Als Färben noch ein Handwerk war
An der Magdeburger Straße führte die Helmstedter Familie Kruse knapp 80 Jahre ein Färbereigeschäft
Vor gut 30 Jahren verabschiedete sich ein Helmstedter Traditionsgeschäft: Die Färberei und Wäscherei Kruse an der Magdeburger Straße war ein Relikt alter Tage, und die Unternehmer-Familie musste bald die Zeichen der Zeit erkennen.
Sascha Steinmann blättert in alten Akten. Vergilbtes Papier mit Stempeln und altdeutscher Schrift, historische Grundrisse und Gutachten holt der Helmstedter hervor. Steinmann will wissen, seit wann es die Färberei gab. Endlich findet er einen Verweis der Stadt: 1808 wird das Gebäude an der heutigen Magdeburger Straße 17 erstmals aktenkundig erwähnt. "Die Färberei muss es seit Mitte des 19. Jahrhunderts geben", meint er.
Schon früh arbeitet Steinmanns Ur-Opa Albert Kruse, geboren 1872, in der Färberei, die bis um die Jahrhundertwende noch in fremder Hand war. Kruse übernimmt 1900 den Laden mit seiner Frau Marie. Die Ära der Färberfamilie Kruse beginnt.
In der damaligen Bahnhofsstraße wird gewaschen und gefärbt. "Große Aufträge kamen von der Spinnerei und dem Kloster Marienberg", erzählt Steinmann. Im Hinterhof des Gebäudes wird kräftig angebaut, das Geschäft läuft gut. Neben der Färberei in einer kleinen Baracke entsteht ein Kohlenschuppen und eine kleine Lagerhalle. Dort steht später eine riesige Waschmaschine, "so groß wie ein VW-Bus", erinnert sich der Urenkel.
1903 wird Walter Kruse geboren, Steinmanns Opa. Er übernimmt 1930 das Familiengeschäft. Zu dieser Zeit entsteht auch der Laden nach vorne raus, der heute noch erkennbar ist. "Auch der alte Tresen steht auch noch", sagt Steinmann stolz.
In den Folgejahren leitet Walter Kruse mit seiner Frau Ella den Betrieb. Auch die chemische Reinigung kommt als Standbein mit hinzu. Die Firma expandiert, hat in Helmstedt und Umgebung, bis nach Schöningen Außenstellen. "Die Färberei war Opas Leben", erklärt Steinmann, während er alte Fotos betrachtet. Ein altes Werbeplakat steht im Flur des Hauses Steinmann: "Keine Experimente, lieber gleich Kruse", steht darauf geschrieben.
Die Geschichte lebt in den alten Mauern der Magdeburger Straße 17. Überall hängen alte Fotos der Familie. Auch Sascha Steinmann arbeitete noch in der Färberei. "Da es ein Familienbetrieb war, wollte mein Opa Walter, dass sein einziger Sohn Jürgen den Betrieb übernimmt. Aber der wollte nicht", erzählt der Helmstedter. So sprang seine Mutter Marie-Luise in die Bresche. Sie stellte damit ihre Lebensplanung in den Hintergrund, um ihren Vater nicht zu enttäuschen.
Marie-Luise lernt das Färberei-Handwerk und 1960 übernimmt sie den Laden. Walter hilft weiterhin mit. Doch die Geschäfte in der Branche werden schwieriger. Das Färben wird immer mehr von der Großindustrie übernommen. "Es war die Zeit, in der immer mehr Waschmaschinen verkauft wurden", erinnert sich Steinmann, der 1958 geboren wurde.
Schon früh mussten er und sein Bruder Boris in der Wäscherei aushelfen. Schulden werden angehäuft, die Mutter merkt, dass sich das Geschäft nicht mehr rentiert. Aus Angst, das Lebenswerk des Opas Walter zu zerstören, macht sie weiter. Sie arbeitet Tag und Nacht. "Wir mussten ihr oft Essen machen, denn sie vergaß vor lauter Arbeit zu essen", sagte Steinmann.
Im Jahr 1976 stirbt Walter. Nur zwei Jahre später verpachtet Marie-Luise die Färberei, zwei Jahre darauf ist endgültig Schluss.
"Ein Segen für meine Mutter, denn endlich konnte sie ihren Traumberuf in der Altenpflege nachgehen", freut sich Steinmann. Die Tradition der Färberfamilie Kruse war damit Geschichte.













