"Alles in allem ein unglückliches Erbe"
Oberbürgermeister Gert Hoffmann über das Bohlweg-Rathaus Eine Ratsentscheidung noch 2009 zum Umbau unwahrscheinlich
Das Komplizierte, das zeigte die Anhörung im Rathaus, hat erst einmal damit zu tun, dass die Betrachtungsebenen wechseln. Ludwig Winter baute 1900 sein Rathaus mit selbstverständlicher repräsentativer Geste wie für die Ewigkeit. Nun, bei der Aufwertung des Pendants, kommen erst einmal kurzfristige Wirtschaftlichkeitsberechnungen ins Spiel.
Spätestens bei diesem Punkt können die meisten, die sich so oder so ein attraktiveres Rathaus am Bohlweg vorstellen, nicht mehr mitreden. Darf das Schöne mitten in der Stadt wegen des nachhaltigen emotionalen Gewinns nicht auch mal ein bisschen teurer sein?
Stephan Albrechts Buch "Mittelalterliche Rathäuser in Deutschland" ist voller Beispiele, wie Kommunen für den Erhalt dieser Bauten sehr viel Geld ausgeben. Und was ist mit den neuen Rathäusern? Da treibt Professor Walter Ackers, einer der Experten der Anhörung, folgende Sorge um:
"Wir werden nie mehr etwas bauen, was irgendwie Bestand hat für die Zukunft, wenn die kurzfristige Abschreibbarkeit von 20 Jahren zum Maßstab wird. Wir profitieren bis heute von einem inzwischen über einhundert Jahre alten Rathaus, das in Architektur und Technik den Bauten der letzten 50 Jahre weit überlegen ist. Hätte Ludwig Winter mit 100 Jahren Abschreibungsdauer rechnen dürfen, wäre das Neue Rathaus geradezu billig gewesen. Wie lang also darf oder muss eine Abschreibungsdauer wirklich sein? Wie können wir überhaupt Qualität bauen?"
Die BZ bat neben anderen Oberbürgermeister Gert Hoffmann um ein Fazit der Anhörung. Hoffmann: Die Baukostenberechnungen der Verwaltung und des Fachbüros Assmann seien hieb- und stichfest aus der Anhörung herausgekommen. "Das ist also in Zukunft für uns eine stabile Beratungsgrundlage."
Hinsichtlich der Folgekosten bleibe es dabei, dass der Teilabriss für den städtischen Haushalt eine geringere (Dauer-) Belastung nach sich ziehe als die Komplettsanierung. Allerdings müsse die Verwaltung hier noch einzelne Positionen bei Mieten und neuer Büroausstattung transparent aufschlüsseln und zugleich der Politik und der Öffentlichkeit die komplizierte Berechnungsmethode des neuen doppelten Haushaltrechts (unter Berücksichtigung von Abschreibungen) erläutern. Hoffmann lobte gestern ausdrücklich die "Streitkultur" der Anhörung. Aber er persönlich findet das Gebäude nach wie vor unproportional für die Mitte der Stadt, "in der nach meinem Geschmack die prägnanten Türme die der Kirchen und des alten Rathauses sein sollten".
Seine Auffassung: "In ein Gebäude, dessen Bauästhetik wohl mehrheitlich abgelehnt wird, kann man schwerlich noch einmal über 20 Millionen Euro investieren." Aber auch die Alternative sei sehr, sehr teuer. Auch hier gelte dasselbe wie im Falle des Stadions. Gegebenenfalls müsse man das in wieder bessere Haushaltsjahre verlagern.
Der größte Haken an der Sache sei aber wahrscheinlich die Tatsache, dass Einigungen mit Mietern und Eigentümern sehr schwierig sind. Mit den Eigentümern vielleicht eher, "aber eigentlich müsste man diese dann auch zur Bereitschaft bringen, die unteren beiden Geschosse ebenfalls zu verändern".
Bei den Mietern werde es wohl noch sehr kompliziert und gegebenenfalls für die Stadt sehr teuer. Insbesondere seien die Interessen dort sehr unterschiedlich.
"Alles in allem ist dies ein unglückliches Erbe", so Hoffmann über das Rathaus. "Die größte Belastung ist die Tatsache, dass wir nicht uneingeschränkt über den Gesamtfonds verfügen und allein entscheiden können." Angesichts der offenen Fragen hält Hoffmann eine Ratsentscheidung im September für unmöglich und noch in diesem Jahr für eher unwahrscheinlich.













