Scheidungsakten lagern 50 Jahre
Langzeit-Archivierung: Braunschweiger Amtsgericht verfilmt und digitalisiert im Jahr zwei Millionen Seiten
Diese Akten. Millionen und Abermillionen Seiten. Im Halbdunkel unterm Dach des Amtsgerichts weist Justizhauptsekretär Hans-Volker Wösthoff auf die rote Mappen mit den Familiensachen.
92 laufende Meter haben sich allein in einem Jahr angesammelt. Dicht an dicht drängen sich in den Hänge-Regalen die Dokumente menschlicher Schicksale.
50 Jahre müssen Scheidungsakten aufbewahrt werden, Vormundschaftssachen mindestens 30 Jahre wie etwa auch Mahnverfahren. Geht es ums Erben um den Nachlass dürfen die Akten auch nach Jahrzehnten noch nicht vernichtet werden. Letztens erst hat Wösthoff eine Zivilakte von 1951 aus dem Archiv herausgesucht. Da galt es, Erbschaftsansprüche zu klären. Die älteste Akte im Amtsgericht stammt aus den 30er Jahren.
Archivleiter Hans-Volker Wösthoff jagt am Tag 17 000 der papiernen Aktenseiten durch einen Scanner. Zum Glück muss er nicht mehr wie noch vor kurzem jedes Blatt einzeln per Hand einlegen. Die Dokumente werden digitalisiert und auf Mikrofilmen langzeitarchiviert. Mindestens 500 Jahre sollen sie so überdauern.
"Wir sind auf dem Weg, den Muff aus den Akten rauszukriegen", sagt der Justizbeamte. Es gab Zeiten, da verflüssigte ein Schimmelpilz Akten. Kellerfeuchtigkeit verursachte Wasserschäden oder umgekehrt trocknete das Papier so stark aus, dass es in den Händen zerbröselte. Und wehe, eine Akte war einem falschen Jahrgang zugeordnet. "Dann fand man sie nur schwer wieder", berichtet Wösthoff. Heute lagern die kilometerlangen Aktenreihen nur noch auf Zeit auf dem Gerichtsboden. Nach der Verfilmung wird das Papier vernichtet und teure Lagerfläche gespart.
"Der Film", sagt Wösthoff, "ist noch das sicherste Speichermedium." Die Dauersicherung. Die Digitalisierung ermöglicht den minutenschnellen Zugriff per Mausklick.
Gerichtssprecher Dr. Heinold Willers betont die Bürgerfreundlichkeit dieses neuen Verfahrens: Wer Akteneinsicht anfordere, müsse nicht mehr tagelang darauf warten. 15 bis 30 Anfragen bearbeitet Wösthoff täglich. Per E-Mail sendet er die Akten minutenschnell an die hausinternen Geschäftsstellen des Amtsgerichts. "Der Bürger kann gleich darauf warten."
Eine Million Akten sind im Braunschweiger Amtsgericht bereits digitalisiert. Mit seinem Archivierungsverfahren, das Wösthoff mitentwickelt hat, gilt das Braunschweiger Amtsgericht über die niedersächsische Justiz hinaus als Vorbild-Behörde.
So hat das Archiv seine Produktivität in den vergangenen Jahren verdreifacht. 2 Millionen Seiten archivieren die Mitarbeiter im Jahr, 2001 waren es noch 650 000.
Eine schiere Sisyphos-Arbeit angesichts der stetig nachwachsenden papiernen Aktenberge. Wösthoff nimmt die Herausforderung mit einem Schulterzucken. Gelassen. Die 92 laufenden Meter Familiensachen zum Beispiel, schätzt er, werden die Archivare wohl vier Monate Arbeit kosten.
Aber das sei nichts gegen die Insolvenzen, die seit drei Jahren auch wegen der Privatinsolvenzen explodierten. 600 Seiten nennt er Standard. Manchmal umfasse eine Akte auch 1000 oder 2000 Seiten.











