Heiligabend: Die Kneipe als Zufluchtsort
Familienersatz für einsame Herzen und solche, die keine Lust auf Verwandtschaft haben Sogar die Weihnachtsmänner haben Durst
Heiligabend haben in Braunschweig viele Kneipen geöffnet Auffangstationen für einsame Herzen, für Leute ohne momentanen Anschluss, Zufluchtsorte für jene, die das Zusammensein mit Verwandten gerne abkürzen.
Und die Wirte stellen sich seit Jahren auf diese Fluchttendenzen am Heiligabend ein. Auch in ihren Lokalen funkelt Weihnachtsbeleuchtung, die sich freilich auf das Schönste mit dem Licht der Neon-Bierreklame mischt.
Unsere Erkundung führt uns zunächst ins Magniviertel. In der "Eselsbrücke" empfängt Sandra Augsberg uns mit rotweißer Bommelmütze. Gegen 21 Uhr erste Gäste. Gregor und Thorsten aus Groß Denkte setzen sich an die Theke.
Heimatgefühle verspüren sie in der "Eselsbrücke" insofern, weil gegenüber an der Wand ein beeindruckendes Gruppenfoto vom MTV Groß Denkte hängt. Gregor und Thorsten gehen immer Heiligabend einen trinken, nachdem sie ihre Verwandten besucht haben. Das Magniviertel: eine prima Anlaufstelle für alle, die keine Lust haben, sich stundenlang das Familienprogramm im Fernsehen zu betrachten.
Auch die anderen Lokale im Magniviertel füllen sich mit Gästen. Darunter auch Stammgäste, die Heiligabend ungern ihren Gewohnheiten abschwören.
Kurs Innenstadt. Im "Tango Tanzpalast" in der Dompassage langweilt sich der Türsteher. Noch nicht viel los, aber das soll sich noch ändern. Bis fünf Uhr bleibt der "Tango" geöffnet, der an diesem Tage auf seine üblichen Shows verzichten muss. Also kein Table-Dance, keine Misswahlen, keine Single-Flirt-Party "Frosch sucht Perücke". Aber selbstredend kann Heiligabend im "Tango" ganz inoffiziell geflirtet werden.
Geöffnet hat der Beatclub am Ringerbrunnen. Ein bisschen weiter ist im "Movie" schöne Heiligabendstimmung. Weihnachtsmann-Girlanden über der Theke. Dazu die vertrauten Applikationen: Alte Zigarrettenreklame ("Juno bitte") , ein Eintrachtgruppen-Foto, rechts von der Theke grüßen Dick und Doof, die Filmkomiker Stan Laurel und Oliver Hardy. Hier treffen wir Colin, einen Schotten, der in Braunschweig hängengeblieben ist und sich hier sehr wohl fühlt. Retour ins Magniviertel. Im "1a" heiß es: Wir haben solange auf, bis der letzte geht. Bedienung Nadja weiß, dass es Weihnachten zu Hause regelmäßig einigen Ärger gibt. "Und dann kommen die Leute eben zu uns." Warum gibt es daheim Ärger? Da werden im "1 a" durchaus realistische Mutmaßungen angestellt. "Die Verwandten sehen sich zu selten", sagt ein Gast, "und da haben sich halt eine Menge Konflikte angestaut."
Noch eine Station: "Zu den Vier Linden", die bekannteste Wirkungsstätte mit Alkoholausschank im östlichen Ringgebiet. Wirt Elvis Haberkamm spielt mit Stammgästen Skat. Strategisch geschickt hat er diverse bunte Teller im Raum verteilt. Diesen Service hat er von seinem Vorgänger Uwe Thamm übernommen. Elvis fühlt sich verpflichtet, seine Stammgäste Heiligabend nicht hängenzulassen. Am Heiligabend, einem Freitag, ist hier natürlich eine andere Stimmung als sonst freitags. Elvis: "Den haben wir schon Mittwoch gehabt: Da flog hier alles auseinander."
"Vier Linden" gehörte vor Jahren zu den ersten Lokalen, die Heiligabend öffneten. Und deshalb ist es auch logisch, dass Weihnachtsmänner nach aufreibendem Service für die Allgemeinheit auch diesmal hier ihr Bier trinken.













