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12. Februar 2012
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Sonderling mit Herz für die Lyrik

Der Dichter und Preisträger Carl Guesmer wurde in Schöningen beigesetzt – Eine persönliche Erinnerung

Von Reinhard Wagner

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SCHÖNINGEN. Nur wenige Menschen nahmen in dieser Woche auf dem Friedhof in Schöningen Abschied von Carl Guesmer. Kaum jemand kennt den Wahl-Schöninger, der im Alter von 79 Jahren gestorben ist und ein beeindruckendes, 13 Bände umfassendes Lyrik-Werk hinterlässt. Seine ersten Gedichte sind 1949 von Alfred Döblin veröffentlicht worden.

Ich hörte von Carl Guesmer erstmals 1992. Eine Bekannte, ich weiß heute nicht einmal wer es war, rief in der Redaktion an und erzählte mir von ihm. Er suche eine Wohnung in Schöningen, bescheiden solle sie sein und wenig Miete kosten, war ihre Bitte. Der Anruf bei Bürgermeister Jürgen Lübbe führte schnell zum Erfolg. Carl Guesmer zog noch im selben Jahr in der Wohnung an der Unteren Burgbreite ein.

Erst 17 Jahre später ereilte mich erneut ein Anruf, der mir den Mann wieder ins Gedächtnis brachte. Ob ich zu seiner Beerdigung kommen wolle, fragte die Seniorenbeauftragte Brigitte Michael. Herr Lübbe habe sich an meinen damaligen Anruf erinnert. Schließlich habe man damals erfahren, wer sich in Schöningen niederlassen wollte.

Wer war Carl Guesmer? Ihn zu schildern ist nicht einfach, ich habe den Mann nie kennen gelernt. Brigitte Michael hat sich um den Dichter gekümmert, so weit er dies zuließ. "Er war ein Kauz", sagt sie. Groß und schlank, auffallend sein hüpfender Gang, die Beine dabei immer steif durchgedrückt.

Als Sonderling wird er von einem Schulfreund bezeichnet. Er gehörte zu jenen sechs Personen, die zuschauten, als die Urne in der Erde versenkt wurde. Bis zur Sexta haben der heute in Lübeck wohnende Mitschüler und Guesmer die Schule in Parchim besucht. Beide stammen aus Kirch in Mecklenburg-Vorpommern.

Carl Guesmer, damals schrieb er sich noch mit "K" und im Nachnamen mit Umlaut, sei kein typischer Jugendlicher gewesen. Kontakte zu Mädchen? "Wohl kaum", vermutet der Mitschüler. Der Vater war Pastor in der Bekennenden Kirche. Viel mehr weiß man nicht von der elterlichen Familie.

Guesmer muss Anfang der 50-er Jahre nach Westdeutschland gezogen sein. Seit 1951 arbeitete er als Bibliothekar in Marburg/Lahn.

Die ersten Gedichte Guesmers sind 1949 in Alfred Döblins Zeitschrift "Das Goldene Tor" veröffentlicht worden. In den 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erhielt der Lyriker in Hamburg den Förderpreis zum Lessingpreis und den Andreas-Gryphius-Preis in Düsseldorf.

Eitel sei er gewesen, aber bescheiden. "Ich habe mir Schöningen ausgesucht, weil mich dort keiner kennt", soll er gesagt haben. Das hielt er durch. Einladungen zum Neujahrsempfang der Stadt folgte er nicht. "Die wollen doch nur, dass ich Gedichte vorlese", erinnert sich Jürgen Lübbe an einen Ausspruch Guesmers.

Einige Gedichte weisen auf seine Verbundenheit zur Kleinstadt am Elm hin. "Sommer in Schöningen" beginnt: "Wieder weisen Kastanienbäume auf ihre Anzahl und Stattlichkeit mit Stachelfrüchten hin, dem heimlichen Wahrzeichen der Stadt." Im vorletzten Absatz schreibt Guesmer "Der Schornstein vom Kraftwerk, der allerhöchste ganz hinten in meinem Küchenfenster, zeigt mir, wo letztlich mein Essen gekocht wird."

Kaum ein Schöninger kannte ihn. Öffentlichkeit scheute Carl Guesmer. Das C und den Umlaut wollte er sich im Pass eintragen lassen. Jürgen Lübbe, damals Bürgermeister, erinnert sich an die Gespräche und den Versuch, Guesmer klar zu machen, dass dies nicht möglich sei. So blieb es einzig beim Künstlernamen Carl Guesmer.

Wann er genau starb, weiß keiner. Weil sein Schulfreund ihn seit November 2008 nicht mehr ans Telefon bekam und er später nicht öffnete, als Brigitte Michael auf Bitten des Freundes nach ihm schauen wollte, wurde schließlich die Wohnungstür geöffnet. Carl Guesmer lag tot neben seinem Bett in einem spartanisch eingerichteten Zimmer.

Clus-Pfarrer Olaf Brettin erinnerte während der Urnenbestattung an den Satz aus dem 1. Buch Samuel: "Der Mensch sieht vor seinen Augen, Gott aber schaut das Herz an." Carl Guesmer war ein Sonderling, aber mit viel Herz für die Lyrik.

Samstag, 04.04.2009
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/10103025/menuid/2161
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