Pflegeeltern gesucht Bedarf ist ungebrochen
Für sechs Kinder hat das Jugendamt noch keine Familie auf Zeit gefunden Leibliche Eltern sollen Eltern bleiben dürfen
Am Anfang möchte sich Patrick nicht fotografieren lassen. "Du kommst in die Zeitung", hat ihm Michael Bussieck angekündigt. Unter einer Zeitung habe sich der Dreijährige wohl so etwas wie einen Karton vorgestellt, in den er hinein komme, lacht Bussieck. Doch nachdem der Fotograf seine Schwester Emely abgelichtet hat und nichts passiert ist, lächelt Patrick versöhnt in die Kamera.
Emely lebt wie Patrick als Pflegekind in der Familie Bussieck. Vor zwei Jahren hatte das kinderlose Paar den Jungen zu sich genommen, später kam die ein Jahr jüngere Emely. "Als Einzelkind wäre Patrick sehr schnell zum Prinzen geworden", meint Michael Bussieck (42).
Entscheidung fiel im Wendland
Gerade sind die Bussiecks von einem Wochenende im Wendland zurückgekehrt. Gemeinsam mit Brigitte und Thomas Schwarz auch sie erfahrene Pflegeeltern haben sie vor interessierten Familien über ihr Leben als Pflegefamilie gesprochen. Über schöne und schwierige Situationen. Dass Pflegeeltern zum Beispiel Eltern auf Zeit sind und keine Sicherheit haben, das Kind zu behalten. Oder dass es darum geht, auch die Familie des Pflegekindes in ihr Leben einzubeziehen.
Regelmäßig veranstaltet das Jugendamt für potenzielle Pflegeeltern solche Seminare in einem wendländischen Rundlingsdorf. Die Familien Schwarz und Bussieck haben sich an einem solchen Wochenende auf langen Spaziergängen ebenfalls entschieden, Pflegeeltern zu werden. Für Barbara Reinmüller, Leiterin der zuständigen Abteilung für Besondere Erziehungshilfen im Jugendamt, sind die Wendland-Wochenenden der erfolgreichste Weg, neue Pflegeeltern zu gewinnen.
Der Bedarf an Pflegefamilien ist ungebrochen. 208 Kinder sind in Braunschweig aktuell in Pflegefamilien untergebracht. "Mit der Kinderschutzdiskussion gibt es mehr Meldungen, denen wir nachgehen, und mehr Inobhutnahmen", sagt Reinmüller.
Für sechs Kinder sucht das Jugendamt derzeit noch Pflegefamilien zwei der Kinder sind von Behinderung bedroht. Zwar warten zugleich zehn Familien auf ein Pflegekind, doch nicht immer passen Kind und Familie zusammen. Schwer haben es vor allem ältere Kinder, Pflegeeltern zu finden. Als Alternative bleibt die Heimunterbringung.
Die meisten wünschten sich kleine Kinder, berichtet Reinmüller. Unter den Bewerbern sind immer häufiger Paare mit unerfülltem Kinderwunsch eine Entwicklung, in der Reinmüller auch eine Folge rückläufiger Adoptionszahlen sieht. "Jedes Jahr werden in Deutschland 500 Kinder weniger zur Adoption freigegeben", verweist die Abteilungsleiterin auf das verstärkte Bemühen der Jugendämter, angehende Eltern in ihrer neuen Rolle zu unterstützen von Familienhebammen bis hin familienbegleitenden Angeboten. "Eltern sollen Eltern bleiben dürfen", heißt die Maxime, der Pflegeverhältnisse näher kommen als Adoptionen. In der Regel behalten die leiblichen Eltern das Sorgerecht. Nur bei jedem zehnten Pflegekind liegt das Sorgerecht beim Jugendamt.
"Bauchmutter" und Pflegemutter
So hat auch die siebenjährige Lisa zwei Mütter: Pflegemutter Brigitte Schwarz und ihre "Bauchmutter", wie die Grundschülerin ihre leibliche Mutter nennt, die ihr Kind aus gesundheitlichen Gründen nicht selbstständig erziehen kann. Hinzu kommen Großeltern aus beiden Familien und ihre Stiefbrüder in der Pflegefamilie. Lisa genieße es, gleiche mehrere Omas, Opas und Mütter zu haben, sagt Brigitte Schwarz .
Barbara Reinmüller weiß: "Darf ein Kind das Kind beider Eltern sein, gerät es auch in keinen Loyalitätskonflikt."













