Neue Eremiten-Funde in der Stadt
Gutachter Reiner Theunert nennt Vermutungen der Startbahngegner zu den Larven am Flughafen "haltlos"
Die drei in einem Baumstumpf nahe dem erweiterten Flughafengebiet gefundenen Eremiten-Larven erhitzen die Gemüter. Manch Ausbaugegner fordert den sofortigen Stopp der Startbahnverlängerung. Manch Ausbaubefürworter zweifelt dagegen an, dass die Larven der geschützten Käferart auf natürlichem Weg in den Baumstumpf kamen. Gutachter und Diplom-Biologe Reiner Theunert sprach mit Redakteur Ralph-Herbert Meyer über die Funde, Vermutungen und Vorwürfe.
Die Gegner des Flughafenausbaus werfen der Flughafengesellschaft vor, vor den Fällarbeiten die Bäume nicht auf Eremiten-Vorkommen untersucht zu haben, obwohl bereits im Planfeststellungsverfahren auf mögliche Vorkommen hingewiesen worden sei. Was sagen Sie zu dem Vorwurf?
Die Planfeststellungsbehörde hat entschieden, und die Gerichte haben auch ihre Entscheidungen gefällt. Was beide Seiten für notwendig erachteten, lag ihren Entscheidungen zugrunde. Die Art nachzuweisen ist bei individuenarmen Vorkommen jedoch nicht einfach.
Der Eremit lebt verborgen in einer mulmgefüllten Baumhöhle. Selbst als Vollinsekt, also als Käfer, lassen sich die Tiere kaum mal am Höhlenausgang blicken, und die wenigsten verlassen ihren Brutbaum jemals. Deshalb wurde damals von mir auch ein weiteres Erfassungsjahr vorgeschlagen. Behördlicherseits wurde dafür aber offenbar keine Notwendigkeit gesehen. Und die Gerichte haben das wohl auch nicht beanstandet.
Auch nach dem Fund von zwei Larven, so geht die Kritik der Ausbaugegner weiter, sei nicht nach weiteren Eremiten-Larven gesucht worden. Entspricht das der Wahrheit?
Nein. In Abstimmung mit der Naturschutzbehörde der Stadt Braunschweig läuft seit Wochen ein weiteres Erfassungsprogramm in dem Bereich des Querumer Forstes.
In einem Interview mit einer in Berlin erscheinenden Tageszeitung erklärt der zu den Ausbaugegnern zu zählende Braunschweiger Privatdozent für Tierökologie, Wolfgang Büchs, den ungewöhnlichen Fundort der Larven mit dem harten Winter. Deswegen hätten sie sich aus der von ihnen bevorzugten Baumhöhe von acht bis zehn Metern in den Baumstumpf bewegt. Ist das denkbar?
Herrn Büchs ist noch nicht einmal bekannt, wie der Baum aussah, als er gefällt wurde. Es handelte sich um eine Altbuche ohne Spitzentrieb, gerade einmal vier bis fünf Meter hoch.
Da wir im Gegensatz zu Herrn Büchs wissen, wie der Baum in vier bis fünf Meter Höhe beschaffen war, können wir definitiv ausschließen, dass die Larven von oben stammen.
Haben Sie nach dem Fund der dritten Larve den Baumstumpf untersucht? Wenn ja, halten Sie es für möglich, dass Sie die dritte gefundene Larve übersehen haben könnten?
Nachdem die ersten beiden Larven dem Stumpf entnommen wurden, war bei der Planfeststellungsbehörde ein Antrag auf weitergehende Untersuchung dieses Baumstumpfes zu stellen.
So ist, so paradox es auch klingen mag, das artenschutzrechtliche Prozedere. Aber eine Genehmigung dafür liegt bis dato nicht vor.
Der Tierökologe Büchs stellt in dem bereits erwähnten Interview auch die These auf, dass ein Vogel die dritte Larve dorthin verbracht haben könnte. Wie bewerten Sie diese Aussage aus fachlicher Sicht?
Laut dem betreffenden Zeitungsartikel stellt Herr Büchs die Vermutung an, alle Larven, also nicht nur die dritte, könnten von Vögeln verschleppt worden sein. Diese Vermutung ist insgesamt haltlos. Es gibt zwar Vögel, die Eicheln als Wintervorrat deponieren.
Aber haben Sie schon einmal etwas von einem Vogel gehört, der eine leckere Larve, nein, jetzt sind es ja gar schon drei, in einem Baumstumpf lagert, ungeschützt vor möglicherweise eindringenden Spitzmäusen und anderen Räubern, die auch gern Eremitenlarven fressen?
Die Ausbaugegner weisen Spekulationen zurück, jemand aus ihrem Kreis hätte die Larven ausgesetzt, weil es so schwierig sei, welche zu bekommen. Gibt es in der Region größere Vorkommen, die leicht zu entdecken sind?
Ja. Wer die Lebensraumansprüche der Käferart kennt, der sollte dort auch fündig werden. Momentan läuft in einem dieser Gebiete auf Braunschweiger Stadtgebiet eine Erfassung, und da war man auch erfolgreich.
Hand aufs Herz: Haben Sie die Larven schlicht übersehen oder sind sie nachträglich an den Flughafen gebracht worden?
Anders herum gefragt: Wieso gingen nach dem Fällen des Baumes einige Monate bis zum vermeintlichen ersten Larvenfund ins Land? Und dies, obwohl immer wieder Auswärtige auf der Fläche waren, ohne jetzt im Detail zu wissen, was sie da gesucht haben.
Glauben Sie, dass der Fund von drei Eremiten-Larven den Ausbau behindern oder gar stoppen kann?
Das wird jetzt auf europäischer Ebene entschieden. Mehr kann man zum gegenwärtigen Stand wirklich nicht sagen.













