"Das reale Sterben wird verdrängt"
Helmstedter Hospiztage werden heute mit einem Vortrag des Palliativmediziners Eberhard Klaschik fortgesetzt
Damit der Hospizgedanke mit all seinen Facetten bekannter wird, gibt es in Helmstedt vom 21. Februar bis 21. März die 2. Hospiztage. Der Verein Hospizarbeit hat das Thema "Sterben, Tod und Trauer in verschiedenen Kulturen" gewählt.
Heute ab 19.30 Uhr steht ein Vortrag im Juleum (Bibliothek) auf dem Programm der Veranstaltungsreihe. Der Eintritt ist frei. Referent ist Professor Eberhard Klaschik, Experte für Palliativmedizin. Die Helmstedter Nachrichten haben dem Bonner Mediziner vorab Fragen zur Schmerztherapie gestellt, die er per Mail beantwortet hat:
Bundespräsident Johannes Rau beklagte in seiner Berliner Rede 2001, die Palliativmedizin sei in Deutschland sträflich vernachlässigt worden. Hat sich seitdem aus Ihrer Sicht etwas daran geändert?
In den letzten 10 Jahren hat sich in Deutschland viel für die weitere Entwicklung der Palliativmedizin geändert. Beispielhaft seien genannt: die
Einführung der Zusatzweiterbildung für Palliativmedizin durch die Bundesärztekammer im Jahre 2004, die Einrichtung von fünf Lehrstühlen für Palliativmedizin (Bonn, Aachen, Köln, München, Göttingen); drei weitere werden im Jahre 2010 dazukommen (Mainz, Erlangen, Freiburg), das Gesetz für die "Spezialisierte ambulante Palliativversorgung" im Jahre 2008. Es gibt einen deutlichen Anstieg der Palliativstationen (Ende 2009 ca. 170 Stationen), und Palliativmedizin wurde Pflichtlehr- und Prüfungsfach für Studenten der Medizin.
Aktive Sterbehilfe lehnen Sie ab. Warum?
Die Befürwortung oder Ablehnung der aktiven Sterbehilfe werden bestimmt von prinzipiellen ethischen Einstellungen zur Lösung problematischer Lebenssituationen. Zu den Aufgaben des Arztes gehören aus meiner Sicht unter anderem Krankheiten zu heilen, Leiden zu lindern und dem Patienten beizustehen. Die Durchführung von aktiver Sterbehilfe würde das Berufsbild des Arztes völlig verändern. Aktive Sterbehilfe ist nicht Verwirklichung von Autonomie, sondern Zerstörung von Autonomie.
Stößt man als Palliativmediziner nicht irgendwann an seine Grenzen und fällt dann der Verzicht auf aktive Sterbehilfe nicht schwer?
Die Erfahrungen aus der Palliativmedizin zeigen, dass wir unendlich viel für unsere Patienten an Leidenslinderung und Erschließung von Lebensperspektive erreichen können. Der Unterschied zwischen aktiver Sterbehilfe und Palliativmedizin ist, dass aktive Sterbehilfe den Menschen beseitigt, während Palliativmedizin das Leiden des Menschen beseitigt (oder zumindest auf erträgliches Maß reduziert).
Warum ist das Thema Sterben noch immer ein gesellschaftliches Tabu?
Das reale eigene Sterben (im Gegensatz zum Sterben in den Medien) wird verdrängt, weil es nicht in den Lebensdurst und die Leichtigkeit des Lebens mit seinem Konsumhunger passt.
Mit welchen Vorurteilen über das Sterben möchten Sie aufräumen?
Dass Sterben in der Medizin, ein Sterben an "Schläuchen" ist. Die "moderne" Medizin hat gelernt oder ist dabei zu lernen, dass Menschen in der letzten Lebensphase gut begleitet, betreut, schmerzfrei versterben können.
Wie werden wir in einigen Jahrzehnten mit dem Thema Tod und Sterben umgehen?
Wir werden im nächsten Jahrzehnt eine deutlich bessere Verbreitung und Umsetzung der Palliativmedizin in allen Bereichen erleben. Damit wird auch die Erkenntnis in der Bevölkerung wachsen, dass die Medizin zu einem würdigen Umgang mit Sterbenden beigetragen hat.
Gleichzeitig werden wir durch die demographische Entwicklung vor einer weiteren großen Herausforderung stehen. Hier wird die Gesellschaft gefordert sein, dass alte Menschen ihrer Würde entsprechend behandelt werden.













