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13. Februar 2012
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Wenn das Spiel das Leben ersetzt

Lukaswerk bietet jetzt auch ambulante Tages-Therapieplätze bei Online-Sucht und krankhaftem Glücksspiel

Von Bettina Thoenes

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Roulette. Rennbahn. Karten. Zum Schluss waren es bis spät in die Nacht die Spielautomaten. "Ich habe nichts ausgelassen", sagt Karsten Mann (Name geändert). Die Schulden des Angestellten aus Braunschweig kletterten bis auf 65 000 Euro. Mit einem Kredit löste er den nächsten ab. Die Banken kennt er alle. "Zuletzt", bekennt der 48-Jährige, "habe ich mich sogar am Girokonto meiner Mutter vergriffen." 10 000 Euro hat er von ihrem Geld verzockt. Das Moralische drücke man einfach weg. Die Spielsucht ist stärker.

Karsten Mann ist einer von rund 1100 Spielsüchtigen im Großraum Braunschweig. Die meisten spielen am Automaten, weiß Matthias Gernig, beim Lukaswerk Suchthilfe mit der seit 2006 gesetzlich verordneten und finanzierten Spielsucht-Prävention beauftragt.

Schnell folgt am Automaten Spiel auf Spiel. Der Zocker gibt sich der Illusion hin, das Spiel kontrollieren, beherrschen zu können – wenn er nur weitermacht. Und dann braucht er immer mehr davon. Es ist wie bei jeder Sucht.

Glücksspiele. Auch im Internet lauern Versuchungen. Gernig verweist auf eine Untersuchung, nach der es im Netz rund 2500 Spielanbieter gibt. Zugleich registrieren die Fachleute eine wachsende Gruppe an Online-Süchtigen, die sich in Chaträumen oder nie endenden Rollenspielen verlieren. Zur Risikogruppe gehören Gernig zufolge männliche Studenten zwischen 20 und 30 Jahren. Als einen Grund nennt er die Verfügbarkeit: "Sie arbeiten ohnehin viel am Computer. Das kann sich verselbstständigen." Etwa um Prüfungsdruck auszuweichen.

Zuletzt würden Ernährung und Körperpflege vernachlässigt, die Wohnung vermülle und werde nicht mehr verlassen. Das Leben wird ersetzt durch ein Spiel, das kein Ende hat.

Frauen scheinen weniger anfällig für Spiele. "Sie chatten eher", so Petra Sarstedt-Hülsmann, Geschäftsführerin des Lukaswerks. "Das Thema Internet-Sucht wird uns in den nächsten Jahren sicher noch sehr beschäftigen."

"Wir sehen immer mehr junge Leute in die Internet-Sucht wegschliddern", bestätigt Psychologin Katja Kuhlmann, im Lukaswerk mitverantwortlich für ein neues Therapieangebot, das sich sowohl an krankhafte Glücksspieler wie Mediennutzer richtet: Im Haus der Diakonie an der Peter-Joseph-Krahe-Straße wurden sechs Plätze für eine ambulante Tagesrehabilitation geschaffen.

Spielsüchtige müssen nicht mehr zwangsläufig stationär in fern gelegenen Therapieeinrichtungen behandelt werden. Zwölf Wochen lang verbringen sie die Wochentage bis 17 Uhr in der Tageseinrichtung des Lukaswerks. Was in der Therapie erarbeitet werde, könne im Alltag sogleich erprobt werden, nennt Kuhlmann einen Vorteil gegenüber einer stationären Therapie. "Auch bei Rückfällen können wir die Betroffenen begleiten."

Doch betont sie: Es ist ein zusätzliches Angebot. Manch einer brauche die Käseglocke der stationären Therapie, um seine Sucht überwinden zu können.

Auch Karsten Mann landete irgendwann beim Lukas-Werk. Der 48-Jährige hat gespielt, seit er denken kann. Schon mit acht Jahren habe er das erste Erfolgserlebnis gehabt. Aus 50 Pfennigen wurden im Glücksspiel 90 Mark. Mit 16 ging er regelmäßig in Spielhallen, behielt auch schon mal den Motorradhelm auf, um sein Alter zu verschleiern. Mit 17 erschlich er sich mit dem Ausweis seines älteren Bruders Zugang zum Spielcasino. "Man sagt Spielern ja eine große Phantasie nach", meint Karsten Mann.

Die bewies er auch später, um seiner Frau zu erklären, warum er nach der Arbeit nicht nach Hause kam. "Da hat man eben jemanden getroffen, der Hilfe brauchte beim Aufbauen von Möbeln." In Hoch-Zeiten seiner Sucht verspielte er 10 000 Euro im Monat. Um besorgten Freunden zu entgehen, wechselte er die Spielhallen. Weil er keine Miete mehr zahlte, wurde ihm die Wohnung fristlos gekündigt.

"Mit meiner Sucht habe ich mich vor der Therapie nicht auseinander gesetzt.". Einmal aber gab er für seinen Chef einen Lottoschein ab. Da lag ein Handzettel im Geschäft mit einem Selbsttest. "Ich habe alle Fragen mit Ja beantwortet." Doch war es seine Frau, die sich schließlich an Lukaswerk wandte. "Ich hätte dazu nicht die Kraft gehabt." Denn Entzug spürte Karsten Mann auch körperlich. Er wurde ruhelos und gereizt. "Heute", sagt er, "mache ich mir jeden Tag einen Tagesplan. Der erste Punkt ist: Nicht Zocken gehen. Abends mit ich stolz, wenn ich einen Haken dahinter machen kann."

Info über Ambulante Tagesrehabilitation: Lukaswerk, Telefon 88 92 060.

Samstag, 13.09.2008
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/9112987/menuid/2048
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