Der Oberbürgermeister im Zentrum der Kritik
Polizei zählte etwa 1400 Teilnehmer der "Menschenkette um den Schloßpark" Protest gegen das Abholzen der Bäume
Das getragene Läuten der Domglocken, die am Samstag um 12 Uhr zum Mittagsgebet rufen, bietet ganz zufällig eine treffliche Geräuschkulisse für die Menschenmenge, die sich auf dem Rathausvorplatz nach und nach vermehrt. "Als wollten die Glocken den Bäumen das letzte Geleit geben", stellt ein Teilnehmer der Protestaktion "Menschenkette um den Schloßpark" fest.
Es ist eine friedliche, aber emotional aufgeladene Demonstration, zu der die Schloßparkfreunde aufgerufen haben, nachdem am Mittwoch überraschend der Großteil der Bäume des Parks gefällt worden war.
Jede Menge Protestplakate und Banner. Alte und Junge gleichermaßen halten Transparente hoch. Sie kommen mit Kinderwagen und im Rollstuhl. "Hoffmann ist ein Baummörder: 270 Bäume sind tot."
Ganz unverhohlen richtet sich der Zorn gegen den Oberbürgermeister. "Schloss für König Gert H. und Hofstaat" prangt auf einer langen Stoffbahn. Das o von Schloss durchkreuzt und durch ein u ersetzt.
Immer wieder die bange Frage: Werden genug kommen, um den Bauzaun für das ECE-Center umschließen zu können? Meinhard Ritscher, Initiator der Menschenkette, hatte ausgerechnet: 535 müssten es sein bei einer Durchschnittsgröße von 1.68 Meter um mit ausgestreckten Armen eine geschlossene Reihe zu bilden. Ritscher hatte sich geärgert, dass der Oberbürgermeister die Zahl von 10 000 Demonstranten in die Welt gesetzt hatte. "Hoffmann setzt uns ganz gezielt unter einen überhöhten Druck, den wir so niemals erfüllen können", meinen die Organisatoren.
"Herr der Kettensäge"
"Es bringt ja nichts mehr; die Bäume sind weg", meint eine Demonstrantin mit ziemlich frustriertem Unterton. "Aber ich muss hier einfach mal meinem Zorn und meinem Ärger über diese Art der Politik Luft machen."
Die Fronten sind verhärtet. Wie sehr, macht Redner Dr. Uwe Meier, angekündigt als Umweltexperte, klar. Mit fast pathetischer Rhetorik kritisiert er das Abholzen der Schloßparkbäume, spricht von einem Massaker, das vollzogen worden sei, und nennt Hoffmann "den Herrn der Kettensäge". "Wir wissen: Erst stirbt der Baum und dann der Mensch und sei es an Feinstaub", ruft Meier unter tosendem Applaus ins Mikrofon.
Noch mehr Beifall gibt es für Meiers Hiebe auf Hoffmann, der mit kaltschnäuziger Art Desinformation betreibe. Die Menschenkette sei ein Symbol der Hoffnung. "Wir haben Hoffnung, dass die Gerichte den Bau des Einkaufszentrums noch stoppen werden", sagt Meier und bezeichnet das ECE-Projekt zur allgemeinen Belustigung als "Einkaufszentrum mit Vorhängeschloss". Die Kundgebung sei ein Zeichen für gelebte Demokratie, "die in Braunschweig endlich wieder Einzug halten muss".
Der Rathausvorplatz füllt sich immer mehr. Erste Schätzungen gehen von 1000 Menschen aus. Der Himmel verdunkelt sich, doch die Wolken halten dicht.
Nächster Redner ist Hartmut El Kurdi, Satiriker und Autor von "Boomtown Braunschweig". Der zieht an diesem Tag nicht mit feiner Klinge gegen den Oberbürgermeister zu Felde, sondern attackiert mit schwerem Geschütz, das auch unter die Gürtellinie zielt. "Hoffmann erwartet, dass die Leute das Maul halten. Aber ich finde, den Gefallen sollte man ihm nicht tun". El Kurdi spricht von "Politiksimulation", die Handeln vortäusche.
Von 100 Polizisten begleitet
"Das einzige, was der Herr kann, ist kommunales Eigentum verkloppen " Und er spricht von Feigheit: "Wenn diese Männer im Rathaus Eier in der Hose hätten, hätten sie ein Bürgerbegehren zugelassen." Auf die derben Worte folgt lautstarkes Johlen aus der Menge.
Die Schloßparkfreunde und ECE-Gegner machen sich schließlich auf den Weg zum Bauzaun am Bohlweg. Begleitet von rund 100 Polizeibeamten, die zeitweise den Bohlweg und die Georg-Eckert-Straße sperren. "Etwa 1200 Leute", schätzt ein Uniformierter nun, der den Tross beobachtet, als er über die Straßenbahnschienen zieht. "Wir sind hier, damit keiner überfahren wird. Ist doch eine schöne Aktion. Sollen sie doch machen ", kommentiert er gelassen.
Durchs Gebüsch geschlagen
Die Protestler formieren sich um den Bauzaun. Einige schlagen sich an der Georg-Eckert-Straße durchs Gebüsch, um die Kette nicht abreißen zu lassen. Am Ritterbrunnen trommeln Jugendliche rhythmisch gegen die Bretter und skandieren in Anlehnung an einen Song der Gruppe Queen: "We will, we will ... stop you!"
Langsam macht die Kunde die Runde: Der Zaun ist umstellt. Mancherorts stehen die Demonstranten sogar in Zweierreihen. Die Schätzungen von Polizei und Veranstalter gehen auseinander. Von 1500 spricht hinterher ein Polizeisprecher; die Organisatoren geben mehr als 2500 Teilnehmer an.
Initiator Ritscher jedenfalls ist sichtlich zufrieden, als er um 13.15 Uhr das Signal zum Auflösen der Menschenkette gibt. "Es wurde deutlich, dass die Braunschweiger Bürger nicht bereit sind, die Art und Weise hinzunehmen, wie die Schloßpark-Zerstörung und das ECE-Megakaufhaus rücksichtslos durchgeboxt wurden ohne Bürgerbefragung oder Bürgerentscheid. Hier und heute manifestiert sich der basisdemokratische Wille, bei bedeutsamen kommunalpolitischen Entscheidungen eingebunden und nicht überfahren zu werden. Das macht uns Mut für die Zukunft."
Nach kurzer Zeit verläuft sich die Menge. Nur am Bauzaun an der Ecke Bohlweg/Eckert-Straße zeugt ein einzelner Schriftzug nachhaltig von Protest. Aus der Ferne ist nur ein Name zu entziffern: Hoffmann. Die Fronten sind verhärtet.













