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09. Februar 2012
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"Wie aus Erz gegossen sitzt er auf dem Pferde"

100 000 Menschen strömen im Juli 1890 zum Leonhardplatz, um den berühmten Büffeljäger und seine Show zu sehen

Von Ann Claire Richter

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Das ist eine Sensation in Braunschweig. Wir schreiben den Sommer des Jahres 1890: Kein geringerer als Buffalo Bill, der legendäre Indianerkämpfer, Büffeljäger, tollkühne Reiter, schlägt auf dem Leonhardplatz seine Zelte auf. Mit 30 Waggons ist die lebende Legende im Bahnhof eingelaufen, mit Hunderten von Indianern, Cowboys, Pferden, Büffeln…

Die Presse jubelt nach der ersten Wild-West-Show. "Wie aus Erz gegossen sitzt er auf seinem Pferde, dessen heftigste Gangart ihm nicht die kleinste unwillkürliche Bewegung abnötigt; es ist, als ob Reiter und Roß aus einem Stücke wären", schreiben die Braunschweiger Stadtanzeigen am 19. Juli jenes Jahres fasziniert.

Der Rezensent staunt Bauklötze: "Das Schützenstückchen, vom galoppierenden Pferde aus drei gleichzeitig in die Luft geworfene Kugeln mit blitzschnell einander folgenden Schüssen zu zerschmettern, wird ihm kein Kunstschütze nachmachen."

Die Massen strömen. "Alle Züge bringen hunderte von Menschen aus der Umgebung nach der Residenz. Die städtischen Verkehrsmittel, nach und von dem Leonardplatze, genügen bei Weitem nicht zur Beförderung der Menschenmenge. Lange auch hat Braunschweig dergleichen nicht gesehen!"

Das Braunschweiger Unterhaltungsblatt analysiert die Faszination: "Uns Deutschen ist der Wilde Westen Amerika’s nichts weniger als fremd. Wer hat nicht seiner Zeit die Phantasie, wenn nicht durch die Cooper’schen Romane so doch durch die Gerstäcker’schen Erzählungen in Spannung versetzt! Daher der große Andrang des schaulustigen Publikums."

Thomas Ostwald, Vorsitzender der Gerstäcker-Gesellschaft und erwiesener Kenner des Wilden Westens, gibt gut Acht auf seine Kopien jener Zeitungsausschnitte; und während wir uns mit großem Spaß gemeinsam durch die Artikel lesen, kommt Ostwald spontan die Idee, im Gerstäcker-Museum eine kleine Sonderausstellung zum Thema einzurichten. "Buffalo Bill hat es prächtig verstanden, seinen Mythos zu nähren", meint Ostwald grinsend.

4280 Büffel will William Frederick Cody beim Bau der Transkontinentalen Eisenbahn in 18 Monaten erlegt haben, um die Eisenbahnbauer mit frischem Fleisch zu versorgen. So erzählt er wenigstens. Keiner – bis auf Cody selbst – hat sie je gezählt, doch der Spitzname Buffalo Bill ist geboren.

Auch wenn der Mann des Wilden Westens tatsächlich eine Menge Staub geschluckt und sich in den abenteuerlichsten Professionen bewährt hat: Zu weltweitem Ruhm verhilft William Cody der Schriftsteller Ned Buntline. Der beginnt nach seiner ersten Begegnung mit Buffalo Bill, den Westerner in Groschenheften zu verherrlichen und zu glorifizieren. Maßlos übertrieben, klischeehaft verklärt.

Ob Dichtung oder Wahrheit, in Braunschweig wird Buffalo Bill als Held gefeiert. Der Zeitzeuge der Stadtanzeigen berichtet: "Wie ein Ungewitter war zu Anfang die ganze Reitertruppe hervorgebrochen, hatte die Arena ihrer ganzen Länge nach durchsprengt und war dann vor der Tribüne stehen geblieben, dem Zuschauer Zeit lassend, das Gesamtbild zu bewundern. Buntfarbige Gestalten mit blauen Mänteln oder grünen Umhüllungen, geringelte Malereien an verschiedenen Körperteilen, einfache Haartrachten in primitiven Knoten oder hochaufstrebende Adlerflügel über dem Haupte, die einen auf gesattelten Pferden, die anderen auf ungesattelten – das Alles bot ein farbenprächtiges, wildromantisches Bild." Und dann kommt er endlich eingeritten, der berühmte Büffeljäger höchstselbst. "Buffalo Bill ist die auffallendste und einnehmendste der Gestalten. Buffalo Bill ist kein Jüngling mehr, aber unter dem grauen Seidenhaare leuchtet ein feuriger Blick."

Dabei überschattet ein Trauerfall die Stimmung in der Truppe. Die Zeitung hatte schon am 15. Juli vermeldet: "Ein Mitglied der Buffalo Bill-Kompagnie hat das Unglück betroffen, vor Vechelde aus dem Zuge zu stürzen und es sind ihm beide Beine und ein Arm abgefahren." Das Braunschweiger Unterhaltungsblatt schreibt von "einer völligen Zermalmung" und hat in Erfahrung gebracht, dass es sich um einen Sioux-Indianer handelt.

Tags drauf die Todesnachricht: "Der Indianer, welcher gestern aus dem Extrazuge fiel, ist seinen schweren Verletzungen erlegen." Er wird auf dem Braunschweiger Zentralfriedhof mit großer Zeremonie beerdigt.

Ein zweites Unglück geht glimpflicher aus: "Ein Knabe, welcher die Einfriedung des Leonhardplatzes erklettert hatte, um sich ,Wild West’ anzusehen, fiel hinab und geriet unter die Büffel, welche ihn mit ihren Hörnern schrecklich zurichteten. Zwei Aerzte legten dem Armen in dem Zelte der Indianer auf dem Platze den ersten Verband an." Der Junge kam mit dem Verlust zweier Zähne glimpflich davon.

Vor allem die Indianer übten auf die Kinder eine magische Anziehungskraft aus. "Eine gewisse Scheu lässt die Kinder indes nicht gar zu nahe an die Fremdlinge herankommen. Und wenn sie sich hastig umdrehen, so stiebt die kleine Schar weit auseinander", notieren die Stadtanzeigen.

Die Chronisten vermelden Rekorde bei den Zuschauerzahlen: am 16. Juli: 13 634 Zuschauer, am 17. Juli 15 937, am 18. Juli 18 316, am 19. Juli 18 536, am 20. Juli 17 743 und am Finaltag immer noch 12 000.

Die Zeltstadt sei ebenso schnell verschwunden wie sie entstanden sei, schreiben die Stadtanzeigen am 22. Juli. Und weiter: "Die Truppe ist sehr zufrieden mit ihrem Aufenthalt in dieser Stadt; namentlich wurde allseitig anerkannt, dass man bisher einen so vorzüglichen Platz für die Vorführungen wie den Leonhardplatz nirgends gefunden hat."

Die Zeitung erkennt, dass Buffalo Bill nicht nur gut ist fürs Stadtmarketing, sondern auch Geld in die Kassen spült: "Wenn man annimmt, dass die Gesellschaft hier etwa 30 000 Mark ließ, daß von fremden Besuchern hier mindestens 150 000 Mark ausgegeben sind, so ergiebt das ein Sümmchen, das auch noch in einer ,Hunderttausendstadt’ zu Buche schlägt."

Buffalo Bill hat es am Ende wenig genutzt. Obwohl er sich auf verschiedenen Tourneen insgesamt zehn Jahre in Europa aufhielt und reichlich Geld scheffelte, starb er doch verarmt. Thomas Ostwald zitiert aus einem Büchlein von Rudolf Beissel: "Er verdiente viel Geld, gab es aber auch gutmütig mit vollen Händen aus."

Samstag, 05.01.2008
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/7780965/menuid/2048
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