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Eine Familiengeschichte: Die Lebenswege von Katharina Huck (79) und ihrem Großneffen Andreas Pfeifer (24)
In dem Dorf an der Wolga wohnen keine Hucks mehr. Der Schwager ist noch einmal dagewesen. Freundlich behandelt worden sei er nicht.
"Alles war abgerissen und umgebaut", sagt Katharina Huck über ihren Geburtsort in der ehemaligen deutsch-autonomen Kolonie Saratow. Dorf Huck hieß der Ort nach seinem Gründer.
Katharina Huck (79) ist dort aufgewachsen, ihr Großneffe Andreas 50 Jahre später in Kasachstan Katharinas dritter Lebensstation nach Wolgagebiet und Ural. Heute leben beide in Braunschweig.
Heimat? Das war für sie weder das Dorf Huck noch Kasachstan. "Mein Vater hat immer gesagt: ,Wir sind nicht zu Hause. Irgendwann müssen wir nach Hause. Die Zeit kommt. Dieses Gefühl hat er uns allen gegeben." Ein gläubiger Mensch sei er gewesen. Die Familie hat in dem Bewusstsein gelebt, irgendwann zu ihren Wurzeln zurückzukehren. So sei es von Gott gewollt.
Die schönste Zeit ihres Lebens natürlich, das war die Jugend, die Zeit mit ihrem Mann. Trotzdem sich die Repressalien gegen Deutsche in der Sowjetunion verschärften in dieser Zeit, Deutsche zum inneren Feind erklärt, verbannt, deportiert und zu Zwangsarbeit verurteilt wurden.
Wie auch Katharina, die 1932 Hals über Kopf ihr Dorf verlassen muss. Sie arbeitet in einer Kolchose, bis sie Tausende Kilometer von ihrem Dorf entfernt zur Zwangsarbeit in den Ural deportiert wird. Sie schuftet in der Trudarmija, der Arbeitsarmee. Mit vielen teilt sich Katharina ein Zimmer. Im Ural trifft sie ihren späteren Ehemann. Auch er stammt aus dem Dorf Huck. Von dort werden seine Eltern 1941 nach Kasachstan deportiert.
Katharina und ihr Mann können ihnen erst 1958 folgen. Die Deutschen hätten es in Kasachstan leichter gehabt, sagt sie. Als gute Arbeiter seien sie dort angesehen worden.
Was Katharina Huck über ihre Familiengeschichte sagen kann? Sie zuckt die Schultern. Darüber sprach man nicht. "Je weniger man weiß, desto besser", hieß es.
Und seine deutsche Wurzeln zeigte man nicht allzu demonstrativ. Als Briefe einer Verwandten aus der damaligen DDR eintrafen, ging unter Familienmitgliedern Angst um. Geradezu als Verräter seien sie angesehen worden, als 1991 die ersten Verwandten in die Bundesrepublik aussiedelten. Die Zeitung berichtete darüber der Artikel war nicht positiv.
1995 kommt auch Katharina Huck mit der Familie nach Deutschland. Ihr Neffe Andreas ist bei ihr, als sie in die neue und zugleich alte Heimat fliegt.
"Wie schön", denkt sie. Sie fühlt sich dankbar für alles, was kommen mag. Das Leben hat sie gelehrt, nach vorn zu schauen. "Ich habe mich nicht umgeguckt." Nur eines tut weh: Dass sie nicht mehr das Grab der Eltern besuchen kann.
Der 13-jährige Andreas hat das Leben noch vor sich, als er 1995 im Flugzeug sitzt und über die Autobahnen weit unten staunt. "Da ist ein Stau", erklärt ihm ein anderer Fluggast. Andreas weiß nicht, was das ist. Die beleuchteten Straßen, das viele Grün alles ist neu für ihn. Die ersten Monate erlebt er wie im Traum. "Es war einfach nur schön."
Andreas Pfeifer kommt in ein Land, in dem er ein Aussiedler sein wird. Er hat ein Land verlassen, in dem er ein Deutscher war. Ein Fremder.
Aber die Familie ist da. Sie hat sich in den Wirren der Geschichte nicht verloren. 127 Verwandte leben in Braunschweig.
Katharina, selbst kinderlos, ist die Oma für alle für die Neffen und Nichten und die Großneffen und Urgroßneffen. Es gibt keine Geburtstagsfeier unter 60, 70 Gästen. In der Familie hatte es keine Diskussionen über den Umzug nach Deutschland gegeben. Die Zeit war gekommen.
Andreas Pfeifer fühlt sich gut aufgenommen in Braunschweig. Er nimmt gleich an einer Klassenfahrt teil, nach einem Jahr spricht er so gut Deutsch, dass er den Schulstoff bewältigt. Seine Sprache ist fast akzentfrei das russische "R" konnte er ohnehin nie rollen. Sein Vater sprach Plattdeutsch. Und mit der Oma Katharina streiten die Jüngeren gern mal über den korrekten Sprachgebrauch. "Hier wird überhaupt kein richtiges Deutsch mehr gesprochen", findet die 79-Jährige.
Andreas Mutter ist Optikerin. Ihre Ausbildung wird in Deutschland nicht anerkannt. Nach dem frühen Tod ihres Mannes hält sie die Familie als Raumpflegerin über Wasser. "Sie hat alles gegeben", sagt ihr Sohn. Und auch Andreas, heute 24, hat früh ein Ziel: Eigenes Geld zu verdienen, um der Mutter helfen zu können.
Nach dem Realschulabschluss findet er einen Ausbildungsplatz als Industriemechaniker und wird anschließend als einer von wenigen vom Betrieb übernommen. Nebenher geht er zur Schule und bildet sich zum Techniker weiter. Sein Bruder hat nach Abschluss einer Elektrikerlehre ein Studium begonnen. "Wir haben die Chance bekommen und wahrgenommen", sagt Andreas Pfeifer.
Was sich Großtante Katharina wünscht? "Dass es nicht schlechter wird. Und dass es Arbeit gibt. Dann ist alles gut."











