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09. Februar 2012
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Der Blick zurück ist auch ein Schritt nach vorn

Künstlerin Dagmar I. Glausnitzer führt durch ihr Haus und schaffensreiche Jahre – Hütte aus indischem Elendsviertel nachgebaut

Von Michael Michalzik

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JERXHEIM-BAHNHOF. Es ist ein Blick zurück. Doch er ist frei von Wehmut und Zorn. Ein Rückblick und gleichzeitig ein Schritt nach vorn: "Man begreift sich selbst aus der Vergangenheit", sagt Künstlerin Dagmar I. Glausnitzer.

Sie führt ihre Gäste durch die schier endlose Zahl der Räume: Die Zeitzeichen ihres eigenen Selbst hat sie für das spezielle Wochenende gesammelt und aufgebaut.

Einen Monat hat allein die technische Umsetzung in dem einstigen Gebäude für Bahnangestellte in Jerxheim gedauert, der Vorlauf indes viel länger.

Glausnitzer wirft sich ein selbst geschneidertes Gewand, der Weg ihrer Performance führt sie zu den experimentellen Klängen von Alexander Rues durch alle Etagen des Gebäudes, ein getanzter Schlussstrich, ein Neubeginn: Die Künstlerin schüttelt Vergangenes ab.

Künstlerin als Objekt

Ist das nicht eine sehr persönliche Sache, schwer vor Publikum zu zeigen? "Nein, ich bin ja selbst objektiviert. Sonst würde die Performance nicht stattfinden. Ich verschwinde im Hintergrund." Das Gewand hat die Form eines alten Huts. Das ist ein Motiv, eine geometrische Form, mit der Glausnitzer immer wieder spielt.

Zu diesen plastischen Formen gesellen sich die mehr als 100 kleinformatigen Bilder eines Paares, das seine Beziehung immer wieder durchlebt: Da wird geliebt und gestritten, die Figuren kotzen sich in einer zugespitzten Darstellung ’mal buchstäblich aus, ’mal sind sie zur Säule erstarrt.

Weiter führt der Rundgang. Vorbei an dem Keller-Niedergang, in dem nackte Menschen dem Betrachter den Rücken zukehren. Nackt und verletzlich stehen sie vor einer Mauer – wie KZ-Häftlinge. Glausnitzer hat erschütternde Geschichten aus Deutschlands schrecklichsten Stunden aufgearbeitet.

Der Garten dann ist wild und von Pfaden durchzogen. Er will vom Besucher erschlossen werden Wer weit genug geht, kommt an einen kleinen Verschlag: "Indian Hut", indische Hütte, heißt das lebensgroße Werk. Der Aufwand ist beträchtlich: Glausnitzer hat sie auf ihrer jüngsten Indienreise selbst gesehen, die Holzhütten in den Elendsvierteln.

Wer findig ist, bietet in solchen Buden Dienstleistungen an: Schreibarbeiten für die Ärmsten, Waschmittel in so kleinen Packungen, dass es sich jeder für ein paar Rupien noch leisten kann.

Nähen mit Stahldraht

Und genau so eine Hütte hat die Künstlerin in Jerxheim aufgebaut, perfekt bis ins Detail. Unterm Dach schließlich sind Objekte auf Leinwände genäht – mit Stahldraht. Ein Zeichen für Unvergänglichkeit? "Nein, für Härte." Ein Zimmer ist mit einem Möbel-Sammelsurium eingerichtet, strahlt seltsame Melancholie aus.

Während ihrer Londoner Zeit hat die Künstlerin mit auf offener Straße aufgebauten Zimmern an die Obdachlosen erinnert. Einen Kaffeesack hat Glausnitzer als Leinwand benutzt. Entstanden ist das Bild an Bord eines Schiffes. Die Künstlerin ist auch zur See gefahren. Die Retrospektive ist wie eine Weltreise.

Donnerstag, 09.07.2009
Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/artid/10611866/menuid/2161
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