Dutzend Szenelokale zwischen 1949 und 1969
"Schwule und Lesben hat es unter einer anderen Begrifflichkeit schon immer in Braunschweig gegeben, nämlich seitdem es bevölkert ist", sagt Dietrich Kuessner. Der Pfarrer im Ruhestand hat sich intensiv mit der Geschichte der Homosexuellen in Braunschweig und Umgebung beschäftigt und die Historie für das 20-jährige Bestehen des Vereins für sexuelle Emanzipation aufbereitet.
Das zölibatäre Milieu des mittelalterlichen Braunschweig habe, so Kuessner, eine andere schwule Farbigkeit als das aufgeklärte Braunschweig geschaffen, "wo Lessing in den Armen seines Freundes Alexander 1781 am Ägidienmarkt 12 starb".
Die aufopferungsvolle Arbeit der weiblichen Diakonie etwa im Marienstift habe wie in allen Mutterhäusern die Möglichkeit einer besonderen Nähe der Diakonissen zueinander geboten. Kuessner verweist auch auf die Kasernen in Braunschweig. Gilbert Holzgang habe Anfang dieses Jahres mit einer eindrucksvollen Dokumentation an den Braunschweiger Maler und Offizier Götz von Seckendorff erinnert.
"Sie haben alle gemeinsam, dass sie schwul-lesbische Akzente in ihren Biographien andeuten. Zu emanzipatorischen Bewegungen aber kam es erst in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts", betont Kuessner. Damals habe sich in Braunschweig wie in vielen anderen Städten des Deutschen Reiches der "Bund für Menschenrechte" gebildet.
Die Braunschweiger Ortsgruppe habe es nicht dabei belassen, in einem Klublokal, dem Ulrici-Restaurant, einen Ort zum Kennenlernen und Austausch zu bieten, sondern sie sei politisch aktiv geworden: sammelte im Frühjahr 1923 Unterschriften zur Abschaffung des Paragraphen 175, der die Beziehungen zwischen Männern als "widernatürliche Unzucht" unter Strafe stellte und richtete eine Petition an den Landtag.
"Der Rechtsausschuss mit seiner linken Mehrheit befürwortete die Petition. In der Landtagssitzung beantragte der Fraktionsführer der Rechten, der Welfe August Hampe, eine Aussprache zur Drucksache 553, was bei Petitionen nicht üblich war, und forderte später sogar namentliche Abstimmung." Man habe der Öffentlichkeit vorführen wollen, wer für "die Lockerung der Sitten" verantwortlich wäre. Der Ausschussvorsitzende, Hans Sievers, der spätere Kultusminister, habe den Antrag mit der interessanten Bemerkung begründet, "dass wir hier vor einiger Zeit einen Vortrag zweier Berliner Herren gehört haben, die dafür eingetreten sind, dass der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches aufgehoben werden soll". Das Thema habe also die Braunschweiger Öffentlichkeit erreicht.
"Für die Minderheit des Ausschusses sprach August Hampe, der Stimmungsmache betrieb, indem er erklärte, dieser Paragraph beträfe ,die sogenannte widernatürliche Unzucht, das heißt die Unzucht zwischen Männern und die Unzucht zwischen Männern und Tieren. Die wollten wohl die Antragsteller nicht abschaffen."
Weder Menschenrechte noch ein sonstiger Standpunkt rechtfertige es, den Paragraphen aufzuheben, so Hampe. "Zuruf des Abgeordneten Hardeweg von rechts: Sehr richtig", schildert Kuessner. Die links-liberale Mehrheit sei fest geblieben und habe der Abschaffung des Paragraphen mit 30 zu 23 Stimmen zugestimmt.
"Man darf es den Landeshistorikern nicht verübeln, dass sie diese Abstimmung als Episode des Landtags übergehen, aber die Braunschweiger Schwulenbewegung erinnert jene daran, dass es für uns eben keine Episode und für das Selbstbewusstsein der Ortsgruppe ,Bund für Menschenrechte damals ein großer Tag war", betont Kuessner.
In die Forschung der Bundesrepublik sei bisher nicht aufgenommen, dass der Adenauerstaat kontinuierlich an die Schwulenverfolgung der Nazis angeknüpft habe und seit den 50er Jahren jährlich bis zu 3000, und in den 60er Jahren bis zu 4000 Homosexuelle abgeurteilt worden seien. "An eine Entschädigung für die erlittene KZ-Haft war wegen der nach wie vor bestehenden unanständigen Begründung, nämlich Unzucht, nicht zu denken."
Die Abhandlung "Freiheit für die Schwulen/Braunschweigs schwule Stadtgeschichte" berichte, dass zwischen 1949 und 1969 in der Stadt etwa ein Dutzend Schwulenlokale und Schwulentreffs bestanden hätten: etwa das "Atelier" in der Leonhardstraße oder das "Sir Henry" in der Petersilienstraße.
"Diese Subkultur war nicht nur Treffpunkt in der Freizeit, sondern diente der ständigen Selbstbestätigung, dass man auf der richtigen Seite stünde." Wer etwas alternative Szene habe schnuppern wollten, sei in "die Bambule" in der Helmstedter Straße gegangen. Kuessner erinnert sich an den Szenesspruch: "Wo trifft man liebe Schwule? Dienstags in der Bambule!"
Die Bambule sei zeitweilig Treffpunkt der "Arbeitsgruppe Homosexualität Braunschweig" (AHB) gewesen, die Mitte der 70er Jahre überwiegend aus Studenten bestanden habe und mit Flugblättern, Aktionen, Kino und geselligen Veranstaltungen an die Öffentlichkeit gegangen sei. "Aber die so genannte Community war in ihrem Lebensstil und ihren emanzipatorischen Vorstellungen durchaus unterschiedlich und weit verzweigt", erklärt Kuessner und erläutert: "Die Emanzipation der Braunschweiger Lesben und Schwulen vollzog sich auf vielen, verschiedenen Feldern, oft auch unabhängig voneinander."
Das größte Feld sei ohne Frage die Universität gewesen. Im Wintersemester 1983/84 sei die "Homosexuelle Unigruppe Braunschweig" (Hubs) gegründet worden. "Die Hauptaufgabe, so scheint mir, war es, schwulen Studenten und lesbischen Studentinnen Zeit und Raum in einer Art Ersatzfamilie zum Selbstfinden zu geben."
Bei der Astawahl 1985 sei schließlich eine "Rosa Liste" angetreten und beim Asta ein Schwulenreferat eingerichtet worden. Den Aufruf zur einer Demo anlässlich des Christopher Street Day am 28. Juni 1986 habe die Vollversammlung der Studenten unterstützt und sich u.a. für die Erforschung von Therapieansätzen bei HIV und Aids eingesetzt. "Dieser Gewinn an Öffentlichkeit provozierte nicht nur Widerspruch, sondern auf der rechtsradikalen Seite auch Gewalttätigkeit. Diese wiederum wurde erwidert mit der bisher größten Veranstaltung im Juni 1988, dem norddeutsch-weiten Treffen ,Gay Nord, das mit einem Empfang im Braunschweiger Rathaus durch Bürgermeisterin Leyla Onur eröffnet wurde", so Kuessner.
Nach längeren Anläufen sei am 21. Juni 1989 in den Räumen des Asta von fünf Studenten und zwei VW-Mitarbeitern der "Verein für Sexuelle Emanzipation" (VSE) gegründet worden. Ziel: ein schwules Zentrum. Das Rosa Telefon sei eingerichtet worden, der Verein später Rechtsträger des Sommerlochfestivals geworden.
"Die andere Ebene in aber auch neben der Universität war die Kunstszene. Einen Monat lang war im März/April 1985 in der Hochschule für Bildende Künste eine Ausstellung unter dem Thema "Frauenliebe Männerliebe" zu sehen, ein historischer Rückblick", erinnert sich Kuessner. Im mitveranstaltenden Staatstheater sei im Kleinen Haus von Günter Ballhausen das Theaterstück "Rosa Winkel" von Martin Sherman aufgeführt, die Geschichte zwei unterschiedlicher Schwulen im KZ.
Eine dritte Ebene: die von Norbert Baxmann in Zusammenarbeit mit Pro familia um 1983 organisierte Elterninitiative. "In Braunschweig trafen sich 25 Väter und Mütter von schwulen Söhnen und lesbischen Töchtern, sprachen sich aus, räumten Selbstzweifel aus und forderten die Anerkennung homosexueller Lebensformen sowie ihre gleiche Behandlung als kirchliche Mitarbeiter."
Eine vierte Ebene: der Evangelische Kirchentag, auf dem schon 1977 in Berlin die Gruppe "Homosexuelle und Kirche" gegründet worden sei. Gründung in Braunschweig: 1992. "Nicht als letzte Ebene ist die des Staates zu erwähnen. 1969 wurde unter Justizminister Heinemann die Strafbarkeit von Beziehungen unter erwachsenen Männern abgeschafft, 1973 das Alter auf 18 Jahre gesenkt, 1994 der Paragraph 175 völlig beseitigt und im Jahre 2001 das Rechtsinstitut der Eingetragenen Lebenspartnerschaft geschaffen, von der in Braunschweig bisher 145 Paare Gebrauch gemacht haben, 72 schwule und 73 lesbische."
Redaktionelle Bearbeitung des Vortrags: Ann Claire Richter













