"Das Leben ist ein Langstreckenlauf"
Bewährungshelfer Jens Wilke über undiszipliniertes Verhalten, Fremdbestimmung und die Rolle des Sports
Bei Olympia wird geschwommen, gelaufen, gesprungen. Mit welcher sportlichen Disziplin ist die Bewährungshilfe zu vergleichen?
Langstreckenlauf vor allem für die jugendlichen Straftäter. Nur starten sie ein Kilometer hinter der Startlinie. Da braucht man viel Selbstdisziplin um aufzuholen. Denn das Ziel ist nicht Erster zu werden, sondern ins Mittelfeld zu kommen. Wenn es dazu kommt, ist das schon ein Erfolg. Die meisten meiner Probanden, so nennen wir die Straftäter, kommen ja nicht aus dem Mittelfeld, sondern sind meist Randfiguren der Gesellschaft.
Haben die Probanden Disziplin?
Es ist häufig zu beobachten, dass die Selbst- und Fremddisziplin fehlt. Straftaten kann man ja auch als undiszipliniertes Verhalten bezeichnen. Da ist jemand, der sich nicht an die gesellschaftlichen Regeln hält.
Mit welchen Problemen haben Sie am meisten zu kämpfen?
Ein großes Problem ist die Drogen und Suchtproblematik. Disziplin ist eines der zentralen Wörter, aber es mangelt auch an Organisationsvermögen und natürlich an sozialer Kompetenz. Viele haben in ihrer Kindheit und Jugend bestimmte Schlüsselqualifikationen nicht gelernt. Da hat ihnen niemand gesagt: Du musst pünktlich sein; du musst dich ordentlich anziehen, wenn du zum Vorstellungsgespräch gehst.
Sie arbeiten mit 88 Straftätern. Wie schwer ist es, jeden einzelnen ständig zu motivieren und anzutreiben?
Ein Grundsatz der Bewährungshilfe ist: Rückschläge niemals persönlich nehmen. Der Klient steht im Mittelpunkt. Und wenn er die Hilfe nicht abruft, seiner Verantwortung nicht nachkommt, darf ich nicht böse sein. Ich kann nur dazu motivieren, die Hilfe anzunehmen die Entscheidung liegt bei ihnen.
Wie gehen Sie vor mit strengen Regeln und Autorität?
Ich habe die Möglichkeit, etwas anzuweisen. Dass die Jugendlichen etwa zu einer Beratungsstelle gehen sollen. Dann müssen sie. Die Hoffnung ist: Wenn der Druck von außen kommt, wird es irgendwann vielleicht zum Selbstläufer, und der Proband erkennt und verinnerlicht die Wichtigkeit.
Aber kann man Jugendliche so zu Disziplin zwingen?
Man kann es so erreichen, klar. Man kann mit Strafe drohen und so Menschen sicher auf eine Linie bringen, das funktioniert ob das aber gut ist, das steht auf einem anderen Blatt. Denn das bedeutet auch Fremdbestimmung und die funktioniert nur so lange, wie jemand da ist. Und das ist nicht unsere Bestimmung. Disziplin hat auch viel mit Freiheit zu tun.
Inwiefern?
Naja Leistungssportler zum Beispiel müssen viel, viel Disziplin aufbringen, haben dann aber auch Freiheiten. Unsere Probanden dagegen haben wenig Disziplin, aber auch wenig Freiheit. Sie müssen begreifen: Wenn ich mehr Disziplin aufbringe, bekomme ich auch mehr Freiheit.
Wie schaffen Sie es, dass die Jugendlichen nicht rückfällig werden?
Unser Allheilmittel ist die persönliche Beziehung. Nur so können wir den Zugang finden, nur so entwickelt sich eine Bereitschaft zur Veränderung.
Kann Sport helfen?
Das kann eine Rolle spielen, ja. Sport treiben strukturiert den Tag, das ist gut. Denn Langeweile produziert viel Mist. Beim Sport entwickelt sich ein positives Selbstwertgefühl, und er baut Aggressionen ab.
Wie oft bedauern Sie, dass die Bewährungshilfe kein Sprint ist?
Sprint ja, schön wärs. Aber das Leben ist nun mal ein Langstreckenlauf und der Prozess der Problemlösung auch.
Interview: Frank Joung












