Familiäre Gewalt ist schwer zu kontrollieren
Polizei richtet ihren Fokus verstärkt auf den Kinderschutz Kripo-Chef: Verdacht auf Misshandlung dem Fachkommissariat I melden
Psychoterror. Schläge in Familien. In 287 Fällen hat die Braunschweiger Polizei im vergangenen Jahr wegen häuslicher Gewalt ermittelt, 126-mal wegen Stalking. Kripo-Chef Ulf Küch wirft die Zahlen an die Wand. "Die Gewalt in Familien ist die am wenigsten zu kontrollierende Gewalt", sagt der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes.
Der Saal ist gefüllt mit Polizeibeamten, die vor Ort im Einsatz sind dort, wo sie von Nachbarn oder verängstigten Frauen um Hilfe gerufen werden. Wo geschlagen und misshandelt wird, seien auch die Kinder in Gefahr, sagt Küch. "Die Dunkelziffer misshandelter Kinder ist gewaltig."
Nachdem die staatlichen Reaktionsmöglichkeiten auf häusliche Gewalt mit dem Gewaltschutzgesetz und der Aufnahme des Stalking-Paragrafen ins Strafgesetz ausgeweitet worden sind, hält es die Braunschweiger Polizei für folgerichtig, den Fokus nun verstärkt auf den Kinderschutz zu richten.
In internen Fortbildungsveranstaltungen wirbt Küch dafür, bei Einsätzen in Familien mehr noch als in der Vergangenheit auf die Kinder zu schauen. Sein Appell: Einen Verdacht auf Misshandlung oder Vernachlässigung den Kollegen vom Fachkommissariat I zu melden.
Im Fachkommissariat I an der Friedrich-Voigtländer-Straße, auch zuständig für Tötungs- und Sexualverbrechen, sitzen erfahrene Ermittler. Zum Schutz der Bevölkerung behalten sie in Braunschweig Sexualstraftäter im Blick.
Seit zwei Jahren werden sie ebenfalls bei Gewalt in den eigenen vier Wänden, Bedrohung oder Psychoterror systematisch eingeschaltet. Sie beschäftigen sich mit den Täterprofilen. Sind die Täter gefährlich?, heißt eine entscheidende Frage. Die Fachleute sprechen von einer "Gefährdungsanalyse".
"Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht", bilanziert FK I-Leiter Bernd Hartig. So laufen alle Stalking-Fälle in seinem Kommissariat zusammen. Eskalationen mit Todesopfern wie in der Vergangenheit habe es seither in Braunschweig nicht mehr gegeben.
Die Ermittler zeigen den Tätern: Die Opfer stehen nicht allein.
Drei Tatverdächtige seien seither wegen Stalkings in Untersuchungshaft gekommen, um ihre Opfer zu schützen. In anderen Fällen, so Hartig, seien die Nachstellungen unterbunden worden.
Hartnäckige Stalker oder familiäre Gewalttäter müssen zudem auch mit Langzeitgewahrsam rechnen. Bis zu zwei Wochen kann ein Richter sie in eine der Gewahrsamszellen der Polizei sperren lassen auch dies im Sinne des Opferschutzes.
Tatort Familie: "Wir wissen, dass auch Gewalt gegen Kinder zu 90 Prozent in ihren eigenen Familien stattfindet", sagt Polizeisprecher Wolfgang Klages. "Deshalb ist es logisch, bei Einsätzen verstärkt auf die Kinder zu achten." Es gelte, Gefahren abzuwehren.
Bei häuslicher Gewalt seien zumindest mittelbar auch immer die Kinder betroffen, erklärt Bernd Hartig und nennt ein Beispiel: Die Polizei wird in eine Familie gerufen. Eine Frau hat ihren Mann mit einem Messer bedroht. Dahinter aber steht, wie sich herausstellt, ein anderer Grund: Sie fühlt sich mit der Erziehung ihres Kindes überfordert. Die Polizei schaltet daraufhin das Jugendamt ein.
Den Streifenbeamten vor Ort, weiß Hartig, fehle oft die Zeit, sich mit einer familiären Situation auseinanderzusetzen. Auf einen Einsatz folge womöglich sogleich der nächste. Die Aufgabe, genauer hinzuschauen, um bei Bedarf andere Institutionen einzuschalten, wollen nun zentral die Ermittler vom Fachkommissariat I übernehmen. "Wir möchten die Lage im Sinne des Kindes klären", kündigt Bernd Hartig an. Mehr Personal gebe es dafür nicht. "Aber wir wollen helfen."













