Lengeder Hauptschüler wollen nicht zum Unterricht in die Realschule
Emotionsgeladene Elternratssitzung zum Raumkonzept für die IGS – Landesschulbehörde: Kompromisse nötig
LENGEDE. Explosive Stimmung in der Mensa des Schulzentrums Lengede. Wie sieht das Raumkonzept für die neue IGS aus? Diese Frage treibt Eltern, Schüler und Lehrer der Lengeder Hauptschule derzeit um. Rund 100 Eltern und Schüler wollten am Mittwochabend eine Antwort.
Diese aber blieben ihnen Mathias Mirowski, Vertreter der Landesschulbehörde, und Reiner Göldner, Fachbereichsleiter Schulen beim Landkreis Peine, schuldig. "Es gibt noch kein fertiges Konzept", diesen Satz wiederholte Göldner im Laufe des Abends immer wieder. Für die Zuhörer angesichts der Zeitschiene wenig glaubhaft. "Sie können mir nicht erzählen, es sei noch nichts geplant", meinte ein Vater unter großer Zustimmung der Zuhörer. Göldner räumte ein, es gebe zwar Überlegungen, die ersten fünf Klassen der IGS in der Hauptschule anzusiedeln, aber: "Entschieden ist nichts."
Genau an diesen Überlegungen aber entzündet sich der Unmut der Schüler und Eltern der Hauptschule, denn dann sollen Hauptschüler an die Realschule ausgegliedert werden. "Man sollte die Bewohner des alten Hauses nicht rauswerfen sondern mitnehmen", sagte Reiner Hälke. Der Schulelternratsvorsitzende der Hauptschule hatte zur öffentlichen Elternsitzung in die Mensa eingeladen. Hälke fügte hinzu: "Uns geht es nicht pro oder contra eine Schulform, uns geht es nur um unsere Schule." Dies bekräftigte auch kommissarischer Hauptschulleiter Dietrich Teetz: "Es sollen nicht die Kinder, die eingeschult werden, darunter leiden."
Überrascht zeigte sich Mathias Mirowski über das große Interesse der Schüler und Eltern an diesem Abend. Er versicherte, alle Schüler der beiden etablierten Schulformen hätten Anspruch auf guten Unterricht bis zum letzten Tag. Für den Aufbau der IGS am Lengeder Schulzentrum seien aber Kompromisse nötig, um gemeinsam einen Weg zu finden. Mit Blick auf die Diskussionen an der Hauptschule betonte Mirowski, es sei "offensichtlich bis zum heutigen Tage nicht alles so rüber gekommen, wie es sollte."
Rein rechnerisch stellt sich die Unterbringung der ersten fünf Klassen der neuen IGS eigentlich ganz einfach dar: Zum Schuljahresende verlassen drei zehnte Realschulklassen und zwei zehnte Hauptschulklassen die Schulen. Das Problem: Sollte der erste IGS-Jahrgang komplett in der Hauptschule untergebracht werden, gibt es die Überlegung, die zwei zehnten Hauptschulklassen in freiwerdenden Klassenräumen der Realschule unterzubringen.
Dazu eine Hauptschülerin am Mittwoch: "Wenn wir zur Realschule rübergehen, weiß man nicht, was passiert". Weitere Äußerung: "Wenn sich Schüler beider Schulen auf der Straße begegnen, wird die Straßenseite gewechselt." Eine Mutter: "Meine Tochter hat fünf Jahre die Realschule besucht und ist dann zur Hauptschule gewechselt. Hier wurde sie aufgebaut. Von ihren ehemaligen Mitschülern wird sie geschnitten."
Nicht überzeugen lassen wollten sich Eltern und Schüler, dass in der IGS-Planungsgruppe bislang nur über Profile der neuen Schule gesprochen worden sei, aber nicht über ein Raumkonzept. Dies jedoch bestätigten Vertreter aus der Planungsgruppe, die ebenfalls gekommen waren. Ihre Versprechen: Das Stimmungsbild aus der Versammlung in die Planungsgruppe mitzunehmen.
Auch der Vertreter der Landesschulbehörde nahm an diesem Abend einen Eindruck mit. Mirowski: "Ich habe wahrgenommen, dass es es hier ganz viele Sorgen gibt, auch im Zusammenleben mit der Realschule." Dies müsse bei den Planungen berücksichtigt werden. Reiner Hälke zu den Zuhörern: "Ich kann zusichern, dass wir gezielt darauf achten, dass ihr nicht hinten runter fallt."
Auf ein Miteinander setzte Reiner Göldner: "Wir wollen uns doch verständigen." Deshalb solle gemeinsam ein Konzept für den Übergang erarbeitet werden. Noch einmal darauf angesprochen, wann ein Raumkonzept zu erwarten sei, betonte Göldner: "Deutlich vor den Sommerferien."
KOMMENTAR:
Von Doris Comes
IGS reißt alte Wunden auf
Mit diesem massiven Widerstand seitens der Hauptschule haben die IGS-Planer wohl nicht gerechnet. Hatte deshalb ein tragfähiges Raumkonzept nicht die höchste Priorität oder glaubte man, die angedachte Lösung – IGS-Klassen in der Hauptschule und Auslagerung der zehnten Hauptschulklassen in das Realschulgebäude – werde ohne nennenswerten Protest einfach hingenommen?
Der Mittwochabend hat jedoch deutlich gemacht: über den tiefen Graben der Animositäten zwischen Haupt- und Realschule in Lengede führte schon lange keine Brücke, daran hat sich nichts geändert, die IGS reißt alte Wunden auf. Dieses Nicht-Miteinander-Wollen ist vor vielen Jahren entstanden und, egal wo der Ursprung lag, heute wird es von beiden Seiten "gepflegt". Diese "Feindschaft" ist umso verwunderlicher, als beide Schulen für sich einen ausgezeichneten Ruf genießen, pädagogisch wertvolle Arbeit zu leisten. Beide Schulen verstehen es auch, dass ihre Schüler und deren Eltern sich mit "ihrer" Schule identifizieren, für sie einstehen.
Genau das tun die Hauptschüler und -eltern. Aber sie sind eben auch mit dem Virus der Ablehnung der jeweils anderen Schule infiziert. Gelöst wird dieses Lengeder Problem wohl letztendlich erst, wenn die IGS die beiden anderen Schulformen ersetzt hat.
Doch zunächst muss die IGS überhaupt starten. Die Botschaft des Mittwochabends ist klar: Bekommen die Verantwortlichen nicht ein für alle Beteiligten und Betroffenen kompromissfähiges Raumkonzept zustande, steht dieser Start der IGS unter einem ungünstigen Stern.













