Der Dracula von heute hat Gewissensbisse
In der Literatur, in der Wissenschaft mausert sich Braunschweig zu einer Hochburg des Vampirismus
Auf dem Wege zur ehemaligen "Waldklause" – ein Ort, wie sich reifere Jahrgänge erinnern werden, spärlich beleuchteter Gastlichkeit. Ein Zwielicht wie geschaffen für heimliche Amouren. Und das Schöne ist, dass zehn Jahre nach Aufgabe des Riddagshäuser Lokals hier immer noch Amouröses geschieht, wenn auch nur in der Phantasie der hier, im Haus ihrer Eltern, zurückgezogen lebenden Autorin Jeanine Krock.
In ihrem neuen Buch "Blutkristall" machen wir Bekanntschaft mit einer Vampirin, die ihren Durst nach Lebenssaft lieber mit Blutkonserven stillt. Ja, in ihren Kreisen hat man neuerdings Gewissensbisse. Mit schätzungsweise 300 Jahren ist sie ein junger Hüpfer. Ihr Körper altert nicht, und deshalb muss sie sich, damit andere nicht stutzig werden, die Gebrauchsspuren des Lebens ins Gesicht schminken. In sie, die ewig Schöne, kann man sich auch als Normalmann unsterblich verlieben.
Mittlerweile ist Braunschweig so etwas wie eine Hochburg des Vampir-Genres. Man nehme den Literatur- und Kulturwissenschaftler Franz Meier. Tod, Blut und Sexualität haben ihn schon immer interessiert. Meier ist Kenner der englischen Schauer- und Sensationsliteratur, widmete sich in diesem Zusammenhang auch dem Dracula-Mythos. Vor diesem Hintergrund konnte auch das Thema seiner Antrittsvorlesung nicht mehr verwundern: "Der Vampir im Spiegel der Kultur".
Ja, wir alle tauchen gerne ein in dieses Schattenreich, lesen Bücher wie "Nacht des Begehrens", "Blutopfer 2" und "Ein Vampir für alle Fälle". Aber wenn im Fernsehen Dracula-Filme wie "Nosferatu" oder "Dracula und seine Bräute" gezeigt werden, schließen wir vorsichtshalber alle Fenster. Der TV-Film "Der Vampir" spielt in Braunschweig, wo die übel zugerichtete Leiche einer Prostituierten der Soko Braunschweig einige Rätsel aufgibt. Die Bisswunden weisen auf einen Mörder mit längeren Eckzähnen hin, wie das Bild zum Film enthüllt. Ein Braunschweiger Versandgeschäft hat den Trend erkannt, bietet zur Karnevalszeit beispielsweise den Klassiker an, den Dracula-Umhang mit hohem Kragen, als Wendecape mal Rot, mal Schwarz zu tragen.
Dazu passt, dass aktuell in der Brunsviga (am 31. Januar und 14. Februar) das komische Bühnenstück "Mandioka tanzt mit den Vampiren" zur Aufführung gelangt.
Neulich hatten wir Gelegenheit, die Braunschweiger Fantasy-Autorin Michaela Rabe kennenzulernen – Künstlername Michelle Raven. Ihr neuer Roman "Ghostwalker" kommt einem zunächst ziemlich vampiristisch vor.
Die Phantasien einer Diplom-Bibliothekarin
Die Kurzbeschreibung: Die Journalistin Marisa Pérèz lebt nach einem Skandal zurückgezogen in den Bergen Kaliforniens. Eines Nachts findet sie einen verletzten nackten Mann auf ihrer Veranda. Sie nimmt sich seiner an und versorgt seine Wunden. Am nächsten Morgen steht die Polizei vor der Tür – in der Nachbarschaft wurde ein Mord verübt . . .
Der Unbekannte von der Veranda hat die Fähigkeit, sich vom Mann zum Berglöwen zu wandeln, bzw. auch eine Zwischenstufe zu wählen – kein Vampir, ein Gestaltwandler.
Persönlich geht die Autorin Michaela Rabe dem wandlungsfähigen Beruf einer Diplom-Bibliothekarin nach – im Braunschweigischen Landesmuseum und im Naturhistorischen Museum. Auch dort geht es bekanntlich um Leidenschaften, freilich eher um die von gestern.













