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13. Februar 2012
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"Eine Schule für alle Kinder"

Interview mit Susanne Pavlidis – Vize-Gesamtschulleiterin aus Peine referierte gestern Abend in Gifhorn

Von Jörg Brokmann

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GIFHORN. Die erste Integrierte Gesamtschule für Gifhorn naht in Riesenschritten. Nach SPD und Grüne spricht sich nun auch die bürgerliche Mehrheitsgruppe im Kreistag dafür aus. Im Rundschau-Interview schildert die Peiner Lehrerin Susanne Pavlidis Vorteile und Schwierigkeiten einer IGS.

Nach dem Regierungswechsel 2003 ist das dreigliederige Schulsystem in Niedersachsen wieder eingeführt worden. Ihre Bilanz?

Pavlidis:  Das gegliederte Schulwesen hat in Niedersachsen eine lange Tradition. Gesamtschulen gibt es hier erst seit den frühen 70er Jahren. Im Juli 2003 wurde im Schulgesetz ein Gründungsverbot für Gesamtschulen festgeschrieben, die existierenden Gesamtschulen erhielten "Bestandsschutz".

Es waren in ganz Niedersachsen 33 kooperative und 28 integrierte Gesamtschulen, 18 dieser Schulen führen eine eigene gymnasiale Oberstufe. Insofern kann man nicht von der "Einführung" des gegliederten Schulwesens im Jahr 2003 sprechen. An Gesamtschulen stiegen die Anmeldezahlen seit 2003 kontinuierlich an, so dass im vergangenen Jahr fast 2400 Kinder nicht den gewünschten Platz bekommen konnten.

Warum lockerte Ihrer Meinung nach die Landesregierung nach der jüngsten Landtagswahl ihre IGS-Ablehnung?

Ministerpräsident Wulff hat vor der Wahl im Januar 2008 angekündigt, dem Elternwillen nach mehr Gesamtschulplätzen zu entsprechen und das Gründungsverbot zu lockern.

Möglicherweise war es die hohe Zahl von Eltern, also Wählerinnen und Wählern, die sich eine IGS für ihr Kind wünschen. Vielleicht war es aber auch die Erkenntnis, dass angesichts des demografischen Wandels und zurückgehender Schülerzahlen immer mehr Städte und Gemeinden, auch CDU-geführte, nach Möglichkeiten suchen, ein breites und vollständiges Bildungsangebot auch in der Fläche vorzuhalten.

Da bieten sich Gesamtschulen, in denen eben alle Bildungsgänge unter einem Dach vorhanden sind, an – jenseits aller Ideologie. Vielleicht hat ihn auch die Leistungsfähigkeit der Gesamtschulen überzeugt. Gute Ergebnisse bei der niedersächsischen Schulinspektion, gute Leistungen der Gesamtschüler bei den Schulabschlüssen, kaum Schulabbrecher oder -versager in Gesamtschulen. Außerdem sind unter den bislang zehn Preisträgern des deutschen Schulpreises der Robert-Bosch-Stiftung immerhin sieben Gesamtschulen zu finden.

Sehen Sie mit der neuen Kultusministerin noch größere Chancen für die Integrierte Gesamtschulen?

Wie die Entwicklung der Gesamtschulen mit der neuen Kultusministerin weiter gehen wird, können wir noch nicht einschätzen.

Welche politischen Stellschrauben müssen gedreht werden, um Ihr Ziel "Schule für alle Kinder" zu erreichen?

Schwierige Aspekte für die Einführung einer Gesamtschule in Gifhorn – und in jedem anderen Landkreis auch – sehe ich vor allem im vorliegenden Schulgesetzentwurf. Einerseits sieht er vor, dass auf dem Gebiet eines Schulträgers das gegliederte Schulwesen vorgehalten werden muss, wenn eine Gesamtschule gegründet werden soll.

Andererseits soll den Schulträgern die Möglichkeit genommen werden, die Aufnahmekapazität von Gesamtschulen zu begrenzen. Das hieße, Gesamtschulen müssten alle Kinder aufnehmen, die angemeldet werden. In der Anhörung zum Schulgesetzentwurf wurden diese Punkte stark kritisiert, zum Beispiel von den kommunalen Spitzenverbänden, dem Landeselternrat, dem Landesschülerrat dem Schulleitungsverband und den Gewerkschaften.

Was bringt es denn unseren Kindern, integrativ zu lernen?

Ohne Angst vor Sitzen bleiben, vor Schulwechsel, vor Zensuren und ohne Druck lernt es sich einfach leichter und lieber. Forschungsergebnisse aus der Gehirnforschung belegen: wenn man Leistungsschwächere und Leistungsstärkere gemeinsam lernen lässt, werden die Guten besser und die nicht so Guten ebenfalls.

Mit 10 oder 11 Jahren ist es eindeutig zu früh, Entscheidungen über Schullaufbahnen zu fällen. In integrierten Systemen mit ihren Möglichkeiten zur Differenzierung und individuellen Förderung bleiben die Bildungswege offen bis zum Ende der zehnten Klasse.

Außerdem hat sich (zum Beispiel in den Pisa-Studien) gezeigt, dass unser dreigliedriges Bildungswesen zutiefst sozial selektiv ist, das heißt der Bildungsweg eines Kindes ist in sehr starkem Maße abhängig von der sozialen Schicht, aus der es kommt.

Wie sieht die Unterstützung der Gemeinnützigen Gesellschaft für Gesamtschulen (GGG) konkret vor Ort aus? Welche Tipps können Sie aus Ihrer Erfahrung in Peine der Initiative in Gifhorn mitgeben?

Mein Tipp: ein solides, überzeugendes pädagogisches Konzept für eine integrierte Gesamtschule entwickeln, möglichst als Ganztagsschule, und sich Rat und Unterstützung in den bestehenden Schulen suchen.

Wir beraten Schulträger und Initiativen vor Ort, vermitteln Besuche in Gesamtschulen und machen Informationsangebote für Eltern. Der nächste Norddeutsche Gesamtschulkongress bietet spezielle Angebote für Planungsgruppen und Schulträger. Er wird am 26. und 27. September bei uns in Peine stattfinden.

mehr in der Freitagausgabe

Donnerstag, 05.06.2008
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/8559710/menuid/2160
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