"Sie gehen nicht zu Geburtstagfeiern, weil Geld für ein Geschenk fehlt"
Interview mit Ingrid Dülm und Roswitha Goydke vom Kinderschutzbund: Kinderarmut bedeutet Ausgrenzung
"Kinderarmut ist mehr als nur materielle Armut." Die Geschäftsführerin des Stadt-Kinderschutzbundes, Ingrid Dülm, und die stellvertretende Vorsitzende Roswitha Goydke warnen im Gespräch mit Redakteur Ralph-Herbert Meyer vor zu starker Vereinfachung.
Es wird einen Schulkostenfonds und kostenloses Schulessen für arme Kinder in der Stadt geben. Kommunales und bürgerschaftliches Engagement gegen Kinderarmut hat stark zugenommen in den vergangenen Monaten. Ihr Thema ist zum Stadtgespräch geworden. Sind Sie zufrieden?
Ingrid Dülm: Kinderarmut ist eine Pyramide. Materielle Armut ist sehr oft die Grundlage für weitere, oft seelische Not von Kindern. In Braunschweig wird jetzt einiges unternommen, um die Situation von Schulkindern aus sozial schwachen Familien zu verbessern. Das freut uns natürlich, schafft aber nicht die Probleme der Kinderarmut aus der Welt. Die sind vielschichtiger. Da geht es auch um Vernachlässigung, Gesundheit, Gewalt.
Roswitha Goydke: Das Recht auf soziale Sicherheit für Kinder sollte in unserem Land eigentlich wie das Recht auf Bildung, Mitsprache und gewaltfreie Erziehung selbstverständlich sein. Doch Deutschland hat außer dem Recht auf gewaltfreie Erziehung die Kinderrechte immer noch nicht im Grundgesetz verankert, obwohl die UN-Kinderrechtskonvention, die weltweit 1990 die Rechte des Kindes festgeschrieben hat, bereits 1992 von Deutschland unterschrieben wurde. Auch in der Landesverfassung Niedersachsens sind Kinderrechte nicht enthalten. Bis sich in Deutschland da nichts grundsätzlich ändert, werden die Kinder als schwächste Glieder unserer Gesellschaft nicht ausreichend geschützt werden können.
Wie äußert sich Kinderarmut aus Ihrer täglichen Erfahrung?
Ingrid Dülm: Betroffene Kinder ziehen sich zurück. Sie bringen keine Freunde mit nach Hause, weil sie sich schämen. Sie gehen nicht zu Geburtstagen, weil sie keine Geschenke mitbringen können. Sie können nicht an eintägigen Klassenfahrten teilnehmen, weil die Eltern das Geld nicht abzweigen können. Sie kommen in Cliquen nicht klar, weil sie zum Beispiel nicht mit ins Kino gehen können. Sie gehen in keinen Verein, weil die Familie den Beitrag nicht aufbringen kann. Und sie werden wegen ihrer Armut auch noch oft gemobbt.
Roswitha Goydke: Kinder aus sozial schwachen Familien können kaum am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben. Deswegen hoffen wir auf Erleichterung des Zugangs durch den Braunschweig-Pass und dafür erneut auf bürgerschaftliches Engagement, dass vielleicht Kino-, Schwimmbadbesuche, Konzerte etc. auch für Familien mit wenig Geld erschwinglich macht.
Grundsätzlich muss über die Hartz-IV-Reformen nachgedacht und die
Regelsätze der Lebenswirklichkeit gerade für Kinder angepasst werden. Denn am Ende der sozialen Ausgrenzung stehen Hoffnungslosigkeit, Selbstzweifel und Verlust der Selbstachtung. Daraus entwickeln sich keine guten Lebensperspektiven für Kinder
Sie sagen, arme Kinder werden in der Schule gemobbt. In Braunschweig soll aktuell die Schulsozialarbeit gestärkt werden. Ist das der richtige Weg?
Roswitha Goydke: Wir begrüßen dieses Vorhaben sehr. Gerade Kinder aus belasteten Familien ziehen sich zurück und sprechen eher mit schulfernen Personen als mit Lehrern. Dort, wo Schulsozialarbeiter die Ansprechpartner sind, werden Sorgen, Nöte und eine häufig verdeckte Armut schneller deutlich und Lösungen leichter und unkomplizierter möglich.
Ingrid Dülm: Wichtig ist die Tatsache, dass auch in einem finanziell schlecht ausgestatteten Haushalt ein gutes, harmonisches Familienleben möglich ist. Die Eltern dürfen sich etwa in Arbeitslosigkeit nicht selbst aufgeben, sie behalten Vorbildfunktion und sind bedeutend für den weiteren Weg ihrer Kinder. Der Kinderschutzbund bietet zahlreiche Hilfs- und Beratungsangebote sowohl für Eltern wie für Kinder und Jugendliche. Gespräche, gemeinsame Mahlzeiten und auch Spiele können helfen, die seelische Situation von Eltern und Kindern in der Not zu verbessern.













