Spritpreise treiben Bürger in die Stadt zurück
Kurze Wege, gute Infrastruktur: Nachfrage nach innerstädtischen Grundstücken steigt Stadt will verstärkt Bauland ausweisen
Freistehendes Einfamilienhaus im Grünen, unverbaute Lage, vom Architekten gestaltet, nichts von der "Stange" also, kein 08/15-Modell aus dem Fertighaus-Katalog. Keine Autoabgase, kein Verkehrslärm, dafür idyllische Ruhe. Und rundherum ein Garten, in dem Vögel zwitschern, Kinder ungestört herumtollen, behütet aufwachsen können.
Leben im Speckgürtel
Mehr oder weniger ist sie das: die Vision, die viele trieb, als sie Braunschweig den Rücken kehrten, in den "Speckgürtel" vor die Tore der Stadt zogen. Aufs Land, wo nicht nur die Natur, sondern auch die Baulandpreise noch intakt, der Traum vom Eigenheim am ehesten realisierbar schien. Das glaubten viele.
Doch die Realität, sie entwickelte sich für viele anders: Und es waren oft genug die eigenen Kinder, die, als sie älter wurden, den Traum zerstörten. Kino, Diskothek, Freibad wie soll man dahin kommen? Papa und Mama verdingten sich anfangs gern als Feierabend-Chauffeure. Doch erschrocken stellen sie irgendwann fest: Die dauernde Pendelei nervt nicht nur, die hohen Spritkosten "fressen" allmählich auch die eingesparten Bauplatzkosten auf.
Pendeln kostet viel Zeit
Ein Umdenken setzte ein. Dazu Stadtbaurat Wolfgang Zwafelink: Ja, die Nachfrage nach innerstädtischen Grundstücken sei in den letzten Monaten deutlich gestiegen. "Viele haben inzwischen offenbar kapiert: Das ständige Pendeln ist nicht nur teuer, es kostet auch viel Zeit."
Und tatsächlich: Immer mehr Braunschweiger ziehts neuerdings wieder zurück in die Stadt. Eine zweite "Landflucht" hat eingesetzt, eine Umkehr des seit den 60er Jahren zu beobachtenden "Exodus". Und sie treibt Braunschweigs Bevölkerungszahl nach Jahren wieder leicht nach oben. Und schon schießen dort, in den Baulücken, die Baugebiete aus dem Boden: An der Echternstraße gehe es in Kürze los, für den Gaußberg, erklärt Zwafelink, starteten bald die Planungen.
Mitten in die Innenstadt zog es etwa Familie Reich (Name geändert), sie wohnt nun am Aegidienmarkt, hatte zuvor mehr am Stadtrand gelebt. Die Gründe für den Umzug? "In der Innenstadt hat man alles um die Ecke: Geschäfte, Ärzte, Schulen, aber auch Parks zum Spazierengehen." Alle fühlten sich sehr wohl, versichert die Familie. Auch die Kinder (8 und 10 Jahre alt): Sie gingen beide mit Wonne zur Schule, erzählt die Mutter: "Sie hatten einfach keine Lust mehr, ständig mit dem Bus zu fahren. Jetzt gehen sie zu Fuß."
Die Nachfrage steigt. Und das sei kein singulärer Trend, erklärt Stadtbaurat Wolfgang Zwafelink. Schon seit Ende der 90er Jahre, meinen Experten, deute sich bundesweit eine Erholung der Städte an. Was auch an der sich ändernden Bevölkerungsstruktur liege. Der neue Trend:
Familien mit Kindern, die es besonders gern in die Vorstädte zog, gibt es immer weniger.
Dafür steigt die Zahl der Singles, der Alleinerziehenden und der Älteren. Für diese Gruppen sei das Leben in der Stadt besonders attraktiv. Denn dort sind die Wege kurz, sei es ins Kino, zur Kita oder zum Arzt.
"Nachfrage wie verrückt"
Das kann auch Heiko Diestel bestätigen, seine Firma Atec hat am Aegidienmarkt einen Gebäudekomplex renoviert, der zuletzt wahrlich keine gute Wohnadresse mehr gewesen war. Innerhalb kurzer Zeit ("Die Nachfrage war wie verrückt, alles ging ruckzuck weg") waren alle 12 Eigentumswohnungen (70 bis 160 qm groß) veräußert, ebenso zwei Stadthäuser.
Zwischen 1300 und 1900 Euro zahlten die Kunden pro Quadratmeter. Das war es ihnen wert. Eine Bewohnerin schwärmt: "Ich habe hier einen so wundervollen Ausblick. Und vom Verkehr kriegt man so gut wie nichts mit, dafür sorgen schon die doppelverglasten Fenster."













