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11. Februar 2012
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"Die Studierenden rennen bei uns offene Türen ein"

Gespräch mit TU-Präsident Hesselbach über den Bildungsstreik, Streitkultur und seine Rolle während der Studentenproteste 1968


Studenten haben den größten Hörsaal der TU Braunschweig, das Audimax, seit Dienstag besetzt. Wie stehen Sie dazu?

Der Asta hat dieses Vorgehen mit uns abgestimmt. Wir werden nichts unternehmen, solange es keine Sachbeschädigungen gibt. Ich bin mir aber sicher, dass es keine Probleme geben wird, denn das sind alles vernünftige, engagierte junge Leute, mit denen man sehr sachlich diskutieren kann. Das haben wir erst am Mittwoch im Senat erlebt.

Sie haben der Interessenvertretung der Studenten gar das Hausrecht für das Audimax übertragen.

Das war erforderlich, damit der Asta eine rechtliche Grundlage hat, wenn jemand diesen friedlichen Protest stören sollten.

Wie nehmen Sie als Leiter einer Uni die aktuellen Proteste wahr, aber auch als alter 68er, der die Hoch-Zeit der Studenten-Proteste in Deutschland selbst erlebt hat?

Unsere gesamte Hochschule ist nah bei den heutigen Studierenden, mit ihren Forderungen rennen sie bei uns offene Türen ein. Wenn ich mir überlege, wogegen und in welcher Art und Weise wir 1968 protestiert haben, muss ich sagen: Mit den jungen Leuten heute kann man super diskutieren. Und die Studierenden heute haben auch einen guten Grund, sich zu wehren.

Was ist der Unterschied zwischen den Forderungen, die Sie als Student in Stuttgart vor 40 Jahren gestellt haben, und den Forderungen heute, die Sie als TU-Präsident empfangen?

Die heutigen Forderungen sind nicht ideologisch geprägt. Unser Protest damals war ein Protest gegen die Muffgesellschaft, ein Aufbegehren gegen unsere Vorgängergeneration aus der Adenauer-Zeit. Die Studienbedingungen standen nicht im Vordergrund. Das ist vielmehr heute der Fall, und das ist absolut richtig.

Welche Forderungen der Studenten unterstützen Sie am meisten?

Dass die Studierbarkeit des Bachelor hergestellt wird. Knackpunkt sind die Bologna-Reformen, die suboptimal umgesetzt worden sind. Wir müssen zugeben, dass wir die Probleme unterschätzt haben. Man muss sich das vor Augen führen: Da kommen junge Leute zum Studieren neu in eine Stadt, sind zum ersten Mal weg von ihren Eltern, Freunden und der Schule, stellen ihr Leben komplett um – und dann müssen sie gleich von 0 auf 100 gehen und dürfen sich kaum Fehler erlauben.

War das denn früher alles besser, als es Bachelor und Master in Deutschland noch nicht gab?

Da gab es das Vordiplom, und es war egal, ob man dieses mit der Note 3 oder 4 abschloss. Heute, nach den Bologna-Reformen, erhält man nach dieser Zeit den Bachelor als Abschluss, und bei einer 3 oder 4 auf dem Zeugnis fragt ein potenzieller Arbeitgeber: Was ist denn da los?

Außerdem braucht man im Bachelor eine gewisse Note, um überhaupt zum Master zugelassen zu werden. Dass es derzeit nicht die Möglichkeit zur Wiederholung einer Prüfung gibt, um die Note zu verbessern, ist nicht in Ordnung. Der Senat unserer Universität hat die Fakultätsräte deshalb dringend gebeten, die Prüfungsordnung zu prüfen.

Im Fach Maschinenbau scheint es besonders zu brennen.

Ich sage ganz klar: Wir wollen die Studierenden nicht aus der Hochschule jagen. Es darf nicht sein, dass 40 Prozent eines Studierenden-Jahrgangs im Fach Maschinenbau nach dem zweiten Semester nicht mehr dabei sind, weil sie das Handtuch geschmissen haben oder zwangsexmatrikuliert wurden, weil sie nicht auf die erforderliche Punktzahl gekommen sind. Wir werden zusehen, dass wir die Missstände abstellen, die wir als TU abstellen können.

Sie sind selbst Vater von vier Kindern, die alle studieren. Hilft das bei der Einschätzung der Lage?

Ganz sicher! Ich kenne die Probleme der Studierenden aus eigenen Erleben – übrigens über alle Hochschulgrenzen hinweg.

Es gibt auch unter den Studenten Kritiker des Bildungsstreiks. Vor allem Erstsemester fürchten, zu viel Stoff zu verpassen und dadurch in den Prüfungen zu scheitern.

Das verstehe ich und appelliere an alle Kollegen, mit diesem Problem verständnisvoll umzugehen. Übrigens zeigt sich da wieder, dass etwas falsch läuft, wenn es für Studierende nicht verträglich ist, nur drei oder vier Tage keine Vorlesung zu haben.

  Interview: Marc Rotermund

Freitag, 20.11.2009
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/11294963/menuid/2048
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